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05/2021 Lautschrift

Depressiv und allein gelassen Wenn Wirtschaft vor Gesundheit geht

Die Pandemie bedeutet für fast alle Menschen eine enorme Belastung, welche sich sowohl im Alltag als auch im generellen psychischen Wohlbefinden bemerkbar macht. Kinder und Jugendliche sind meist noch stärker betroffen als Erwachsene, da sie aufgrund von Homeschooling und fehlenden Freizeitangeboten kaum Anlässe haben, das Zuhause zu verlassen. Wenn man sich vor Augen hält, wie wichtig ein geregelter Tagesablauf, aber auch Bewegung und vor allem der soziale Kontakt sind, ist es fatal, dass die meisten Kinder und Jugendlichen nun seit mehr als 5 Monaten unter den Folgen des andauernden Lockdowns leiden.

„Fast jedes dritte Kind“

Mit Andauern der Pandemie hat sich die psychische Verfassung vieler junger Menschen weiterhin fortlaufend verschlechtert, wie die „CoPsy-Studie“ des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt. Oft haben sie mehr Streit in der Familie, mehr schulische Probleme und ein schlechteres Verhältnis zu ihren Freunden. Kein Wunder, denn selbst wenn man fertig mit Schule und Hausaufgaben ist und sich mit einer weiteren Person trifft (sonst verstößt man bereits gegen die Auflagen), gibt es kaum eine Möglichkeit, etwas zu unternehmen, da die Läden geschlossen sind und das Wetter seit November selten zum Spazieren einlädt. Hinzu kommt die Anspannung zu Hause, die daher rühren kann, dass man rund um die Uhr aufeinander rumhängt oder die Eltern aufgrund existenzieller Sorgen durch Jobverlust oder Kurzarbeit nicht in der Lage sind, ihre Kinder emotional aufzufangen.  Während im Juni 2020 71% der befragten Kinder angaben, sich seelisch belastet zu fühlen, sind es Mitte Januar 2021 ganze 85%. Auch bei Eltern treten vermehrt depressive Symptome auf.

Konflikte innerhalb der Familie sowie häusliche Gewalt haben sich ebenfalls verschärft. Das ist fatal, denn es ist schwieriger für Kinder und Jugendliche, sich Hilfe zu suchen oder den Konflikten zu entgehen, da sie wenig bis keine Kontakte zu erwachsenen Vertrauenspersonen, wie Lehrern, Betreuern oder Trainern haben. Die Konsequenz ist Stress, sozialer Rückzug und depressive Verstimmtheit. Mittlerweile ist fast jedes dritte Kind „psychisch auffällig“, doch auch psychosomatische Symptome, wie beispielsweise Kopf- oder Bauchschmerzen sowie Übergewicht, haben sich vermehrt.  Laut der Studie machen heute zehnmal so viele Kinder und Jugendliche keinen Sport wie vor der Pandemie. Dabei sind Sport und Bewegung wichtig für die physische und psychische Gesundheit, aber auch für die Entwicklung von Kindern. Sie können hier Freunde treffen, lernen Teil einer Mannschaft zu sein, Konflikten gegenüberzustehen und mit Sieg und Niederlage umzugehen. Zu einem Bewegungsmangel kommt, dass sich die Ernährung deutlich verschlechtert hat, was häufig Grund für Konzentrationsmangel und Energielosigkeit ist. Sieben von zehn Kindern geben eine verminderte Lebensqualität an, bei der ersten Befragung waren es noch sechs, vor der Pandemie nur drei.

Für die meisten Jugendlichen ist die Tagesstruktur weggebrochen. Ein geregelter Tagesablauf, wie zum Beispiel zur Schule gehen, regelmäßige Mahlzeiten und Hobbys, bietet Halt und Orientierung. Hinzu kommt, dass es Schüler:innen durch das Homeschooling, welches Online-Unterricht und Arbeit in Eigenverantwortung beinhaltet, schwerer fällt, sich zu konzentrieren. Wie auch nicht, wenn man mit einem Klick auf einer anderen Website sein oder sonst wie durch die Umgebung der eigenen Wohnung abgelenkt werden kann. Schüler:innen mit schlechteren Voraussetzungen, wie mangelnder technischer Ausstattung oder ohne ruhigen Ort zum Lernen, werden abgehängt. Auch die Zukunft wird dadurch für einige ungewiss. Es ist schwieriger, einen Praktikumsplatz zu finden, die Versetzung ist vielleicht gefährdet, oder den richtigen Notendurchschnitt für ein Studium zu bekommen scheint kaum machbar.

Trifft es alle gleich?

Doch obwohl fast alle Kinder und Jugendlichen unter den Auswirkungen von Pandemie und Lockdown leiden, herrscht Ungleichheit. Ein eigenes Zimmer oder ein geteilter Schreibtisch. Eltern, die bei den Hausaufgaben helfen oder den ganzen Tag arbeiten. Frisch gekochte Mahlzeiten oder Tiefkühlware und Süßigkeiten. Einen guten, betreuten Onlineunterricht oder Lernen in Eigenverantwortung. Ein stabiles familiäres Umfeld oder Streit und Stress zu Hause.

Die Studie zeigt, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Familien oder Familien mit Migrationshintergrund stärker betroffen sind. In der Pressemitteilung heißt es „[…] Wer vor der Pandemie gut dastand, Strukturen erlernt hat und sich in seiner Familie wohl und gut aufgehoben fühlt, wird auch gut durch die Pandemie kommen.“ (Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, Leiterin der COPSY-Studie). Das Fünftel der Kinder, welches schon vor der Pandemie schlechtere Bedingungen hatte, leidet nun dreimal häufiger unter depressiven Verstimmungen, Anzeichen für Sorgen und Ängstlichkeit waren bei ihnen etwa doppelt so häufig.

Wenn Wirtschaft vor Gesundheit geht

Dass so viele junge Menschen durch die Pandemie einen Teil der Zeit, in der sie sich entwickeln, kennenlernen, ausprobieren und formen sollen, verlieren, ist schlimm, aber nicht nur der Pandemie an sich geschuldet. Der ewig andauernde zweite Lockdown hätte verhindert werden oder zumindest deutlich kürzer ausfallen müssen. Auch die aktuellen Fallzahlen könnten deutlich niedriger sein, wenn die Regierung endlich die die richtigen Maßnahmen treffen würde. Dadurch, dass die Wirtschaft weiterläuft, birgt der Arbeitsplatz für viele Menschen weiterhin das größte Ansteckungsrisiko. Seit Wochen zeigt sich, wie gering die Auswirkung der Maßnahmen ist, die allein das Privatleben immer weiter einschränken, und trotzdem wird weitergemacht. Die Regierung nimmt damit in Kauf, dass Kinder und Jugendliche psychisch immer stärker belastet werden, dass es vermehrt zu häuslicher Gewalt kommt, dass Familien, die es schon vor der Pandemie nicht leicht hatten, jetzt um ihre Existenzgrundlage kämpfen müssen. Wenn die Regierung anfangen würde, die Maßnahmen nicht im Interesse der Konzerne und nach Profitlogik zu treffen, sondern tatsächlichen mit dem Ziel, der Pandemie ein Ende zu setzten, wären Präsenzunterricht, Freizeitangebote, Sport und soziale Kontakte keine Tagträumerei, sondern bald wieder Realität und Alltag von Kindern und Jugendlichen.

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03/2021 Lautschrift

EIN ALTER WEISSER MANN UND DIE FRAUENBEWEGUNG

Artikel von Hanna Lubcke aus der „Jungen Stimme“ (Ausgabe 85, März/April 2020)

Der Kampf gegen die Unterdrückung der Frau ist noch lange nicht gewonnen. Obwohl es in Deutschland seit über 100 Jahren eine mehr oder weniger starke Frauenbewegung gibt verdienen wir in Deutschland durchschnittlich immer noch 22% weniger als Männer, jede vierte Frau arbeitet im Niedriglohnsektor, außerdem arbeiten Frauen im Haushalt jede Woche durchschnittlich 9 Stunden länger als Männer. Auch die Gewalt gegen Frauen ist immer noch verheerend, allein 2018 wurden in Deutschland 118 Frauen von ihren (ehemaligen) Partnern ermordet. Währenddessen findet der größte Teil vom feministischen Diskurs an der Hochschule statt und verliert teilweise den Bezug zur Bevölkerung komplett. So führt der Versuch, eine geschlechtsneutrale Sprache zu etablieren dazu, dass Menschen, die diese nicht auf Anhieb beherrschen teilweise aus dem Diskurs ausgeschlossen und für unpolitisch erklärt werden. Identitätspolitik führt dazu, dass sich nur noch Menschen zu Diskriminierung äußern können, die davon betroffen sind. Diesen Menschen die Erfahrung und damit mehr Deutungshoheit zuzusprechen ist natürlich richtig, in der Konsequenz verhindert es aber heutzutage häufig den offenen Austausch über Vorurteile – aus Angst, etwas falsches zu sagen sagt man lieber gar nichts mehr. Diese Debatte über Sprache und Identität, die weder anschlussfähig noch ausreichend ist, um Antworten auf die Probleme von Frauen heutzutage zu finden, dominiert die feministische Szene. Dabei gibt es Theorien zur Frauenbefreiung, die Anfang des letzten Jahrhunderts eine breite, fortschrittliche Frauenbewegung unterstützt haben – und Friedrich Engels, dessen Geburtstag sich 2020 zum 200. Mal jährt, spielte hierbei eine große Rolle.

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03/2021

Stonewall 1969: Ein vergessener Aufstand?

Artikel von Joshua Sommer

Es ist kurz nach Mitternacht im Sommer. Sieben Polizisten stürmen, wie üblich, das „Stonewall Inn“ in New York. Jahrhunderte der internationalen Unterdrückung und Ermordung von überwiegend trans, schwulen und lesbischen Menschen (zusammengefasst auch: LGBTQI*-Community)* in der Gesellschaft liegen zurück. Doch dann der Wendepunkt: Die 200 Gäste verhalten sich nicht wie üblich. Sie wehren sich. Es fliegen Steine, weil eine Frau aus der Bar in das Polizeiauto gezerrt wird. Sie fängt an, sich zu wehren, und ermutigt die Menschen vor der Bar, sich aufzulehnen. Der Protest wird laut. Gegen die Schikane der Polizisten. Gegen die staatliche Ordnung. Gegen die Gesetze, die verbieten, dass Sexualität und wahre Geschlechtsidentität ausgelebt werden darf.** Diese unerträgliche Wut der unterdrückten Massen musste befreit werden. Aus einigen wurden viele. Worte wie „I’m proud and gay“ oder „Gay Liberation“ ertönten. Mit »gay« (übersetzt: „schwul“) war zu der Zeit jedoch gesamte queere Community gemeint.

DIE STRAßE GEHÖRT UNS

Befreiung muss her. Nach etlichen Steinen kommen die Molotowcocktails. Der Aufstand beginnt. Die Polizisten verschanzen sich im „Stonewall Inn“ vor lauter Angst. Die Menschen sammeln sich in der Christopher-Street. Linke Bewegungen zu der Zeit schließen sich an, so zum Beispiel Aktivist:innen der „Black Panther Party“ oder der „Young Lords“. Dieser Moment des Aufstandes war die Geburtsstunde für die Radikalisierung der „queeren“*** Bewegung. Nach tagelangen Protesten beruhigte sich zwar die Lage vor Ort, aber schon nächstes Jahr gelang es der Bewegung, bis zu 10.000 Menschen auf die Straße zu bringen. Der erste „Christopher-Street-Day“ fand 1970 in New York als Marsch statt. Eine Bewegung fing an zu blühen und damit begann der jahrzehntelange Kampf.

GAY-LIBERATION-FRONT

Aus dem Stonewall-Aufstand heraus entstand die „Gay-Liberation-Front“, was eine Anspielung auf den damaligen Vietnam-Krieg war. Die US-Truppen wurden nämlich „National-Liberation-Front“ genannt. Der Krieg dauerte von 1955 bis 1976 an. 1964 mischten sich die USA militärisch ein, denn sie wollten „den vermuteten Vormarsch des Kommunismus“ stoppen. Die „Gay-Liberation-Front“ solidarisierte sich mit linken Kämpfen zu der Zeit. Sie identifizierten sich als Unterdrückte und solidarisierten sich mit allen anderen Unterdrückten. Ob mit Arbeiter:innenbewegungen, der schwarzen Befreiungsbewegung, der „dritten Welt“ oder eben der Problematik des Vietnam-Kriegs: „Gay-Liberation-Front“ bedeutete Klassenkampf, was wiederum heißt, dass alle Unterdrückten untereinander sich als Klasse gegen die Unterdrücker des bestehenden Systems auflehnen und gegen dieses System der Unterdrückung kämpfen. Sie wollten Rache an der Quelle der Unterdrückung, und somit gegen die „abscheuliche kapitalistische Ordnung“ (Quelle: The Rat, Zeitung der „GLF“).

Leider spaltete die GLF sich nach wenigen Jahren auf und somit auch eine komplette Bewegung. Es wurden trans-Personen von schwulen/lesbischen Gruppen wie der „Gay-Activists-Alliance“ ausgeschlossen. Daraufhin gründeten Marsha P. Johnson und Sylvia Riviera, die heutigen Ikonen der Bewegung und des Stonewall-Aufstandes, die „Street Transvestite Action Revolutionaries“ (STAR). Der Konflikt fand seinen Höhepunkt auf einer Kundgebung, wo trans-Aktivst:innen die Bühne stürmten, weil sie auf der Demo ganz hinten laufen mussten. Antikommunistische Hetze, der neoliberale Aufstieg, sowie auch die Uneinigkeit innerhalb der linken Bewegung führten schon ab den 1970er-Jahren zur Verhinderung von großen Massenbewegungen.

INDIVIDUALISMUS ÜBER ALLES?

51 Jahre ist der Aufstand nun her. Nur ist nicht mehr viel übrig von dem einst „revolutionärem“ Charakter der Bewegung. Auf dem heutigen „Christopher-Street-Day“ werben politische Parteien für sich, Konzerne machen ihr Geld und es wird fleißig Alkohol getrunken. Beim Zelebrieren des sogenannten „Pride-Month“ sieht es nichts anders aus: Es wird erinnert an das, was geschaffen wurde, es wird gefeiert, so als gäbe es keinen Grund mehr, für wahre Freiheit zu kämpfen.

FREIHEIT FÜR ALLE UNTERDRÜCKTEN

Sicher lebt eine queere Person heute unter anderen Gesetzen in den Industriestaaten der Welt. Der queeren Bewegung von damals haben wir sicher vieles zu verdanken. Doch wo ist die heutige „Gay-Liberation-Front“ geblieben, die sich mit allen Unterdrückten der Welt, und deren eigener Unterdrückung, auseinandersetzt? Es nützt uns nichts, wenn mit „queer“ Geld gemacht wird. Wenn sich Konzerne zwar für Profit interessieren, aber nicht für die tagtägliche Diskriminierung. Die Wirtschaftsordnung, in der wir leben, kann nichts anderes tun, als Diskriminierungen zu manifestieren. Wenn wir als queere Personen diskriminiert werden, stehen wir nicht alleine da. Wir sind ein Teil im System, welches die weltweite, systematische Unterdrückung fortführen lassen will. Unterdrückung darf kein Ist-Zustand bleiben und deshalb müssen alle queeren Menschen wieder anfangen sich umzuschauen. Alleine oder als queere Community wird das nie gelingen.

* LGBTQI ist eine Abkürzung für Lesbian, Gay, Bi, Trans, Queer und Intersex. Auf Deutsch steht das also für lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer und intersexuell. 

** Bestrafung von Homosexuellen und trans-Personen per Gesetz: Der §175 ermöglichte eine strukturelle und systematische Verfolgung von Homosexuellen bis 1994. Das sogenannte Transsexuellengesetz diskriminiert bis heute Trans-Personen durch staatlich-fundiertes „Recht“.

*** QUEER: der Begriff »queer«, ursprünglich als Schimpfwort gebraucht, bezeichnet heute sowohl die gesamte LGBT*+-Bewegung als auch einzelne ihr angehörende Personen)

„Wir waren krank und müde von der tagtäglichen Unterdrückung (…) Die Zeit ist gekommen, und ich werde keine Minute davon verpassen, das ist die Revolution.“, Sylvia Riviera, trans-Frau und Stonewall-Ak

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01/2021

Musikalische Gegengewalt

Vielen ist Rage against the Machine (RATM) ein Begriff. Wer einmal in die Musiklandschaft der 1990er Jahre getaucht ist, ist früher oder später auf diese Crossover-Band aus Kalifornien gestoßen. Ihr gleichnamiges erstes Studioalbum aus dem Jahr 1992 ist ein musikalischer Meilenstein. Ob die mit Wut bis zum Anschlag rappende Stimme des Frontmanns Zach de la Rocha oder der mit allen möglichen Effekten gezeichnete Klang von Tom Morellos Gitarre: Dieses Crossover-Album als Zusammenfassung von genialen und detailreichen Tracks war ein Sprung in eine neue Musik. Crossover meint dabei eine Mischung aus Musikgenres, die man kaum für kompatibel halten würde oder deren Mixtur man zuvor noch nicht erprobt hat. RATM treibt es da bis auf die Spitze der Musikchemie. Funk, Blues Rock, Metal und Rap mit einer gehörigen Portion dissonanter Klänge und Sozialkritik.

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01/2021 Lautschrift

Der ungebetene Gast

Als ich einmal aus der Schule kam, das muss die Grundschule gewesen sein, herrschte eine ursachenlose Unruhe zuhause. Die Unruhe war oft das fünfte Familienmitglied. Alle grüßten sie, führten sie Gassi oder nahmen sie mit in die Schule oder in die Arbeit, ohne ihren Namen zu kennen. Diese Unruhe, der ich später selten oder gar nicht bei Freunden aus der Studienzeit begegnet war, begleitete uns auch im Sommer, wenn wir in die Türkei fuhren. Mutter bereitete das Mittagessen in der Küche zu und Can war im Kinderzimmer. Vermutlich spielte er; was, das weiß ich nicht mehr. Es sind die üblichen Tricks, die das Gedächtnis an solchen Stellen anwendet, um das Nicht-Wissen mit Lügen romanhaft zu umgehen. Ich werde versuchen, diesen Lügen, so verführerisch sie sind, nicht zum Opfer zu fallen. Denn sie bedeuten auch immer Schweigen über oder Verschweigen von etwas. Ich schreibe, weil ich beschlossen habe, nicht zu schweigen und nichts zu verschweigen. Ich will das Etwas mit Worten auflesen, es aufschreiben und festhalten, damit es nicht mehr fliehen kann. Ich suche es hinter den Lügen, das Unausgesprochene, eine Sprache der Sprachlosigkeit.

Jedenfalls sollte Vater jeden Augenblick von der Arbeit kommen und nach der Arbeit, vor allem nach der Frühschicht, war er hungrig und oft launisch, als müsste er zuhause etwas ausgleichen, was er draußen erlitten hatte. Auch seine Launen waren zuweilen ursachenlos, oder man konnte sie nicht mit bloßem Augenschein zur Kenntnis nehmen. Sie waren unsichtbar und doch sichtbar, wie Staub auf dem Rücken von Schmetterlingsflügeln. Seine breiten Schultern gingen zu Boden. Seine Augenlieder lagen wie halbfallende Jalousien über seinen Pupillen. Falten einer namenlosen Sorge umkränzten seine Augen. Vermutlich wusste auch er nicht von dieser Sorge oder woher sie kam, aber dennoch bewegte sie ihn, wie mir oft schien. Wer ist schon Beweger – sind wir nicht alle Bewegte einer Macht, die von uns ausgeht, ohne dass wir erkennen, dass sie von uns ausgeht? Sie ergreift unsere Körper und macht aus uns etwas, von dem wir am Ende sagen, dass es Selbstbestimmung oder Freiheit ist. Von Selbstbestimmung oder Freiheit war an solchen Mittagsstunden wenig auf den Wangen von Vater zu sehen. Wie farblose Gardinen fielen sie in seine Wangenknochen.

Ich ging in das Kinderzimmer, wo Can war. Wir teilten es uns. Es war so groß wie ein kleines Arbeitszimmer mit Schreibtisch und einem Bücherregal für Ordner und Akten. Anstelle des Schreibtischs stand da ein Hochbett, er unten und ich oben; anstelle eines Bücherregals ein Kleiderschrank. Über dem dunkelblauen Teppich lag ein Spielteppich, der den Straßenverkehr darstellte, auf dem Can manchmal Spielzeugautos hin und her über Kreuzungen oder in Sackgassen rollte. Irgendwas hatte mich genervt. Ich lag auf dem Bett und hörte Musik mit einem CD-Player, den mir ein Schulfreund geliehen hatte. Vater wollte uns sowas nicht kaufen. Es sei Geldverschwendung, sagte er.

Irgendwann wurde Can auf das Gerät aufmerksam. Er kletterte auf mein Bett und versuchte es an sich zu reißen. Ich stieß ihn zurück.

„Was willst du?“, sagte ich.

„Ich will auch hören.“

„Na gut, hier“, antwortete ich und reichte ihm einen Kopfhörer. Wir lagen zusammen in meinem Bett, starrten die Decke an und hörten Musik, während das Essen aus den dampfenden Töpfen und Pfannen in unser Zimmer kroch. Das war nicht immer schön, vor allem, wenn das Fett der Pfannen nachts auf unseren Kissen und Decken schlief. Unser Zimmer war direkt gegenüber der Küche, die ein kleines Fenster hatte. Daher stand die Küchentür meist offen, damit der Zug über das Wohnzimmer bis hin zum Badezimmer die Küche durchlüftete. Nach einigen Minuten ging die Musik aus. Die Batterien waren leer.

„Mach’s doch wieder an“, sagte Can.

„Die Batterien sind leer“, erklärte ich ihm und stand auf, um neue zu holen. Can kam mit.

„Sag aber nicht Mutter, wofür wir die Batterien brauchen, ok?“

Can nickte.

Wir wühlten in jeder Schublade im Wohnzimmer. Wir wurden nicht fündig. Dann wollten wir ins Schlafzimmer von Mutter und Vater, aber das war abgeschlossen. Als uns Mutter entdeckte, die inzwischen Teller und Geschirr ins Wohnzimmer trug, wo wir immer gemeinsam aßen, denn einen Esstisch hatten wir aus Platzgründen nicht, fragte sie, wonach wir suchten.

„Haben wir Batterien, Mama?“, fragte Can.

„Wofür?“, sagte Mutter.

„Wir wollen Musik hören mit Karls CD-Player“, antwortete Can.

Mutter, die eine Schürze über ihrer blauen Krankenpflegerkleidung trug, die auszuwechseln sie nach der Arbeit keine Zeit fand, legte ihre geballten Hände in die Hüfte. Eine Strähne fiel ihr über die Stirn: „Was für ein CD-Player?“

Ich sagte zu Can: „Bist du dumm!“

„Du bist selber dumm“, rief er aus Trotz.

„Du Bettnässer! Warum hältst du dich nicht an dein Wort!“

„Selber Bettnässer“, rief er wieder aus Trotz und mit ein wenig Verlegenheit, die von seinem Schuldbewusstsein abblätterte.

„Schluss jetzt!“, sagte Mutter, „Was sind das für Worte, Karl? Entschuldige dich bei deinem Bruder! Und was ist das für ein CD-Player? Woher hast du ihn?“

Ich schwieg und sagte in Cans Richtung: „Idiot! Ich werde dich nie mehr mit mir Musik hören lassen.“

Dann stürzte er sich auf mich und ich auf ihn, so wie das Kinder machen; ein Schlagen, das Schubsen und Packen ist. Das kam nicht selten vor zwischen Can und mir, mindestens einmal in der Woche. Während Mutter uns laut aufschreiend mit Händen auseinander zu halten versuchte, was wir komplett ignorierten, trat Vater in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich.

„Seid ihr bescheuert! Man hört euch bis nach draußen“, waren seine ersten Worte. Er legte seine Tasche neben die Schuhe, die im Flur neben der Eingangstür standen. Er ging mit einem zornigen Blick geradewegs auf uns zu. „Da kommt man von der Arbeit, wo man das Geschrei der Maschinen acht Stunden ertragen muss, und findet zuhause keine Ruhe, sondern auch Geschrei.“

Als er zwei Schritte von uns entfernt war, rief Mutter entsetzt: „Ihr Plagen!“ und stürzte in die Küche, wo Suppe aus einem Topf überkochte und wie eine Blutlache über den Herd schlich und auf der glühenden Herdplatte zischte. Rauch ballte sich in der Küche und ein verbrannter Geruch zog durch die Wohnung.

„Verdammt nochmal!“, brüllte Vater zu Mutter, „Schaffst es nicht mal die Kinder ruhig zu halten. Und jetzt diese Sauerei in der Küche!“ Dann zu uns: „Was ist hier los?“

Im Geschrei erfuhr er vom CD-Player und brüllte mich an, während er zugleich Beleidigungen in Mutters Richtung warf, die eine fremde Gewalt in ihm ebenso gewaltsam aus seinem Mund katapultierte. Er dachte dabei nicht nach. Fürs Denken war keine Zeit, eigentlich war zuhause nie Zeit fürs Denken. Wie ein Getriebener riss uns Vater auseinander und gab mir eine schallende Ohrfeige, die mir so weh tat, dass Tränen sich in meinen Augen sammelten. Ich weinte aber nicht, ich schluckte die Ohrfeige in meinen Bauch. Mutter schrie auf, dass Vater mich nicht schlagen solle. Sie stürzte sich zu uns. Alle brüllten im zynischen Orchester der Gewalt, die sich selbst zelebrierte. Dann schrien sich Vater und Mutter an. Can und ich schrien ebenso. Alle schrien. Vaters untere Augenlider zitterten vor Aufregung, während er seinen Oberkörper leicht nach vorne beugte wie eine in der Luft schwingende Brechstange. Immer wieder schossen seine Arme in die Luft. Er rührte Mutter nicht an. Aber auch Mutters Körper glich einer Brechstange. Plötzlich, wir standen im Wohnzimmer, ohne zu wissen, wer uns dorthin geschoben hatte, fiel Vater mit dem Gesäß in das Sofa. Eine Blässe hauchte über sein Gesicht, die ihm alle Lebendigkeit stahl. Er fiel in Ohnmacht; nein, er erlitt seinen ersten Herzinfarkt.

Wir waren still, Can und ich wegen der Schockstarre, die Vaters lebloser Körper uns versetzte. Mutter reagierte schnell, ohne zu zaudern. Sie kannte sich mit solchen Gesichtsausdrücken aus. Sie öffnete das Hemd von Vater, legte ihn auf das Sofa und gab Vater eine Herzdruckmassage mit einer Mund-zu-Mund Beatmung. Nach einigen Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, öffnete Vater die Augen, als hätte Mutter ihn wachgeküsst. Sie rettete ihm das Leben. Erst dann zeigte sich die Angst auf Mutters Gesicht. Sie umarmte ihn ganz fest. Wir, Can und ich, schlossen uns an und umarmten die Arme von Vater, der verwirrt zu sein schien. Er wusste nicht, was um ihn geschehen war. Jahre später sollten noch zwei weitere Herzinfarkte folgen, allerdings nicht solche, die in einer Bedeutungslosigkeit wie einem CD-Player ihren Anfang nahmen. 

Belanglosigkeiten waren zuhause eine Zündschnur, welche zu einer unsichtbaren Gewalt führte, die wie ein Puppenspieler unsere Gesten, Bewegungen und unsere Sprache beherrschte. Dabei war die Ursache von Streit immer absurd, was zeigt, dass die wirkliche Ursache von einem anderen Ort, außerhalb von der Familie, ausging. Wo dieser Ort war, wusste keiner, weder Vater noch Mutter und erst recht nicht Can und ich. Vielleicht hätte das am Schreien, Brüllen und Streiten nichts geändert, wenn wir es gewusst hätten; vielleicht. Gesiegt hatte immer diese Gewalt, dieser ungebetene Gast.

-Mesut Bayraktar

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01/2021 Lautschrift

Obdachlosigkeit – nicht unser Problem

Jedes Jahr, wenn die Tage wieder kürzer und die Nächte länger werden, wenn es draußen ungemütlich wird und alle so wenig Zeit wie möglich in der Kälte verbringen wollen, gibt es viele Menschen, denen das verwehrt bleibt, was für die meisten von uns selbstverständlich ist: ein Ort zum Aufwärmen, ein Dach über dem Kopf.

Menschen verlieren aus einer Vielzahl an Gründen ihren Wohnsitz und werden infolgedessen mit einer ebenso großen Varietät an Problemen konfrontiert. Statistiken gibt es – dank der Regierung – keine. Und doch wird kaum über Wohnungslosigkeit geredet, tatsächlich scheint es so, als würde das Thema nur (mediale) Aufmerksamkeit erlangen, wenn sich im Winter die Kältetode wieder häufen.

Wohnungs- oder obdachlos kann theoretisch jede:r werden. Trotzdem, die Wahrscheinlichkeit, wohnungslos zu werden, steigt, je mehr Risikofaktoren zusammentreffen. Als solche sind vor allem Krisen- und Umbruchsituationen zu sehen: Der Verlust des Arbeitsplatzes, die Trennung von dem:der Partner:in, Migration, ein konflikthaftes und abruptes Verlassen des Elternhauses oder einer Einrichtung der Jugendhilfe, Verschuldung, Haftentlassung sowie psychische Erkrankungen. Prof. Dr. Harald Ansen, Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaften, bezeichnet weiterhin Menschen als besonders gefährdet, die schon immer eher am Rande der Gesellschaft standen, beispielsweise Seefahrer:innen aufgrund ihrer hohen beruflichen Mobilität.

Wohnungslosigkeit als gravierendes gesellschaftliches Problem auf der anderen Seite ist das Ergebnis einer mangelhaften Wohnungspolitik, die durch eine nicht annähernd ausreichende Anzahl von Sozialwohnungen und bezahlbaren Wohnungen definiert wird, sowie unzulänglichen sozialen Diensten, die dazu führen, dass Menschen in (den weiter oben genannten) Krisensituationen nicht ausreichend beraten und unterstützt werden.

Dazu kommt der Faktor, dass Wohnungslosigkeit länger andauert, wenn Menschen getroffen werden, die in Armut ohne (ressourcen-)starkes soziales Umfeld leben und wenn soziale Hilfen und bezahlbare Wohnungen fehlen und/oder nicht zugänglich sind.

Die fehlenden Statistiken

Dafür, dass Wohnungslosigkeit grundsätzlich jede:n von uns treffen könnte, wird sie erstaunlich wenig thematisiert. Das sieht man schon daran, dass es auch im Jahr 2020 noch immer keine offiziellen Statistiken über Wohnungslosigkeit in Deutschland gibt. Alle Zahlen, die zu wohnungs- und obdachlosen Menschen vorliegen, sind Schätzungen, die aus der Erfahrung von Hilfseinrichtungen und anderen statistischen Quellen erhoben werden. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) ging 2018 von insgesamt 678.000 wohnungslosen Menschen in Deutschland aus; etwa zwei Drittel dieser Menschen sind anerkannte, aber wohnungslose Flüchtlinge. Zusätzlich dazu schätze die BAGW im Jahr 2016 die Zahl der obdachlosen Menschen auf 52.000 und der wohnungslosen Kinder und Jugendlichen auf 32.000.

Egal, ob man jetzt bedenkt, dass diese Zahlen nur ungenaue Schätzungen mit Dunkelziffer sind oder nicht jede:n einbeziehen (z.B. Asylsuchende, über deren Antrag noch nicht entschieden wurde), es ist klar, dass diese Zahlen unglaublich hoch sind – und sie hören auch nicht auf zu steigen: Die BAGW verzeichnete vom Jahr 2017 ins Jahr 2018 einen Anstieg von 4,2% aller Wohnungslosen.

Der Bund lehnte Anfragen zur Erfassung solcher Statistiken bisher ab. Erst letztes Jahr, 2019, wurden erste Schritte in diese Richtung unternommen, als das Bundesministerium für Arbeit und Soziales einen Gesetzesentwurf zur „Einführung einer Wohnungslosenberichterstattung“ vorlegte. Der Bundestag stimmte im Januar diesen Jahres für den Entwurf, der zukünftig jährlich an einem ausgewählten Stichtag für eine offizielle Erhebung wohnungsloser Menschen in Deutschland sorgen würde. Auch diese Statistik wird natürlich unvollständig sein, da die Zahl spezifisch obdachloser Menschen schwer zu erheben ist, wenn diese nicht auf Notunterkünfte oder andere Hilfseinrichtungen zurückgreifen. Trotzdem, eine offizielle Statistik wäre zum einen mit weitaus weniger Unsicherheit behaftet als die Schätzungen, die beispielsweise von der BAGW erhoben werden, und außerdem ist sie schon längst überfällig.

Auch auf gesellschaftlicher Ebene ist nicht genug Bewusstsein für Wohnungs- und Obdachlosigkeit vorhanden. Meistens wird, wenn überhaupt, nur über Obdachlosigkeit gesprochen, wenn es wortwörtlich um Leben und Tod geht, oder oft sogar erst, wenn es schon zu spät ist: Im Winter, wenn obdachlose Menschen erfrieren oder wenn sie angegriffen werden – wie zum Beispiel 2017 in Hamburg, als ein Mann die Schlafsäcke von Slawomir W. und Krzysztof S. anzündete, während sie schliefen.

Ein Teufelskreis – oder?

Wohnungslose Menschen werden mit einer Vielzahl an Problemen konfrontiert, von denen manche mehr und andere weniger offensichtlich als Kälte und Gewalt sind. Es mangelt an ausreichender und gesunder Nahrung, an Erholung, Austausch und Intimität. Der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung und die hygienischen Bedingungen sind schwierig – und das betrifft nicht nur die Möglichkeit, sich selbst und seine Kleidung zu waschen: Menstruierenden Personen fehlt der Zugang zu Hygieneprodukten wie Binden und Tampons. Personen, die auf der Straße leben, erfahren außerdem oft soziale Kälte und Abneigung. Auch haben sie keine Möglichkeit, Habseligkeiten oder wertvolle Gegenstände zu schützen. Ein Leben ohne Perspektive auf Verbesserung macht anfälliger für Sucht, weshalb Drogen- und Alkoholmissbrauch in vielen Fällen ein Problem darstellt.

Und wie sollen wohnungslose Personen eine Perspektive haben, wenn meistens gilt: Ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung? Es ist in Deutschland zwar seit Mitte 2016 nicht mehr notwendig, einen Wohnsitz zu haben, um ein Bankkonto zu eröffnen, ein sogenanntes Jedermann-Konto, doch einen Job zu finden, hat ohne Wohnsitz noch immer viele Hindernisse. Schon die Bewerbung stellt eine Hürde dar: Man braucht ein Anschreiben, einen Lebenslauf, Zeugnisse, etc. Wie soll man als obdachlose Person an einen Computer kommen, um diese Dokumente zu erstellen? Abgesehen von der Tatsache, dass es ohne festen Wohnsitz keine Möglichkeit gibt, wichtige Dokumente – wie beispielsweise Zeugnisse – zu schützen. Doch selbst wenn man davon ausginge, dass die Bewerbung kein Problem darstelle, würde spätestens das Bewerbungsgespräch neue, schwer bis unmöglich erfüllbare Anforderungen stellen, wie mit einem gepflegten Erscheinungsbild und oft professioneller Kleidung zu erscheinen.  Wir stellen also fest: Erst eine Arbeitsstelle zu finden, um so wieder eine eigene Wohnung zu bekommen, scheint keine besonders realistische Herangehensweise zu sein.

Das Konzept „Housing First“ geht das Problem von der anderen Seite an. Es folgt der Annahme, dass eine eigene Wohnung das elementarste Bedürfnis wohnungsloser Personen ist und alle anderen Probleme, unter denen die jeweilige Person leidet, gelöst werden können und müssen, sobald sie oder er einen festen Wohnsitz hat. Auch in deutschen Städten wie Hamburg und Berlin gibt es erste Modell-Projekte dieses Konzeptes, welches Personen, wenn sie ihre Wohnung verlieren, sofort eine neue Wohnung verschafft – ohne Vorbedingungen. Das ist zwar begrüßenswert, doch zum einen sind solche Lösungsansätze nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn sie nicht auf bundesweiter Ebene durchgesetzt werden, und zum anderen bringt es nicht viel, die Symptomatik behandeln zu wollen, wenn die Ursache des Problems fortbesteht: Deutschland mangelt es an bezahlbarem Wohnraum und Sozialwohnungen. Der Bund muss mehr Verantwortung für eine soziale Wohnungspolitik übernehmen, allerdings ist aktuell eher das Gegenteil der Fall, denn die Bundesmittel für sozialen Wohnungsbau in 2020 und 2021 wurden mit jeweils einer Milliarde Euro weniger angesetzt als in den Vorjahren.

Laut der BAGW werden jedes Jahr mindestens 100.000 neue Sozialwohnungen sowie weitere 100.000 bezahlbare Wohnungen benötigt. Im Koalitionsvertrag hatte sich die Bundesregierung das Ziel von 375.000 neuen Wohnungen pro Jahr gesetzt, neu gebaut wurden 2017 aber nur 285.000 Wohnungen, von denen lediglich 27.000 Sozialwohnungen waren, also etwas mehr als ein Viertel der benötigten Anzahl. Solange es einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum und Sozialwohnungen gibt und solange die Mieten weiter steigen, werden mit jedem Jahr mehr Menschen wohnungslos werden, egal welche Projekte gestartet werden, um die Menschen wieder von der Straße zu holen. Es darf gar nicht erst so weit kommen.

Wer die Verantwortung trägt

Wohnungslosigkeit ist, gerade in Großstädten wie Hamburg, ein so alltägliches Problem, dass sie ein scheinbar unausweichlicher Teil der Großstadtrealität zu sein scheint. Aber wir dürfen ihr nicht mit Resignation begegnen, sie darf niemals akzeptiert werden. Es ist als Zivilgesellschaft nicht unsere Verantwortung, Wohnungslosigkeit zu beenden, aber es ist unsere Aufgabe, die Regierung dieses Problem nicht ignorieren zu lassen, solidarisch mit wohnungslosen Menschen überall zu stehen und zu verhindern, dass sie stigmatisiert und ausgegrenzt werden.

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11/2020 Lautschrift

Lähmende Stille, trotz lauter Schreie

„Er hat 14 Jahre gekämpft, wurde allein gelassen und hat es dann nicht mehr geschafft.“ Dieses Zitat stammt von Candan
Özer, sie ist die Frau von Attila Özer. Dieser starb im Jahr 2017 an den Spätfolgen des Nagelbombenanschlags der rechten
Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“, mindestens neun weitere Menschen wurden durch den NSU aus rechten
und rassistischen Motiven ermordet. Die Polizei als Staatsapparat ermittelte nie für, sondern immer gegen die Opfer des
NSU. Die Opfer wurden zu Täter:innen gemacht. Bei all den rechten und rassistischen Morden fällt immer noch auf, dass sie
aus der Sicht des Staates fast ausschließlich als Einzelfälle deklariert werden. Ob Halle, Hanau oder zuletzt auch der antisemitische
Angriff in Hamburg, es waren niemals Einzelfälle.

EIN RÜCKBLICK ÜBER DEN NSU
Nachdem erst 2011 der NSU aufflog, gab es 2013 auf der ersten Pressekonferenz des Oberlandesgericht München eine Feststellung der Staatsanwaltschaft. Diese ging lediglich von drei Neonazis aus, die den NSU ausmachten. Dabei wusste man, dass drei Neonazis nicht den NSU machen, sondern ein großes Netzwerk. Am Ende wurden dann
nur fünf Neonazis angeklagt und verurteilt, davon sind vier mit milden Freiheitsstrafen davongekommen. Bevor der NSU sich selbst enttarnte, verliefen die Ermittlungen immer gegen das Umfeld der Opfer, sowie gegen die Angehörigen. Die mediale Öffentlichkeit nahm die Opfer jahrelang (der erste Anschlag war 2000) nie in Schutz, der Staat schaute
weg und verurteilte ebenfalls das Umfeld der Opfer, umhüllt mit rassistischen Vorurteilen. Selbst als klar war, dass eine neonazistische Gruppe hinter den Anschlägen steckt, empfand es die bürgerliche Presse als förderlich, mehr über die Neonazis zu berichten, als die Geschichten der Betroffenen zu erzählen. Hätte der NSU sich nicht selbst enttarnt, dann wäre es nie dazu gekommen, von staatlicher Seite aus gegen rechte Strukturen zu ermitteln. Nach all den Jahren der Hetze und des Misstrauens gegenüber den Opfern und Angehörigen, standen dann nur fünf Neonazis vor Gericht? Kein Verfassungsschutz, kein Innenministerium, keine Polizeibehörde wurden in diesem Fall jemals zur Rechenschaft gezogen. Liegt das daran, dass der Staat eine zu große Rolle als Unterstützer bei der Durchführung der Mord spielte? Wie können wir von einem zerstörenden, rassistischen Staat
eine antirassistische Ermittlung erwarten? Diese Gegensätze prallen aufeinander. Spätestens nachdem die Gerichtsverfahren anfingen
wurde klar, dass der Staat Schulter an Schulter mit Rechtsextremist:innen gemeinsame Sache macht. In den 1990er-Jahren war der Verfassungsschutz immens an der Gründung des „Thüringer
Heimatschutzes“ beteiligt, eine faschistische, neonazistische Gruppierung. Im Thüringer Heimatschutz befanden sich anfangs 140 Mitglieder, davon waren mindestens 40 V-Männer, also fast ein Drittel
der Neonazis. Aus dem Thüringer Heimatschutz entstand später der NSU. Der Verfassungsschutz begründete die Verstrickung so, dass man diese Art von Nazistrukturen nur kontrollieren und abschaffen kann, wenn man sie selbst mit aufbaut. Wenn man ihnen Gelder zur Gründung bereitstellt durch V-Männer wie „Tino Brandt“? Der NSU war beim Verfassungsschutz nämlich schon 1998 bekannt. Geplant war eine Festnahme in Chemnitz. Nur konnte man sie angeblich nicht einfangen, da man nicht viel über sie wusste. Dies entsprach nicht der Wahrheit. Man kannte sogar den Sitz der Gruppe durch ein Observierungsbild aus dem Jahre 2000. Nur wird dies vom Verfassungsschutz bis heute bestritten. Der V-Mann Tino Brandt war an der Finanzierung des NSU beteiligt, sodass die Mitglieder sich gefälschte Pässe kaufen konnten um unterzutauchen. Mehrere V-Männer, bekannt unter den Tarnnamen „Piatto“ und „Tarif“, berichteten im Jahre 1998 vom NSU. Der V-Mann „Primus“ diente dem NSU zur illegalen Arbeitsbeschaffung, indem er die Mitglieder in seinem Unternehmen arbeiten ließ. Von 2000-2002 konnten diese sich somit finanziell absichern. „Corelli“, ebenfalls ein V-Mann, gab dem Verfassungsschutz sogar eine Daten-CD mit der Aufschrift „NSU/NSDAP“. Zehn Tagen nachdem der NSU aufflog, wurden bereits sämtliche Akten zu der Thematik vernichtet. Bis heute stehen
viele weitere Akten unter Verschluss. Sie wurden verbrannt, oder teilweise „zufällig“ vom Hochwasser vernichtet. Hinzu kommen die fünf toten Zeug:innen, die im NSU-Prozess aussagen sollten. Diese
sind alle kurz bevor sie aussagen mussten, an einem plötzlichen Tod bzw. an Selbstmord gestorben. Zu viel Zufall?

NSU 2.0
Neonazistische Netzwerke bestehen. Der NSU 2.0 besteht. Es ist ein düsterer Alptraum, der nicht aufhören will. Und die Spur führt direkt zu sämtlichen Polizeibehörden. Seit 2018 schon werden Bomben und
Morddrohungen durch rechte Drohbriefe mit dem Pseudonym „NSU 2.0“ abgeschickt. Inzwischen wurden mindestens 88 Drohbriefe versendet, die mit dem Kürzel „NSU 2.0“ versehen wurden. 105 Drohbriefe wurden insgesamt per Fax, E-Mail, SMS oder Kontaktformular versendet. Dies zeigen aktuelle „taz“- und „Zeit“-Recherchen auf. Die restlichen Briefe wurden mit Kürzeln wie „SS-Obersturmbannführer“, „NationalSozialistischeOffensive“ „Wehrmacht“, „Staatsstreichorchester“ oder „Wolfszeit 2.0“ unterzeichnet und enthalten überwiegend faschistische und rassistische Inhalte. Darunter sind aber auch vertrauliche, nicht zugängliche Daten oder Adressen, die nur polizeilich abgerufen werden können. Klar ist, dass die Polizei maßgeblich als Akteur fungiert. Sie bietet rechten Netzwerken eine Möglichkeit, ihre Propaganda und Drohungen zu verbreiten. Denn um an die Daten der Adressat:innen zu gelangen, wurden bis heute sämtliche Polizeicomputer in Hessen, Berlin und Hamburg, wenige Augenblicke vor dem Absenden der Briefe, benutzt. Die Polizei ist maßgeblich an den Taten des „NSU 2.0“ und co. beteiligt.
Den ersten Drohbrief vom 02.08.2020 erhielt die Anwältin Seda Başay-Yıldız. Die Anwältin war Nebenklägerin im NSU-Prozess, und vertrat 2018 einen Islamisten, der nach Tunesien abgeschoben wurde. Am Ende gab das Gericht in Bochum ihr Recht, jedoch wollte niemand den Mandanten zurück nach Deutschland bringen. Sie forderte demnach ein Zwangsgeld in Höhe von 10.000€. Der „Führer vom NSU 2.0“, wie der Nazi sich gerne nennt, schickte per Fax einen Drohbrief raus. In dem Brief wird sie als „miese Türkensau“ beleidigt, und ihr wird gedroht: „Als Vergeltung für 10.000€ Zwangsgeld schlachten wir deine Tochter.“ Der Name des Absenders; „Uwe Böhnhardt“. Unterzeichnet mit; „NSU 2.0“. Am selben Tag hatte jemand die vertraulichen Daten der Anwältin in einem Frankfurter Polizeirevier abgerufen. Das fanden Ermittler:innen der Polizei raus, nachdem Başay-Yıldız Strafanzeige stellte, und somit Ermittlungen aufgenommen wurden. Die Ermittlungen zeigten mindestens 70 Verdachtsfälle der Polizei Hessen, bei denen rechtsradikale Handlungen nachgewiesen werden konnten. Am 05.06.2019 bekam Başay-Yıldız einen von vielen weiteren Drohbriefen. Die Verfasser drohten damit, Başay-Yıldız umzubringen, denn dies hätten sie bereits mit dem CDU-Politiker Walter Lübcke getan. Zwar wurde im Fall Walter Lübcke der Neonazi Stephan Ernst festgenommen, aber eine Beteiligung der Verfasser des Briefes an der Tat ist bis heute nicht auszuschließen. Der Drohbrief wurde neben der Signatur „NSU 2.0“ mit dem Kürzel „Prinz Eugen SSOSTUBAF“ versehen. „SSOSTUBAF“ steht für „SS-Obersturmbannführer“, Prinz
Eugen war ein Nazi, der an sämtlichen Kriegsverbrechen im Dritten Reich beteiligt gewesen ist. Dies war der Anfang von der bis heute andauernden rechten Drohbriefserie. Die Liste ist lang, und der Fall von Başay-Yıldız nur ein Beispiel für die Verstrickung von Neonazis und Rechtsextremist:innen bei der Polizei. Die Drohbriefe nehmen teilweise aufeinander Bezug, und richten sich an unterschiedliche Adressat:innen wie Politiker:innen, Journalist:innen, deutsche Behörden, die Justiz und Medien, sowie an die polizeilichen Ermittler:innen des Falles. Hauptverdächtigter im Fall „NSU 2.0“ ist Johannes S., ein Polizist aus Frankfurt. Dieser soll auch Başay-Yıldız die Drohbriefe zugeschickt haben. Beim Ermitteln wurde klar, dass es sich bei Johannes S. um einen langjährigen Neonazi, „Linkenhasser“ und Rassisten handelt. Es gäbe aber trotz einer ersten Festnahme, trotz der illegalen Abrufe von personenbezogenen Daten und einer Hausdurchsuchung nicht genügend Beweise. Johannes S. dürfe seine Dienstgeschäfte nicht ausführen, aber er kriege volles Gehalt. Suspendiert wurde er bis heute nicht. Dass nur eine Person hinter diesen vielen Briefen steckt, ist unwahrscheinlich. Weiterhin werden personenbezogene Daten abgerufen, die dann kurze Zeit später in Drohbriefen erscheinen, sodass der Täter auf die Hilfe von Polizist:innen angewiesen sein müsste. So wurden beispielsweise Adressen herausgefunden, nachdem Betroffene umgezogen sind. Inhalte, die kurze Zeit vorher polizeilich abgefragt werden, erscheinen später erneut in Briefen. Was sagt der Innenminister wohl dazu? Ein strukturelles Rassismusproblem in der Polizei gäbe es nicht! Anträge wie die „Rassismusstudie in der Polizei“ werden durch den Innenminister abgelehnt. Obwohl Ende September und Anfang Oktober diesen Jahres erneut klar wurde: Rechtsextremismus durchläuft das Innenministerium, die Polizei und den Verfassungsschutz. In unzähligen Chatgruppen wurde über Jahre rechte und faschistoide Propaganda betrieben. Die Inhalte zeigen
erschreckende rassistische, neonazistische Bilder. Viele der Mitglieder sind Polizist:innen, einige sind „Verfassungsschützer“, eine Person sitzt im Innenministerium. Außerdem stehen, laut der „jungen Welt“, vier nordrhein-westfälische Verfassungsschützer, „die unter anderem für die Beobachtung der rechten Szene zuständig waren, im Verdacht, die faschistische Gesinnung ihrer Observationsobjekte zu teilen“. Diese sollen die „Verfassung“ eigentlich vor „Rechtsextremisten“ schützen.
Das einzige, was sie aber eigentlich bieten und repräsentieren, ist ein Schutz- und Austauschraum für Rechte. Immer mehr rechte Chatgruppen fliegen derzeit auf. Das „ZDF-heute-Journal“ protokolliert am 06.10.2020: „Nordrhein-Westfalen: 92 Disziplinarverfahren, Hunderte Verdachtsfälle, Berlin: Rassistische Chatgruppe mit mindestens 25 Beamt:innen, Hessen: Netzwerk rechtsextremer Polizist:innen, Mecklenburg-Vorpommern: rassistische
Chatgruppe, zwei Suspendierungen, Sachsen: polizeiliche Ermittlungen im Kolleg:innenkreis.“ Die Liste könnte vermutlich endlos weitergehen. Dies sind nur minimale Bruchteile an Beispielen von dem, was sonst noch passiert. Dieses Netzwerk an Neonazis, die sich verbünden, die ihrem Hass freien Lauf lassen, scheint endlos. Und solange die Polizei selbst ermittelt, wird nichts geschehen, außer, dass die Angriffe weiter stattfinden werden. Ein neonazistisches Netzwerk durchläuft die Strukturen der Polizei und des Staates. Die Gesellschaft
bekommt nur einen Bruchteil davon mit, die Zusammenhänge sind derart komplex, dass über sie oftmals gar nicht erst berichtet wird. Die vielen Medien berichten kaum über ein strukturelles Neonazi- und Rassismusproblem, des Staates und der Polizei. Dennoch ist es offensichtlich. Dieses Problem besteht bereits seit mehreren Jahrzehnten. Eine Folge der nie gelungenen Entnazifizierung (mehr hierzu in Lautschrift 5/2020), eine Folge des kapitalistisch-rassistischen Staates. Was tun?
KEIN ZUFALL, EIN WECKRUF
Der Staat schaut weg. Nur wann hat er jemals die Augen geöffnet? Die grausame Geschichte der BRD sagt so einiges aus. Schon in den 1990ern wurde eine sogenannte „Asyldebatte“ entfacht, die derart medial aufgeheizt wurde, sowohl von bürgerlicher Presse, als auch von Politiker:innen. Es zog eine Pogromwelle durch das wiedervereinigte
Deutschland. Der Auffassung zu sein, dass es Menschen gibt, „die hier nicht hergehören“ war keine Meinungsmache der neonazistischen Strukturen der 90er, sondern ein breiter Konsens, mit der das Asylrecht im Bundestag 1993 quasi abgeschafft wurde. Diese neonazistische Stimmung die sich durch alle Strukturen der BRD verbreitete, vereinfachte es militanten Neonazigruppen sich zu gründen. Hat das aufgehört? Gab es eine Entnazifizierung? Diese
Fragen können mit einem eindeutigen NEIN beantwortet werden. Die Zeit rennt uns davon. Es hat sich kaum etwas geändert. Mittlerweile ist von „Abschottung“ die Rede, eine „Mauer um Europa“ müsse her, und
das „Sichern der Außengrenzen“ gehöre ebenfalls zum mehrheitlichen Konsens des Bundestages. Der Staat will nicht handeln, er kann es nicht, lieber ist ihm eine rechte und rassistische Stimmung im Land um so weitere neonazistische Terrornetzwerke oder viele, viele Einzelfälle zu ermutigen.
HÖRT IHR ZU?
Die Schreie sind so laut, dass jeder sie hören könnte. Doch wer will diese Schreie wirklich hören? Es sind die Schreie der Betroffenen. Betroffen vom tagtäglichen Rassismus, betroffen von den Schikanen
des strukturell-rassistischen Staates, betroffen von rechtem Terror, betroffen vom Wegschauen der Gesellschaft. Dieser Rassismus ist verteilt wie ein Gift im Grundwasser, das Gift durchläuft alle Strukturen, bleibt unentdeckt, bis es zuschlägt. Nur dass dieses Gift die Rassist:innen und Faschist:innen im System darstellt. Bestärkt durch rechte Parteien wie die AfD, durch die Hetze der bürgerlichen Medien
und finanziert durch den Verfassungsschutz. Schon Angela Davis wusste: „Racism cannot be separated from capitalism.“. Im Kapitalismus müssen die Arbeiter:innen ihre Arbeitskraft verkaufen um zu überleben, während wenige Kapitalist:innen darüber entscheiden wie sie uns am besten unterdrücken, beherrschen und ausbeuten können. Rassismus fungiert im Kapitalismus als Mechanismus zur Gewinnmaximierung der Kapitalist:innen. Dieser
Mechanismus, der sich auch in dem gezielten Fördern von rechten Strukturen durch den Staat zeigt, dient zur Spaltung innerhalb der Arbeiter:innenklasse. Wenn wir dies zulassen, und gegeneinander
kämpfen, dann legen sich unsere Ketten immer fester um unsere Gelenke. Erst wenn wir unsere gemeinsamen Interessen erkennen, können wir einen gemeinsamen Kampf von unten führen – gegen Spaltung und Ausbeutung!

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11/2020 Lautschrift

WILHELMSBURG KÄMPFT FÜR PFLEGESCHULE UND KRANKENHAUS

Groß Sand ist das einzige Krankenhaus auf der Elbinsel – einem Teil Hamburgs, der immer weiter wächst. Vor einigen Monaten wurde jedoch die Schließung der zum Krankenhaus gehörenden Pflegeschule beschlossen – entgegen dem Willen der Auszubildenden und Pflegekräfte. Auch die Schließung weiterer Fachbereiche scheint in Planung zu sein. Wir haben mit Dana und Caspar gesprochen, die in Groß Sand ihre Ausbildung gemacht haben und jetzt in dem Krankenhaus arbeiten – darüber, warum Groß Sand so wichtig ist, was hinter der Schließung steckt und worauf zu hoffen ist.

Wir haben uns ja auf der Demo zum Erhalt der Pflegeschule Groß Sand kennengelernt. Vielleicht könnt ihr kurz erzählen, welche Kämpfe dieser Demo vorausgegangen sind? Wann habt ihr von der geplanten Schließung erfahren und was waren eure ersten Schritte?

Dana: Wir haben Mitte Juli eine E-Mail vom Geschäftsführer bekommen, dass die Pflegeschule geschlossen werden soll. Da ist dann nicht sofort etwas passiert, wir haben viel miteinander gesprochen und uns gefragt was ist da los, was machen wir jetzt?

Und dann haben wir erstmal mit der Presse gesprochen und ein bisschen Aufmerksamkeit generiert, weil uns vor allem die Art der Kommunikation aufgeregt hat, also dass wir diese vollendete Tat einfach so als E-Mail bekommen haben und gar nicht mit uns gesprochen wurde. Und dann kam schnell durch, dass es nicht sein kann, dass wir wütend sind und traurig sind und sauer sind, sondern wir mussten irgendwas tun. Und dann hieß es zum ersten Mal: wir machen eine Demo. Da lief dann viel im Hintergrund und wir haben mit der Presse viel gesprochen, aber auch viel mit Mitarbeitern und Mitte August war dann die erste Demo vor dem Krankenhaus. Da haben wir versucht viele Leute zu mobilisieren, haben uns Lehrer und Leute aus dem Krankenhaus gesucht und alle mal sprechen lassen. Zwischendurch kamen von der Geschäftführung immer mal wieder Stellungnahmen, die für uns aber total leer waren, da stand total viel drin aber für uns hatte das überhaupt keinen Inhalt. Wir hatten auch ein Gespräch mit dem Geschäftsführer, wo wir auch gefragt haben, warum die Schule geschlossen wird und dass wir das nicht gut finden, aber wir sind mit allen Versuchen immer gegen Wände gelaufen. Es wurde immer gesagt: „Ne, die Schule wird geschlossen und da passiert jetzt nichts mehr.“.

Und während die ganze Demoaktion schon lief kam auch immer wieder ins Gespräch, dass das ganze Krankenhaus schließen soll und dann haben wir uns mit dem Verein Zukunft Elbinsel zusammengetan, wurden mehr Leute und haben parallel gegen die Schulschließung, aber auch gegen die Schließung des ganzen Krankenhauses gearbeitet. Zum Beispiel haben wir Unterschriften gesammelt und eine zweite Demo geplant, für die wir auch groß mobilisiert haben und da waren dann ja auch 500 Leute bei dem Umzug dabei, das war echt ziemlich gut. Letztendlich sind wir jetzt auf der Tagesordnung vom Senat und da steht auch ganz klar die Schule mit drin. Ich glaube der Politik ist jetzt klar, dass da Druck dahintersteht und wir hoffen, dass da jetzt was passiert.

Warum ist die Pflegeschule Groß Sand so wichtig? Was bedeutet die Schließung für das Krankenhaus Groß Sand?

Caspar: Die Pflegeschule Groß Sand ist wichtig, weil der Großteil der Pflegekräfte im Krankenhaus auch in der Schule gelernt hat und jetzt teilweise schon 30 Jahre oder länger hier arbeitet. Das verbindet einfach alle Menschen, die dort arbeiten, alle kennen die gleichen Lehrer, die gleichen Wege, die sie gegangen sind, alle haben einen Bezug. Und es sind auch alle zufrieden mit der Ausbildung, wurden dort fair behandelt und haben erfahren wie es ist, Chancen zu bekommen – egal wer man ist, woher man kommt, auch private Probleme werden berücksichtigt, jeder kriegt seinen Platz und auch Zeit. Man wird nicht durchgeschleust durch ein riesiges Konstrukt an Schule und wer es nicht schafft bleibt links liegen, jeder bekommt die Möglichkeit, diesen Weg zu gehen und sich weiterzuentwickeln.

Für das Krankenhaus bedeutet die Schließung der Schule, seinen Ort der Bildung zu verlieren. Die Fachbereiche werden vernachlässigt werden – wir haben einen großen Teil an geriatrischen Patienten, neurologischen Patienten mit Schlaganfällen, und wir wurden alle dafür ausgebildet, unserer Lehrer konnten uns darauf vorbereiten mit diesen Menschen zu arbeiten. Und in einer allgemeinen, großen Schule wird diese Spezialisierung nicht stattfinden, was der Pflege und am Ende auch den Patienten schadet.

Wenn die Schule schließt, dann heißt das auch, dass ein weiterer Ort der Bildung in Wilhelmsburg schließt, ein Ort im Hamburger Süden wo Menschen eine Ausbildung machen können, die müssen dann wieder über die Elbe fahren um Bildung zu genießen, Leute aus Wilhelmsburg oder Harburg werden dann keinen kurzen Weg zur Ausbildung mehr haben können. Die Schule ist auch wichtig für den Stadtteil.

Was meint ihr sind die Gründe für die Schließung? Wer ist für die Schließung verantwortlich?

Caspar Die Gründe sind schwer einzusehen, weil sie aus rationaler Sicht, aus unserer Sicht und auch aus der Sicht vieler Kolleginnen und Kollegen, mit wem man auch spricht, einfach nicht einzusehen sind – weil sie auch von der Leitung nicht transportiert wurden. Was man sich aber vorstellen kann: das Haus ist in einer großen Schuldenlage, die möchten produktiver werden, mehr Geld mit dem Standort verdienen und schließen deswegen Fachbereiche, sowie die Schule, die sie mit anderen Krankenhäusern zusammenlegen möchten. Einen qualitativen Vorteil sehen wir nicht darin, weil die Schule funktioniert hat, die Abschlussquote ist besser als woanders, Leute, die hier lernen, bleiben länger im Beruf als an anderen Schulen, sie werden einfach besser vorbereitet, und das kann man auch an den Zahlen sehen. Die Schließung des Bereichs lässt darauf schließen, dass das Krankenhaus in einer Schieflage ist, es ist ja auch in einigen Bereichen stark ausgebaut, aber es fehlt auch hier teilweise an fachspezifischem Personal und Platz.

Dana: Wir haben ja wie gesagt eine E-Mail bekommen, in der standen drei Gründe für die Schließung. Einmal, dass die Finanzierung nicht ausreichend ist, dann, dass die Generalisierung, also die Zusammenlegung von Kinder-, Alten-, Gesundheits- und Krankenpflege, nicht funktionieren würde und drittens, dass die Digitalisierung nicht ausreichend sei. Danach gab es einen offenen Brief von der Schulleitung, in dem alle diese Gründe widerlegt wurden, also dass die Generalisierung weit fortgeschritten ist, dass die Finanzierung über Ausbildungsfonds läuft und das Krankenhaus da keine Belastung hat und dass die Digitalisierung auch fortgeschritten ist. Alle Schüler haben Tablets und es musste zum Beispiel auch kein Unterricht ausfallen wegen Corona. Das wurde alles halbherzig abgetan und wir haben das Gefühl, dass die Gründe alle vorgeschoben sind. Es ist einfacher, die Schüler nach Hammerbrook zu verlagern, es wird auch immer wieder betont, dass die Schule in Hammerbrook gut sei – und wir haben ja auch nie etwas anderes gesagt, aber das ist ja kein Grund, unsere Schule zu schließen. Es wirkt alles sehr vorgeschoben – „jetzt haben wir das beschlossen, es ist einfacher für uns und ciao!“.

Die Pflegeschule ist mittlerweile geschlossen. Was ist eure Perspektive? Seht ihr noch Möglichkeiten weiterzukämpfen?

Dana: Wir sind jetzt erstmal ein bisschen am Abwarten und gucken was so im Senat beschlossen wird und was in den Verhandlungen passiert. Etwas großes ist erstmal nicht in Planung, aber wir geben auf jeden Fall nicht auf, wir geben uns nicht zufrieden, wir hoffen darauf, dass die Schule durch einen neuen Träger wieder geöffnet werden kann. Und auch darauf, dass diejenigen, die für die finanzielle Misslage und die Schließung verantwortlich sind, sich auch verantwortlich fühlen. Natürlich bleibt unser oberstes Ziel, dass die Schule wieder geöffnet wird, aber es gibt ja auch verschiedene Sachen, die noch mit reinspielen, also dass das Erzbistum und die Geschäftsführung sich verantwortlich fühlen, dass Transparenz geschaffen wird. Das geht ein bisschen los, aber noch lang nicht genug, und wir werden weiter Druck nach oben machen. Der Hoffnungsschimmer, dass das Haus verkauft wird und die Schule wiedereröffnet wird ist auf jeden Fall da. Es geht jetzt erstmal darum Druck zu machen und laut zu sein und zu sagen: „Wir sind noch da! Wir sehen was ihr macht und wenn ihr Scheiße baut, dann werden wir wieder laut und dann seht ihr, was ihr davon habt!“.

Caspar: Wir haben ja die Perspektive, dass das Krankenhaus verkauft wird, aber wir wollen nicht, dass es an einen privaten Träger geht wie Asklepios oder irgendeinen anderen Konzern, der Gesundheit als einen Ort sieht, um Geld zu generieren. Wir wollen am liebsten, dass dieses Haus wieder kommunal getragen wird, von der Stadt Hamburg oder anderen Institutionen, die nicht den finanziellen Aspekt als Fokus haben. Wir wollen, dass in Groß Sand Gesundheit der Fokus ist!

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09/2020

Klassenkampf & Kitsch

Disarstar brachte am 6ten März dieses Jahres sein viertes Studio-Album Klassenkampf & Kitsch heraus. Mehr als ein Jahr nach seinem letzten Albumrelease konnte die deutsche Rapszene sich also mindestens dem Namen nach wieder auf politische und gefühlvolle Songs des Hamburgers freuen.

Mit den Videoauskopplungen zu den Songs “All die Jahre”, “Dystopia” und “Situationen” schien der musikalische Schwerpunkt bereits gesetzt. Einfach strukturierte, langsame Instrumentals, softe Texte und Aufmachung, gepaart mit gesungenen, poppigen Hooks ließen eine starke Verschiebung Richtung Kitsch erwarten. Gerade in Anbetracht des vorherigen Albums Bohemien eine Entwicklung, die nicht weiter verwundert hätte. Dass man mit dieser Vermutung nur zum Teil richtig lag, wurde dann am Releasetag deutlich.

Neben kitschigem Pop-Rap lieferte Disarstar nämlich noch eine  Portion Klassenkampf dazu. Zwar lassen sich nur vier der elf Song als ansatzweise politisch bezeichnen, jedoch sorgen diese Tracks durch ihre präsente Aufmachung dafür, dass der Klassenkampfanteil des Albums nicht unter den Tisch gekehrt werden kann.

Das Album stellt ein musikalisches Potpourri dar. Innerhalb der Tracks als auch die Tracks gegenüberstellend, finden sich verschiedene musikalische Stilrichtungen wieder, die einander teils ergänzen und neue Assoziationen schaffen, teils aber auch scharfe Kontraste ziehen, so dass die Frage nach dem Sinn ihrer Verwendungen auf die musikalische Tagesordnung geworfen wird. Der Titel des Albums kann uns einen Aufschluss über den Sinn geben. Gerade das Pop-lastige “Nie Sie” oder die, die Rhythmik und damit die Struktur verschleiernden, sphärischen Klänge im Intro versinnbildlichen den Kitsch-Charakter, ein sich Verlieren in eine verträumte Parallelwelt. Aufgebrochen wird diese scheinbar strukturlose Haltung durch fest-verzerrte Gitarrenklänge und Metal-Electro-Knalle, die im gleichnamigen Track so offensichtlich auftreten, dass der Kontrast zwischen Kitsch und Klassenkampf musikalisch bewusst gezogen scheint. Doch ist das Album nicht nur von offensichtlichen Widersprüchen durchzogen. Der Track Männer & Frauen zeigt eine durch den trockenen aber doch souligen Beat hervorgerufene emotionale Distanzhaltung zum textlich beschriebenen Desaster, unserer auf der Geschlechter-Unterdrückung basierenden Gesellschaft. Der Zuhörende erhält diese Missstände als Normalität präsentiert, und sieht vielleicht noch offensichtliche die Notwendigkeit ihrer Abschaffung. Wer nach einem musikalisch geschlossen Album sucht, wird bei Klassenkampf & Kitsch mit Sicherheit nicht fündig. Wer das Experiment schätzt und das über-die-jetzigen-Zustände-hinaus wagt, wird in ihm eine musikalisch anspruchsvolle Sprache finden.

Was das Album an musikalischer Klasse und Diversität dazugewonnen hat, hat es für rapbegeisterte Zuhörende an Hörgenuss verloren. Die zum größten Teil rapfernen Hooks werden oft durch melodische Indiebeats ergänzt. Elektronische Elemente auf der Stimme und in der Musik durchbrechen das disarstartypische Klangbild klar, von dem er sich bereits auf Bohemien verabschiedete. „Eloquent wie Fidel, aber straßenaffiner“ hieß es noch vor 5 Jahren auf dem Track “Bis zum Hals”. Nun scheint sich Disarstar von beiden Eigenschaften mehr und mehr abzuwenden. Statt Straßenrap mit einer emotionsgeladenen Stimme und einer „Rhetorik wie ne Panzerfaust“ watet das neue Album mit weniger Text, seichteren Flows, einem generischeren Klangbild und bedeutend weniger Rap auf. Die Laufzeit von 33min sagt mehr als genug über diesen Fakt aus, besonders wenn man sich vergegenwärtigt, dass z.B. Minus x Minus = Plus noch 1h und 10min und damit mehr als doppelt so lang überdauerte. Der Song „Situationen“ und das dazugehörige Video dürften die Transformation wohl am passendsten zusammenfassen. Dieser „neue“, süß-grinsende und nahbare Disarstar findet Anklang und kann gerade auf Streaming-Plattformen beachtlichen Erfolg generieren. Für langjährige Zuhörende wirkt vieles an diesem Alter ego eher befremdlich und lässt sich nur schwer mit dem Rapper in Einklang bringen, den man einst als schwererziehbaren, schicksalsgeplagten, antifaschistischen Lokalpatrioten kennenlernte. So schmerzlich der Wandel für mancherlei treuen Fan auch sein mag, so sehr hat es sich Disarstar auch verdient, sich selbst auszuprobieren und neue Richtungen zu erforschen. Zehn Releases des „alten Disarstars“ in sieben Jahren machen es mehr als nachvollziehbar sein Repertoire auch in Richtung anderer Musikelemente auszuweiten. Nur die verstärkte Massentauglichkeit der Musik lässt dabei einen seltsamen Beigeschmack zurück.

-Taylan & Kevin