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05/2021 Lautschrift

Bildungsstreik

Im zweiten Pandemiejahr ist der Begriff „Bildungsstreik“ wieder in aller Munde. Forderungen nach einem Durchschnittsabitur werden laut. Die sozialen und finanziellen Ungleichheiten drücken sich vor dem Bildschirm noch hemmungsloser aus. Das Schüler:innen-Bündnis Gerechte Bildung geht jedoch noch weiter. Neben der Rückkehr zum G9-Schule und massiven Investitionen ins Bildungssystem wird auch die Übernahmegarantie für Auszubildende gefordert. Dass Schüler:innen für bessere Lernbedingungen und ein gerechtes Bildungssystem auf die Straßen gehen, ist jedoch nicht neu: Aus den Schulen und Hochschulen heraus organisierten mehrere hunderttausend junge Menschen 2009 einen Bildungsstreik. Wie besonders diese Form des Streiks ist, werden wir weiter unten sehen.

Ein gelegentlich aus meist konservativen Kreisen erbrachter Vorwurf gegen Bildungsstreiks nimmt an, die Schüler:innen würden die Protestform für das Schulschwänzen, die Studierendenschaft wiederum für das Faulenzen ausnutzen. In anderen Worten: Die Streikenden verschleierten hinter den Protesten für ein gerechteres und menschenwürdigeres Bildungssystem ihr egoistisches Interesse, nicht Teil einer wirtschaftlich „produktiven“ Gesellschaft zu sein. Die Geschichte beweist das Gegenteil. Die Streikwelle im Jahr 2009 war auf eine Woche angesetzt, da sich unter den Bedingungen des G8-Schulsystems und dem zunehmenden Konkurrenzkampf die Schüler:innen unter dem Druck wiederfanden, ihre Zukunft durch die zu lang andauernde Streikaktion aufs Spiel zu setzen. Nicht nur aufgrund der Fehlstellungen des Bildungssystems, sondern auch trotz dieser ist die Jugend auf die Straßen gegangen – sehr wohl mit dem Wissen im Hinterkopf, die schulische Laufbahn zu sehr zu gefährden. Das alte Märchen vom faulen Streikenden wird durch die Realität eines Besseren belehrt.

Einige linke Kreise, die immer noch in einer idealisierten 68er-Nostalgie festhängen, kritisieren zudem Schul- und Hochschulstreiks aufgrund ihrer vermeintlich geringen Politisierung. Die Streikenden würden sich auf rein technische und ökonomische Fehlstellungen fokussieren und dadurch das Bildungssystem und in letzter Instanz das Gesellschaftssystem in ihrer Kritik ausklammern. Dies sei vor allem dem spontanen Aufflammen der Schüler:innenbewegung mit fehlender Koordination zur Last zu legen. Auch in diesem Aspekt lohnt es sich, in die geschichtlichen Erfahrungen einzutauchen. Die Protestwellen des Jahre 1987/88 zeigen auf, wie eng die Forderung nach besseren Abiturbedingungen und gegen eine ökonomische Umstrukturierung der Hochschulen (UNiMUT) mit den grundlegenden Fragen verknüpft ist, was eigentlich Bildung sein muss und welche gesellschaftlichen Triebkräfte sich gegen jegliche Erneuerung stellen. Wichtige Erfolge der UNiMUT-Streiks waren nicht zuletzt, Hochschulsonderprogramme finanzieren zu können. Auch die Lucky Streiks (1997) reihen sich in die spontan entstandenen Protestbewegungen ein. Die primäre Antriebskraft der Streikenden bildete zwar das Ziel, ökonomisch unter weniger Druck abschlussorientiert zu studieren. Doch nicht zuletzt waren die Proteste der erste Anknüpfungspunkt vieler Studierende, sich mit der ökonomisierten Hochschule als Ganzes auseinanderzusetzen und Erfahrungen des Protests zu sammeln. Die Bildungsstreiks 2009 wurden schließlich durch ein breites Bündnis getragen und koordiniert.

Der allgemeine und tieferliegende Kern der Bildungsstreiks erhält erst nach diesen geschichtlichen Erfahrungen volle Gestalt. Was den Bildungsstreik auszeichnet, ist sein Potential, vereinzelte Proteste in vereinzelten Schulen in einen einzigen geeinten Protest gegen das gesamte Bildungssystem zu verwandeln. Denn im Gegensatz zu üblichen Streiks wird kein einzelnes Unternehmen oder eine Branche bestreikt. Nicht die konkrete Schule und die in ihr arbeitenden Lehrkräfte sind die Profiteure der schlechten Schulbedingungen. Die Gesetze und damit auch Verfügungsgewalt werden durch die staatlichen Institutionen auf Landes- und Bundesebene entwickelt und vollstreckt. Jede Schule – gelegentlich nur im selben Bundesland, gelegentlich im ganzen Land – bietet ähnliche Rahmenbedingungen und damit in letzter Instanz den Rahmen, um aus dem Protest einiger Schüler:innen einen Protest der gesamten Schüler:innenschaft zu schaffen. Da sich zudem der Protest gegen die Entscheidungen des Staates richtet, erwächst aus dem Kampf für bessere Lernbedingungen ohne große Mühe ein Kampf für ein besseres Bildungssystem. Der konkrete Streik wird zu einer Bewegung mit systemischem Charakter.