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7/2021 Lautschrift

Grünes Licht?

Artikel von Hanna Lubcke

Die Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ steht nach wie vor gut da. Trotz immer wieder aufkommender Skandale liegt sie in aktuellen Umfragen zur Bundestagswahl im September konsequent bei über 20 Prozent, die Kanzlerkandidatin Baerbock erhält Zuspruch von verschiedensten Vertreter:innen aus Politik, Medien und Wirtschaft. Seit dem Aufstieg von Fridays for Future hat die Grüne Partei es geschafft, das Thema Klimaschutz als ihr Hauptanliegen und sich als Alternative zur herrschenden Politik darzustellen, die vor allem junge Menschen abholt. Aber was ist dran an der Darstellung der Grünen als fortschrittliche Alternative? Und können wir mit den Grünen als Regierungspartei wirklich auf Verbesserungen hoffen? Hier lohnt sich ein Blick auf das aktuelle Wahlprogramm, die Geschichte der Partei und die Positionen der Kanzlerkandidatin Baerbock.

Die Grünen und der Umweltschutz

Das in der öffentlichen Wahrnehmung prominenteste Thema der Grünen ist natürlich der Umweltschutz – bei einer Partei, die diesen schon im Namen trägt, liegt der Verdacht auf eine ökologische Ausrichtung nahe.

Doch schauen wir uns die Umweltpolitik der Grünen dort an, wo sie regiert, dann kommt vielleicht als jüngstes Beispiel die Abholzung des Dannenröder Forsts in Hessen in den Sinn. Diese wurde zwar nicht unter Beteiligung der Grünen in der Landesregierung beschlossen, wird nun aber unter der schwarz-grünen Koalition rigoros durchgesetzt. Während der Widerstand in dem Wald anhält, werden Protestierende mit aller Härte von der Polizei geräumt, durch das Kappen von Seilen auf besetzten Bäumen werden Menschen in Lebensgefahr gebracht. Dieses brutale Vorgehen wird von den Grünen mitgetragen und bringt sie in die missliche Lage, für die sogenannte „Realpolitik“ ihre so häufig propagierten Ideale hinter sich zu lassen. Bei Besuchen der Protestcamps, wo sich Vertreter:innen der Grünen als Verteidiger:innen des Waldes und Mitstreiter:innen der Umweltbewegung zu inszenieren versuchten, mussten sie sich harter Kritik von Umweltaktivist:innen aussetzen, die ihre Doppelmoral aufdeckten.

Nicht nur von den Grünen mitgetragen, sondern sogar mitbeschlossen wurde die Rodung des Hambacher Forsts in Nordrhein-Westfalen. Die damalige Regierung, bestehend aus Grüne und SPD, beschloss 2017 einen Leitentschluss, der die Rodung des Hambacher Forst zu Gunsten des Braunkohleabbaus in der Region preisgab. Später demonstrierte die Partei mit gegen diese Rodung. Auch hier offenbart sich eine klare Bereitschaft, schönen Worten hässliche Taten folgen zu lassen, sobald es zum Regieren kommt.

Auch in Hamburg haben die Grünen ihre Positionen zum Umweltschutz flexibel an die Bedürfnisse der Wirtschaft angepasst. Die Elbvertiefung, die ein Passieren von noch größeren Containerschiffen durch den Hamburger Hafen ermöglichen soll, hat fatale Folgen für Tier- und Pflanzenwelt im und um das Gewässer. Die Grünen stellten sich gegen das Projekt, bis sie gemeinsam mit der SPD 2015 den Senat stellten und ihren Widerstand aufgaben. 2008 genehmigte die grüne Umweltsenatorin in Hamburg den Bau des Kohlekraftwerks Moorburg. Im Wahlkampf war das Verhindern des Kraftwerkbaus vorher zentrale Forderung der Grünen gewesen.

Ähnlich sieht es in anderen Großstädten aus: am Frankfurter Flughafen stellte sich die Grüne gegen ein drittes Terminal, trug dieses dann aber mit. Mehr Lärm, aber vor allem mehr Umweltverschmutzung und Schadstoffe sind die Folge.

Diese wenigen Beispiele aus der Politik der Grünen dort, wo sie regieren, zeigen eine allgemeine Tendenz auf, den Klimaschutz hinter die Profitinteressen der Wirtschaft zu stellen. Auf Bundesebene propagiert die Partei jetzt eine „sozial-ökologische Neubegründung“. Diese findet, anders als viele andere Klimaschutzkonzepte, teilweise Anklang in Wirtschaft und Lobby (laut einer Umfrage von Civey im April würden „Führungskräfte aus der Wirtschaft“ Baerbock als neue Kanzlerin favorisieren). Was beinhaltet diese „Neubegründung“, die auf einmal Wirtschaftsinteressen und Klimaschutz zu vereinen scheint?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns anschauen, wem die vorgeschlagenen Klimaschutzmaßnahmen nützen. Ein Hebel der Grünen für weniger Emissionen ist zum Beispiel die CO2-Steuer: ein festgesetzter Preis pro Tonne ausgestoßenen CO2s, den Rest soll der Markt regeln. Dieser Anreiz soll langfristig zum Entwickeln neuer Technologien und dem Abrücken von emissionslastigen Produktionsprozessen führen. Ob die Kosten der CO2-Steuer am Ende nicht einfach damit gedeckt werden, dass Produkte teurer werden, der Preis somit auf den Konsumenten abgewälzt wird und zu einer Umverteilung von unten nach oben führt, bleibt fraglich, liegt aber nahe, wenn sich hohe Vertreter aus der Wirtschaft wie zum Beispiel der „Bundesverband deutscher Industrie“ für diese Steuer aussprechen. Denn diese würden keine Maßnahme befürworten, die ihre eigenen Profite wirklich in Gefahr bringt. Alles riecht nach einer Augenwischerei, für die am Ende die arbeitenden Menschen zahlen müssen.

Doch die CO2- Steuer legt eine Logik offen, die sich durch das gesamte Programm der Grünen für eine nachhaltige Zukunft zieht: der Staat muss Anreize schaffen und auch subventionieren, um den „grünen Wandel“ voranzutreiben. Zum Beispiel im Bereich der E-Mobilität, die als angebliches Allheilmittel im Vordergrund steht, tendieren die Grünen klar zu hohen Subventionen, um den Übergang zu angeblich nachhaltigen Technologien für die deutsche Industrie zu ermöglichen. Besonders die deutsche stand lange zwischen dem Verbrenner und dem Trend hin zur Elektromobilität. Auch andere Branchen wollen gegenüber Standorten wie zu, Beispiel China wettbewerbsfähig bleiben und ihre Profite weiterhin steigern. Dafür kommen Subventionen genau zur richtigen Zeit, um aus der Krise zu kommen. Somit decken sich an dieser Stelle vermehrt Lobbyinteressen aus der deutschen Industrie, die weiteren technologischen Fortschritt nötig hat, mit angeblicher Nachhaltigkeit. Denn auch wenn die Emissionen durch E-Mobilität verringert werden können, ergeben sich hier neue Probleme, zum Beispiel die Gewinnung von Lithium für Batterien, das vor allem in Südamerika abgebaut wird und dort Umwelt und Lebensgrundlage in Gefahr bringt. Auch die Erschließung dieses Lithiums für westliche Konzerne ist nur unter verschärftem, imperialistischem Druck möglich.

Die „grünen Subventionsprogramme“ stellen eine klassische Hilfe des Staates dar, der Profite schützt und Unternehmen rettet, doch ob die daraus folgenden Umstellungen wirklich nachhaltig sind bleibt fraglich. Und wer profitiert am Ende davon? Die Gelder, von denen die Hilfen bezahlt werden würden, wären staatliche, also Steuergelder. Wie viel davon letztendlich auch den Beschäftigten und Steuerzahlern zugute kommt bleibt fraglich – die Gewinne würden privatisiert. Auch der allseits befürchtete Strukturwandel, durch den Arbeitsplätze verloren gehen könnten, wird nicht gelöst – hierfür wäre ein ernsthafter Kampf für Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich notwendig (siehe S. …).

Das, was die Grünen als Neubegründung oder wahlweise auch als „Revolution“ bezeichnen, hat wenig mit einem tatsächlichen Antasten der derzeitigen Wirtschaftsweise zu tun, welches langfristig Umweltausbeutung notwendig macht. Vielmehr wird an Stellen, wo „klimafreundliche“ Technologien dem Kapitalismus zugutekommen, staatlich subventioniert, während wirklich sinnvolle Schritte ausgeklammert werden, solange sie nicht im Sinne einer Lobby sind. Klimaschutz kann aber langfristig nicht funktionieren, wenn er sich an den immer weiteren Wachstumszwang des Kapitalismus anpassen muss (siehe S. …). Das Klimakonzept der Grünen stellt eine Umstellung zu einem „grünen Kapitalismus“ dar, der die Probleme niemals an der Wurzel angehen und sogar weitere Angriffe für die arbeitenden Menschen mit sich bringen würde.

Der grüne Ausweg aus der Armut

Auch wenn der Ökologiefaktor der „sozial-ökologische Neubegründung“ eher spärlich ausfällt, gibt es ja immer noch den sozialen Teil. Hierbei wäre jedoch, würde man es ernst meinen, anstatt von einer Neubegründung eher von einer Wiedergutmachung zu sprechen. Denn es war die Koalition aus SPD und Grüne, die mit der Agenda 2010 Europas größten Niedriglohnsektor schuf. Das Hartz IV System hält bis heute Menschen systematisch in Erwerbsarmut und zwingt sie in prekäre Beschäftigungen. Das im Juni beschlossene Wahlprogramm der Grünen konkretisiert die Neubegründung in einer Anhebung des Hart IV Satzes von 50€, was bei den lächerlich geringen Leistungen bei weitem nicht genug ist. Ein Änderungsantrag der Grünen Jugend, diese um 200€ mehr zu erhöhen, wurde abgelehnt, genau wie der nach Arbeitsplatzgarantie für „unfreiwillig Arbeitslose“. Auch die Forderungen nach einem Mindestlohn von 13€ anstelle von 12€, sowie der 30-Stunden-Woche kamen nicht durch. Selbst die derzeit viel diskutierte Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen fand keine Mehrheit, obwohl es mittlerweile in der Bevölkerung eine breite Bewegung gibt, die hinter dieser Forderung steht (siehe zum Beispiel „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ in Berlin). „Radikale“ Forderungen (das bedeutet diejenigen, die den Menschen tatsächlich wieder eine gute Existenz ermöglichen würden) müssen weichen, um für eine eventuelle Koalition mit der CDU weiterhin in Frage zu kommen.

Doch selbst die sozialen Forderungen, die im Grünen Wahlprogrammentwurf zu finden sind, werden zum Ende hin abgemildert: „Wir können nicht versprechen, dass nach Corona jedes unserer Projekte noch finanzierbar ist.“

Ob dafür wirklich Corona der Grund ist und nicht die zunehmende Annäherung an die Wirtschaft bleibt fraglich. Eine der Forderungen, die den Grünen nach wie vor Kritik unter Wirtschaftsvertreter:innen einbringt, ist die nach einer höheren Steuer für Vermögende. Doch auch hier scheint sich etwas zu tun: so kritisiert Arndt Kirchoff aus dem Präsidium des Verbands der Automobilindustrie, das Grünen-Führungspersonal solle „doch bitte das in das Wahlprogramm schreiben, was es uns jetzt in Diskussionen vermittelt“. Die Gespräche mit der Wirtschaft scheinen also Fahrt aufzunehmen und die Versprechungen im Hinterzimmer gemacht zu sein – zu Ungunsten der Arbeitenden.

Grün oder Camouflage?

Ein weiteres Thema, welches immer dringender an Aktualität gewinnt, ist die Kriegsgefahr. Die Stimmungsmache gegen Länder wie China und Russland, die eine immer größere wirtschaftliche Konkurrenz darstellen, wird im Westen hörbar lauter. Übungsmanöver der NATO wie Defender Europe & Defender Pacific finden maßgeblich vor den russischen und chinesischen Grenzen statt. Die Forderungen nach Aufrüstung und dem Zeigen von Stärke führen nur zu weiterem Eskalationspotenzial, welches die Grünen nicht schwächen, sondern bestärken. Dies hat Tradition: in ihrer ersten und bisher einzigen Regierungskoalition trugen die Grünen den ersten Krieg Deutschlands seit 1945 mit. Mit dem NATO-Einsatz im sogenannten Jugoslawienkrieg brachen SPD und Grüne mit der seit Ende des Zweiten Weltkriegs herrschenden Erzählung der „Verteidigungsarmee“. Auf einem grünen Sonderparteitag 1999 argumentierte der grüne Außenminister Joschka Fischer für diesen Einsatz, indem er die Lage im Kosovo mit der in den deutschen Konzentrationslagern verglich:

„Auschwitz ist unvergleichbar. Aber ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen.“ Dieser bodenlose Vergleich, der die menschenrechtsverletzende Lage im Kosovo als Rechtfertigung für die völkerrechtswidrige NATO-Intervention unter deutscher Beteiligung darzustellen versuchte, brachte zwar Empörung mit sich, trotzdem stimmten die Grünen für den Krieg. Dieser wird heute als Türöffnerkrieg bezeichnet, denn er brach das Tabu des Angriffskrieges in Deutschland unter dem Deckmantel der „humanitären Intervention“. Auch den NATO-Krieg in Afghanistan, der fast 20 Jahre ging, unterstützte die rot-grüne Regierung. Und heute?

Baerbock plädiert ganz unverhohlen für Aufrüstung: „Es fehlen Nachtsichtgeräte zum Üben, von Flugstunden ganz zu schweigen. Wir müssen uns da ehrlich machen. Ja, in manchen Bereichen muss man mehr investieren, damit Gewehre schießen und Nachtsichtgeräte funktionieren.“. Gegen wen genau man diese gut schießenden Gewehre einsetzen sollte wird vorerst nicht geäußert – muss es auch nicht. Denn die Grünen zeichnen sich durch Nähe zur USA und der Linie von Joe Biden aus, die China und Russland als Feinde ausmachen und wollen ihnen mit „Dialog und Härte“ begegnen. Auf Russland müsse mehr Druck gemacht werden, der geplanten Gas-Pipeline North Stream 2, die russischen Gasimport nach Deutschland erleichtern würde, die politische Unterstützung entzogen werden. Die USA kritisiert dieses Projekt ebenso, weil es den Export ihres (durch extrem umweltschädliches Fracking gewonnenen) Gases erschweren würde. Als ausdrückliche Unterstützerin der NATO vertritt Baerbock die Interessen des westlichen Imperialismus gegenüber dem von Russland und China. Aufrüstung (seit dem Parteitag im Juni wird auch die Anschaffung bewaffneter Drohnen nicht mehr ausgeschlossen), NATO-Einsätze im Ausland und die Verstärkung der westlichen Hetze gehören zum grünen Wahlkampfprogramm.

Wir sehen also: die Grünen sind mittlerweile Teil des politischen Systems und passen sich flexibel den Forderungen von Lobby und Wirtschaft an. Dies war besonders deutlich in den Koalitionsverhandlungen für die Jamaika-Koalition 2017, in der die Grünen voreilig das Ziel für den Kohleaussteg bis 2030 über Bord warfen, um Regierungsfähigkeit zu beweisen. Die Koalition platzte, doch die Verhandlungen hinterließen vor allem in der grünen Wählerschaft einen bitteren Beigeschmack.

Grünenhass – was steckt dahinter?

Doch wenn die Grünen mittlerweile so reibungslos in den politischen Alltag voller Korruption, Lobbyinteressen, Kriegstreiberei und Sozialabbau integriert sind, warum gibt es dann so viel Propaganda gegen sie? Denn das Umfragehoch wird auch von Hetze gegen die Grünen begleitet. Sie seien eine Verbotspartei, die den einfachen Menschen und der Wirtschaft schaden und eine Ökodiktatur aufbauen will. Besonders aus konservativer Ecke gibt es immer wieder Anfeindungen, um die Grünen als nicht regierungsfähig darzustellen. Dies steht natürlich in einem scheinbaren Widerspruch zu den guten Verbindungen der Partei in Lobby und Wirtschaft – doch eben nur in einem scheinbaren. Um zu verstehen, welche Rolle die Grüne wirklich in dem bundesdeutschen Geflecht aus Parteien, Staat und Wirtschaft einnimmt, müssen wir uns anschauen, wessen Interessen sie vertritt.

Denn es ist nicht allein so, dass die grüne Partei ihre Versprechen bricht, sobald sie in Regierungsverantwortung kommt und als eigentlich ökologisch-soziale Friedenspartei gezwungen wird, sich den Interessen der Wirtschaft zu beugen. Vielmehr vertritt die Partei mittlerweile selbst handfeste Teile der Wirtschaft, die aus einer grünen Regierung Vorteile ziehen würden und von vornherein auf sie setzen. Natürlich stehen die, nach außen klimagerecht scheinenden, Forderungen der Grünen auf den ersten Blick in Widerspruch zu den in Deutschland sehr etablierten Lobbyverbänden der Energie- und Autokonzerne zu stehen. Wie bereits erläutert geraten diese aber selbst mittlerweile in den Zugzwang, denn der technologische Stand der konkurrierenden Länder ist in vielen Bereichen fortgeschrittener. In der Autoindustrie gibt es mittlerweile mehr Unterstützung für die Grünen, da sie unter dem Deckmantel des Klimaschutzes die Hinwendung zur E-Mobilität subventionieren möchten. Junge Unternehmen, die viel im digitalen Bereich arbeiten und in den letzten Jahren eine gewisse Größe in der deutschen Wirtschaftslandschaft erlangt haben, stehen den Grünen allgemein wohlgesonnen gegenüber: 37% der Start-Up-Unternehmer:innen würden laut des Deutschen Start Up Monitors die Grünen wählen. Die Unterstützung aus den jungen und digitalen Branchen allein reicht in einem Industrieland wie Deutschland nicht aus, um in einer Regierung auch die nötigen Interessen vereinen zu können. Doch auch in der Energie- und Stahlindustrie kommt die Annäherung ins Rollen. Baerbock selbst konkretisiert im Handelsblatt, ganz unter dem Feigenblatt des Klimaschutzes: „Die Unternehmen müssen beim Umbau hin zur Klimaneutralität deutlich schneller werden. Dafür brauchen sie von der Politik die Sicherheit, dass sich ihre Milliardeninvestitionen, vor denen sie jetzt stehen, in Zukunft rechnen. Es gibt viele Unternehmen vor allem in der Grundstoffindustrie, die in klimafreundliche Prozesse und Produkte investieren wollen, etwa klimaneutralen Stahl. Derzeit hätten sie aber damit gegen Dumping-Stahl aus China keine Chance haben. Das will ich ändern.“. Und sie schlussfolgert: „Deshalb muss der Staat jetzt für Planungssicherheit sorgen und in Vorleistung gehen. Wenn sich die Produkte in Zukunft rechnen, geben die Unternehmen den Vorschuss an die Allgemeinheit zurück.“. Die Grünen werben mit einem „Industriepakt“, der vor allem Chemie- und Energiekonzerne auf ihre Seite ziehen soll.


Die Partei vereint insofern geschickt Lobbyinteressen mit einem fortschrittlichen, Aufbruchsstimmung vermittelnden Auftreten. Sie kann sich als Alternative zur herrschenden Politik aufzeigen, besonders im Vergleich zu den in den letzten Jahren aufkommenden konservativen Regierungen im Westen. In den USA lässt sich eine ähnliche Entwicklung verfolgen: während in den letzten Jahren Politiker:innen wie Trump einen Aufschwung hatten, die einen nationalistischen Kurs der Abschottungspolitik fuhren und klassische Teile der Schwerindustrie auf ihrer Seite wussten, die sich klar gegen Klimabewegung und technologischen Wandel positionierten, wurde mit dem Wahlsieg Bidens ein anderer Kurs für Wirtschaft und Politik gesetzt. Die Industrie ist auf technische Erneuerungen, auf Handel und Zugriff auf neue Rohstoffe im Ausland, wie z.B. Lithium, angewiesen. Der Kurs der imperialistischen Kriegsführung, die diesen Zugriff zu gewähren versucht, sowie das Investieren in technische Erneuerungen ist wirtschaftlich notwendig und zwingt auch konservative Teile der Wirtschaft, den progressiv-neoliberalen Kurs der Biden-Regierung zu unterstützen.

Doch während sich diese beiden Wirtschaftsfraktionen in den USA einen handfesten Schlagabtausch lieferten und bis kurz vor der Wahl nicht eindeutig klar war, wer die Unterstützung von Industrie und Handel auf seiner Seite hatte wird in Deutschland eine andere Entwicklung deutlich. Die Grünen, Vertreter eines ähnlichen Modells wie Biden, und die CDU, klassische Vertretung der konservativen Industrie, kommen für eine gemeinsame Regierung in Frage. Diese Koalition könnte die Widersprüche im Lager der Kapitalisten zumindest kurzzeitig lösen und die deutsche Wirtschaft unter Einbeziehung verschiedener Interessen den Weg aus der Krise ebnen. Der Machkampf zwischen Grünen und CDU bezieht sich derzeit auf die Frage, wer in dieser Koalition die Führung angeben würde und wessen Lobbyklientel somit in der Regierung die besseren Chancen hätte – nicht aber um die grundsätzliche Frage nach der Ausrichtung der neuen Bundesregierung. Diese ist mit Blick auf die Fakten bereits gesetzt.

Wir sehen also: der Aufstieg der Grünen kommt nicht von ungefähr, sondern hat einen Hintergrund in wirtschaftlichen Interessen. Trotzdem schafft es die grüne Partei, trotz zahlreicher Gegenbeweise aus der Vergangenheit, sich als fortschrittliche Alternative zu den etablierten Parteien darzustellen. Diese Außenwirkung lässt, ähnlich wie in den USA, die Gefahr aufkommen, dass sich fortschrittliche Teile der Bevölkerung täuschen lassen und die tatsächliche Politik der Grünen weniger kritisch hinterfragen. Denn die Grünen vertreten am Ende des Tages immer noch Kapitalinteressen, wenn auch teilweise andere als die CDU. Und wir wissen, dass diese Interessen sich mit denen der arbeitenden Menschen, die die Profite der Unternehmen erst erwirtschaften, niemals decken können. Doch die grüne Partei schafft es, fortschrittliche Kräfte für ihren Wahlkampf einzuspannen und sich von der Klimabewegung zum Wahlerfolg karren zu lassen, um von der Regierungsbank aus Politik für die Wirtschaft in anderem Gewand machen zu können.

Und weiter?

Was feststeht ist, dass ein grüner Wahlerfolg ist noch lange kein Sieg für die Klimabewegung. Und die Gefahr, sich von schön klingenden Phrasen täuschen zu lassen muss uns bewusst sein. Egal, wer regiert: für tatsächlichen Klimaschutz, gegen Sozialabbau und Aufrüstung müssen wir selber einstehen. Der Kampf für die Zukunft der Jugend wird durch Parteien wie die Grüne nicht in die Politik getragen, vielmehr wird sie hier wie von einem Blitzableiter zur Deckung von Kapitalinteressen genutzt und führt nur zu mehr Ausbeutung, Krieg und Krisen. Unsere Zukunft müssen wir uns auch nach der Bundestagswahl selbst erkämpfen – auf den Straßen, in den Schulen, Unis und Betrieben.

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05/2021 Lautschrift

Chancengerechtigkeit in Schulen – Eine Utopie im bestehenden System

Nach wie vor wird behauptet, dass jeder Mensch hauptverantwortlich dafür sei, in diesem System etwas aus seinem Leben zu machen, dass jeder und jedem die gleichen Möglichkeiten offenstehen. Die Realität zeigt uns als Schüler:innen, Student:innen und Arbeiter:innen allerdings etwas anderes: Kinder mit Migrationshintergrund, Kinder aus armen Verhältnissen oder Arbeiter:innenkinder haben bis heute schlechtere Chancen im deutschen Bildungssystem.

Vom Kindergarten an

Die Ungleichheit im deutschen Bildungssystem beginnt schon bei der frühkindlichen Förderung in Kindertagesstätten: Nur 20 Prozent aller Kinder mit Migrationshintergrund kriegen einen Krippenplatz. Bei Familien, in denen der Hauptschulabschluss der höchste ist, sind es sogar nur 16,4 Prozent.

Auch in der Ganztagsbetreuung für Grundschüler sieht es nicht anders aus: 2019 fanden nur 40 Prozent der Grundschüler einen Platz.

Eine gesellschaftlich aufgestellte, ausgebaute Kinderbetreuung würde nicht nur allen Kindern einen guten Start ins Bildungsleben bieten, sondern auch die Eltern entlasten und ihnen damit mehr Zeit und Energie für die Unterstützung des Kindes lassen. Es sind meistens genau die Eltern, die ihr Kind bei den Hausaufgaben wegen einer anderen Muttersprache als Deutsch oder wegen zu langen Arbeitszeiten nicht unterstützen können, die auch die finanziellen Mittel dazu nicht haben.

Spaltung: Wirtschaftlich, Räumlich, Direkt

Die finanziellen Mittel der Eltern haben natürlich Einfluss darauf, wie das Kind die Bildung wahrnehmen kann: Gerade jetzt ist ein eigenes Zimmer zum ruhigen Lernen und die technische Ausstattung für den Online-Unterricht wichtig. Kinder aus armen Verhältnissen haben häufig keinen Zugriff auf Nachhilfe oder andere Ressourcen.

Ein weiterer Faktor ist der Wohnort: Vor allem in Großstädten wird Wohnraum immer teurer, durch Gentrifizierung werden Menschen mit geringem Einkommen aus den teurer werdenden Stadtteilen vertrieben. Dadurch trennt sich Arm von Reich auch räumlich, was sich in der Bildung bemerkbar macht. Durch die Separation der Schüler nach der sozialen Schicht bilden sich auf der einen Seite elitäre Schulen und auf der anderen Seite sogenannte „Brennpunktschulen“, aber das Einander-Helfen und Voneinander-Lernen fällt weg. Die soziale Herkunft der Schüler:innen bestimmt ihren weiteren Bildungsweg. So verlassen in einem wohlhabenderen Stadtteil Hamburgs, Othmarschen, 90% der Schüler:innen die Schule mit der allgemeinen Hochschulreife, während in den ärmeren Stadtteilen südlich der Elbe oder im Osten durchschnittlich unter 50% das Abitur erreichen.

Dieses Bild des ungebildeten Kindes aus einer Arbeiterfamilie, was ja auch statistisch mit der Realität übereinstimmt, wird von Lehrkräften, auch wenn ungewollt, reproduziert und dadurch die Trennung gefestigt. Eine Studie (IGLU-Untersuchung) ergab, dass bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und Lesekompetenzen Kinder aus der obersten Schicht eine fast vier Mal höhere Chance auf eine Empfehlung für das Gymnasium hatten als Kinder von Arbeiter:innen.

Bildungsforscher Klaus Klemm fasst zusammen:

„Deutschlands Kindertagesstätten und Schulen bauen die Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer nicht ab, sondern verfestigen sie.“

Ganz direkt findet die Trennung der Schüler:innen seinen Ausdruck dann in der Dreigliederung der weiterführenden Schule in Gymnasium, Real- und Hauptschule. In Deutschland passiert das schon mit zehn Jahren, viel zu früh werden Kinder auf ihre bisherige Leistung festgenagelt, viel zu früh werden sie dem Leistungsdruck ausgesetzt, eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen. Viel zu früh wird schon entschieden, ob sie später eine Chance auf das Abitur haben, ob sie einen Ausbildungsberuf anfangen werden oder an die Uni gehen werden.

Einerseits dient das Bildungssystem der profitorientierten Wirtschaft, weil es strukturell und systematisch Menschen in ihrer Armut festhält, aus deren billiger Arbeitskraft dann Profit geschlagen werden kann. (Mehr hierzu auf Seite 6, im Artikel “Bildung im Kapitalismus) Andererseits entscheiden soziale Hintergründe, wo man im Bildungssystem landet. Das Bildungssystem reproduziert also das Macht- und Reichtumsgefälle dieser Gesellschaft. Chancengleichheit kann nicht isoliert in den Schulen erreicht werden, sondern fängt schon in den finanziellen Möglichkeiten der Eltern, mit der sozialen Herkunft des Kindes, an. Das Bildungssystem kann nicht unabhängig von der vorherrschenden Wirtschaftsweise betrachtet werden, die Bildungsgerechtigkeit nicht unabhängig vom Kapitalismus.

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05/2021 Lautschrift

Bildungsstreik

Im zweiten Pandemiejahr ist der Begriff „Bildungsstreik“ wieder in aller Munde. Forderungen nach einem Durchschnittsabitur werden laut. Die sozialen und finanziellen Ungleichheiten drücken sich vor dem Bildschirm noch hemmungsloser aus. Das Schüler:innen-Bündnis Gerechte Bildung geht jedoch noch weiter. Neben der Rückkehr zum G9-Schule und massiven Investitionen ins Bildungssystem wird auch die Übernahmegarantie für Auszubildende gefordert. Dass Schüler:innen für bessere Lernbedingungen und ein gerechtes Bildungssystem auf die Straßen gehen, ist jedoch nicht neu: Aus den Schulen und Hochschulen heraus organisierten mehrere hunderttausend junge Menschen 2009 einen Bildungsstreik. Wie besonders diese Form des Streiks ist, werden wir weiter unten sehen.

Ein gelegentlich aus meist konservativen Kreisen erbrachter Vorwurf gegen Bildungsstreiks nimmt an, die Schüler:innen würden die Protestform für das Schulschwänzen, die Studierendenschaft wiederum für das Faulenzen ausnutzen. In anderen Worten: Die Streikenden verschleierten hinter den Protesten für ein gerechteres und menschenwürdigeres Bildungssystem ihr egoistisches Interesse, nicht Teil einer wirtschaftlich „produktiven“ Gesellschaft zu sein. Die Geschichte beweist das Gegenteil. Die Streikwelle im Jahr 2009 war auf eine Woche angesetzt, da sich unter den Bedingungen des G8-Schulsystems und dem zunehmenden Konkurrenzkampf die Schüler:innen unter dem Druck wiederfanden, ihre Zukunft durch die zu lang andauernde Streikaktion aufs Spiel zu setzen. Nicht nur aufgrund der Fehlstellungen des Bildungssystems, sondern auch trotz dieser ist die Jugend auf die Straßen gegangen – sehr wohl mit dem Wissen im Hinterkopf, die schulische Laufbahn zu sehr zu gefährden. Das alte Märchen vom faulen Streikenden wird durch die Realität eines Besseren belehrt.

Einige linke Kreise, die immer noch in einer idealisierten 68er-Nostalgie festhängen, kritisieren zudem Schul- und Hochschulstreiks aufgrund ihrer vermeintlich geringen Politisierung. Die Streikenden würden sich auf rein technische und ökonomische Fehlstellungen fokussieren und dadurch das Bildungssystem und in letzter Instanz das Gesellschaftssystem in ihrer Kritik ausklammern. Dies sei vor allem dem spontanen Aufflammen der Schüler:innenbewegung mit fehlender Koordination zur Last zu legen. Auch in diesem Aspekt lohnt es sich, in die geschichtlichen Erfahrungen einzutauchen. Die Protestwellen des Jahre 1987/88 zeigen auf, wie eng die Forderung nach besseren Abiturbedingungen und gegen eine ökonomische Umstrukturierung der Hochschulen (UNiMUT) mit den grundlegenden Fragen verknüpft ist, was eigentlich Bildung sein muss und welche gesellschaftlichen Triebkräfte sich gegen jegliche Erneuerung stellen. Wichtige Erfolge der UNiMUT-Streiks waren nicht zuletzt, Hochschulsonderprogramme finanzieren zu können. Auch die Lucky Streiks (1997) reihen sich in die spontan entstandenen Protestbewegungen ein. Die primäre Antriebskraft der Streikenden bildete zwar das Ziel, ökonomisch unter weniger Druck abschlussorientiert zu studieren. Doch nicht zuletzt waren die Proteste der erste Anknüpfungspunkt vieler Studierende, sich mit der ökonomisierten Hochschule als Ganzes auseinanderzusetzen und Erfahrungen des Protests zu sammeln. Die Bildungsstreiks 2009 wurden schließlich durch ein breites Bündnis getragen und koordiniert.

Der allgemeine und tieferliegende Kern der Bildungsstreiks erhält erst nach diesen geschichtlichen Erfahrungen volle Gestalt. Was den Bildungsstreik auszeichnet, ist sein Potential, vereinzelte Proteste in vereinzelten Schulen in einen einzigen geeinten Protest gegen das gesamte Bildungssystem zu verwandeln. Denn im Gegensatz zu üblichen Streiks wird kein einzelnes Unternehmen oder eine Branche bestreikt. Nicht die konkrete Schule und die in ihr arbeitenden Lehrkräfte sind die Profiteure der schlechten Schulbedingungen. Die Gesetze und damit auch Verfügungsgewalt werden durch die staatlichen Institutionen auf Landes- und Bundesebene entwickelt und vollstreckt. Jede Schule – gelegentlich nur im selben Bundesland, gelegentlich im ganzen Land – bietet ähnliche Rahmenbedingungen und damit in letzter Instanz den Rahmen, um aus dem Protest einiger Schüler:innen einen Protest der gesamten Schüler:innenschaft zu schaffen. Da sich zudem der Protest gegen die Entscheidungen des Staates richtet, erwächst aus dem Kampf für bessere Lernbedingungen ohne große Mühe ein Kampf für ein besseres Bildungssystem. Der konkrete Streik wird zu einer Bewegung mit systemischem Charakter.

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05/2021 Lautschrift

Depressiv und allein gelassen Wenn Wirtschaft vor Gesundheit geht

Die Pandemie bedeutet für fast alle Menschen eine enorme Belastung, welche sich sowohl im Alltag als auch im generellen psychischen Wohlbefinden bemerkbar macht. Kinder und Jugendliche sind meist noch stärker betroffen als Erwachsene, da sie aufgrund von Homeschooling und fehlenden Freizeitangeboten kaum Anlässe haben, das Zuhause zu verlassen. Wenn man sich vor Augen hält, wie wichtig ein geregelter Tagesablauf, aber auch Bewegung und vor allem der soziale Kontakt sind, ist es fatal, dass die meisten Kinder und Jugendlichen nun seit mehr als 5 Monaten unter den Folgen des andauernden Lockdowns leiden.

„Fast jedes dritte Kind“

Mit Andauern der Pandemie hat sich die psychische Verfassung vieler junger Menschen weiterhin fortlaufend verschlechtert, wie die „CoPsy-Studie“ des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt. Oft haben sie mehr Streit in der Familie, mehr schulische Probleme und ein schlechteres Verhältnis zu ihren Freunden. Kein Wunder, denn selbst wenn man fertig mit Schule und Hausaufgaben ist und sich mit einer weiteren Person trifft (sonst verstößt man bereits gegen die Auflagen), gibt es kaum eine Möglichkeit, etwas zu unternehmen, da die Läden geschlossen sind und das Wetter seit November selten zum Spazieren einlädt. Hinzu kommt die Anspannung zu Hause, die daher rühren kann, dass man rund um die Uhr aufeinander rumhängt oder die Eltern aufgrund existenzieller Sorgen durch Jobverlust oder Kurzarbeit nicht in der Lage sind, ihre Kinder emotional aufzufangen.  Während im Juni 2020 71% der befragten Kinder angaben, sich seelisch belastet zu fühlen, sind es Mitte Januar 2021 ganze 85%. Auch bei Eltern treten vermehrt depressive Symptome auf.

Konflikte innerhalb der Familie sowie häusliche Gewalt haben sich ebenfalls verschärft. Das ist fatal, denn es ist schwieriger für Kinder und Jugendliche, sich Hilfe zu suchen oder den Konflikten zu entgehen, da sie wenig bis keine Kontakte zu erwachsenen Vertrauenspersonen, wie Lehrern, Betreuern oder Trainern haben. Die Konsequenz ist Stress, sozialer Rückzug und depressive Verstimmtheit. Mittlerweile ist fast jedes dritte Kind „psychisch auffällig“, doch auch psychosomatische Symptome, wie beispielsweise Kopf- oder Bauchschmerzen sowie Übergewicht, haben sich vermehrt.  Laut der Studie machen heute zehnmal so viele Kinder und Jugendliche keinen Sport wie vor der Pandemie. Dabei sind Sport und Bewegung wichtig für die physische und psychische Gesundheit, aber auch für die Entwicklung von Kindern. Sie können hier Freunde treffen, lernen Teil einer Mannschaft zu sein, Konflikten gegenüberzustehen und mit Sieg und Niederlage umzugehen. Zu einem Bewegungsmangel kommt, dass sich die Ernährung deutlich verschlechtert hat, was häufig Grund für Konzentrationsmangel und Energielosigkeit ist. Sieben von zehn Kindern geben eine verminderte Lebensqualität an, bei der ersten Befragung waren es noch sechs, vor der Pandemie nur drei.

Für die meisten Jugendlichen ist die Tagesstruktur weggebrochen. Ein geregelter Tagesablauf, wie zum Beispiel zur Schule gehen, regelmäßige Mahlzeiten und Hobbys, bietet Halt und Orientierung. Hinzu kommt, dass es Schüler:innen durch das Homeschooling, welches Online-Unterricht und Arbeit in Eigenverantwortung beinhaltet, schwerer fällt, sich zu konzentrieren. Wie auch nicht, wenn man mit einem Klick auf einer anderen Website sein oder sonst wie durch die Umgebung der eigenen Wohnung abgelenkt werden kann. Schüler:innen mit schlechteren Voraussetzungen, wie mangelnder technischer Ausstattung oder ohne ruhigen Ort zum Lernen, werden abgehängt. Auch die Zukunft wird dadurch für einige ungewiss. Es ist schwieriger, einen Praktikumsplatz zu finden, die Versetzung ist vielleicht gefährdet, oder den richtigen Notendurchschnitt für ein Studium zu bekommen scheint kaum machbar.

Trifft es alle gleich?

Doch obwohl fast alle Kinder und Jugendlichen unter den Auswirkungen von Pandemie und Lockdown leiden, herrscht Ungleichheit. Ein eigenes Zimmer oder ein geteilter Schreibtisch. Eltern, die bei den Hausaufgaben helfen oder den ganzen Tag arbeiten. Frisch gekochte Mahlzeiten oder Tiefkühlware und Süßigkeiten. Einen guten, betreuten Onlineunterricht oder Lernen in Eigenverantwortung. Ein stabiles familiäres Umfeld oder Streit und Stress zu Hause.

Die Studie zeigt, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Familien oder Familien mit Migrationshintergrund stärker betroffen sind. In der Pressemitteilung heißt es „[…] Wer vor der Pandemie gut dastand, Strukturen erlernt hat und sich in seiner Familie wohl und gut aufgehoben fühlt, wird auch gut durch die Pandemie kommen.“ (Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, Leiterin der COPSY-Studie). Das Fünftel der Kinder, welches schon vor der Pandemie schlechtere Bedingungen hatte, leidet nun dreimal häufiger unter depressiven Verstimmungen, Anzeichen für Sorgen und Ängstlichkeit waren bei ihnen etwa doppelt so häufig.

Wenn Wirtschaft vor Gesundheit geht

Dass so viele junge Menschen durch die Pandemie einen Teil der Zeit, in der sie sich entwickeln, kennenlernen, ausprobieren und formen sollen, verlieren, ist schlimm, aber nicht nur der Pandemie an sich geschuldet. Der ewig andauernde zweite Lockdown hätte verhindert werden oder zumindest deutlich kürzer ausfallen müssen. Auch die aktuellen Fallzahlen könnten deutlich niedriger sein, wenn die Regierung endlich die die richtigen Maßnahmen treffen würde. Dadurch, dass die Wirtschaft weiterläuft, birgt der Arbeitsplatz für viele Menschen weiterhin das größte Ansteckungsrisiko. Seit Wochen zeigt sich, wie gering die Auswirkung der Maßnahmen ist, die allein das Privatleben immer weiter einschränken, und trotzdem wird weitergemacht. Die Regierung nimmt damit in Kauf, dass Kinder und Jugendliche psychisch immer stärker belastet werden, dass es vermehrt zu häuslicher Gewalt kommt, dass Familien, die es schon vor der Pandemie nicht leicht hatten, jetzt um ihre Existenzgrundlage kämpfen müssen. Wenn die Regierung anfangen würde, die Maßnahmen nicht im Interesse der Konzerne und nach Profitlogik zu treffen, sondern tatsächlichen mit dem Ziel, der Pandemie ein Ende zu setzten, wären Präsenzunterricht, Freizeitangebote, Sport und soziale Kontakte keine Tagträumerei, sondern bald wieder Realität und Alltag von Kindern und Jugendlichen.

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05/2021 Lautschrift

Bundeswehr an Schulen

Die Doppelmoral des Bildungswesens

In der Schule wird uns immer beigebracht, dass man Streitereien friedlich lösen soll. Auch Kriege werden im Geschichtsunterricht als etwas moralisch Verwerfliches und Rückständiges betrachtet. Demnach ist Militär und Kriegstreiberei eigentlich etwas, was gerade Jugendlichen nicht nahegebracht werden sollte. Dennoch wirbt die Bundeswehr massiv an Schulen und Berufsmessen. Hier präsentiert sie sich natürlich nicht als kriegstreibend oder gewaltvoll, sondern als normalen Arbeitgeber, bei dem man Aktion und Abenteuer erleben kann. Aber ist das wirklich so? Ist die Bundeswehr ein normaler Arbeitgeber?

Schauen wir uns die harten Fakten an.

Seit 1992 wurden 108 deutsche Soldaten getötet, alleine 55 davon in Afghanistan. Die Bundeswehr selbst tötete (nach offiziellen Angaben) rund 200 Menschen in Afghanistan. Die Zahl der traumatisierten Soldaten liegt dabei natürlich noch viel höher. 2018 wurden 1875 Fälle von Soldaten in psychischer Behandlung verzeichnet. Schätzungen zufolge steigen diese jedoch kontinuierlich um rund 100 Fälle pro Jahr an, da die Auslandseinsätze zahlreicher werden.

Jeder andere normale Beruf in Deutschland würde mit solchen Daten, allein auf Grund des Arbeitsschutzgesetzes, nie zugelassen werden. Kennen wir nun also diesen Hintergrund, müssen wir uns vor Augen führen, dass man schon vor dem Erreichen des 18. Lebensjahres von der Bundeswehr rekrutiert werden darf. So wurden 2017 2.128 17-Jährige rekrutiert. Diese Jugendlichen erhalten dieselbe militärische Ausbildung an der Waffe wie erwachsene Soldaten und werden dann oft schon bald nach Erreichen der Volljährigkeit in Auslandseinsätze geschickt.

Aber warum ist die Bundeswehr überhaupt im Auslandeinsatz?

Uns wird immer beigebracht, dass die Bundeswehr sowohl unsere „Werte“ wie Demokratie und Menschenrechte in anderen Ländern verteidigen als auch unsere Sicherheit im Ernstfall schützen muss. Unter diesem Gesichtspunkt kann es plausibel scheinen, dass auch die große Gefahr und Belastung, denen junge Menschen in der Bundeswehr ausgesetzt sind, „in Kauf genommen“ werden kann, wenn es um die Sicherheit unseres Landes und die Menschenrechte und den Schutz der Menschen in Einsatzländern geht. Zwar wirkt diese Argumentation schon an sich etwas merkwürdig, aber was noch viel wichtiger ist, sie täuscht über die wirklichen Tatsachen hinweg. Denn die 12 derzeitigen Auslandeinsätze sind in vielerlei Hinsicht mehr als umstritten. Nehmen wir beispielsweise den Einsatz in Afghanistan. Hier gab es seit 2001 ca. 160.000 afghanische Kriegstote, 2,5 Millionen Binnenvertriebene und 2,7 Millionen Geflüchtete. So kam im Jahr 2020 der größte Anteil an Geflüchteten in Deutschland aus Afghanistan. Zudem wurde bis jetzt nichts an der politischen Lage dort verbessert. Trotzdem begründete der ehemalige SPD-Politiker Struck diesen Einsatz mit der Aussage: „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird heute auch am Hindukusch verteidigt.“  Auch in Syrien „unterstützt“ die Bundeswehr vielseitig. Die Zahl der Todesopfer beläuft sich hier auf ca. 500.000 und auch hier gibt es keine Aussicht auf Verbesserung. Somit lässt sich erkennen, dass die Begründungen der Politiker nur vorgeschoben sind und in Wirklichkeit vielmehr internationale Machtspiele, wirtschaftliche und geopolitische Interessen im Vordergrund stehen. Aus diesem Grund ist es um so makaberer, Jugendliche für diese auf Profitgier und Skrupellosigkeit beruhenden Auslandeinsetze anzuwerben.

Aber wie wirbt die Bundeswehr Jugendliche an? 

Die Bundeswehr bedient sich hierbei zwei verschiedener Möglichkeiten. Zum einen schickt sie so genannte Jungoffiziere an Schulen, die dort von ihren Tätigkeiten berichten und über die generellen Fakten aufklären. Diese dürfen allerdings nicht für die Bundeswehr werben und Jugendliche von einer Rekrutierung überzeugen. Deshalb gibt es außerdem die Karriereberater der Bundeswehr. Sie gehen zu Schulen und Berufsmessen und werben aktiv Jugendliche an. Zwar muss es den Jugendlichen freigestellt sein, ob sie an diesen Treffen teilnehmen, aber natürlich sind viele sehr neugierig. Diese Technik scheint auch zu funktionieren. So lautet die Antwort auf eine Anfrage der Linken: Die Beratung habe „zu einer guten Bedarfsdeckung der Bundeswehr“ beigetragen.

Aber ist es überhaupt legal Kinder für den Kriegseinsatz anzuwerben?

Die Antwort ist ganz klar „NEIN“! Die Werbung für Militäreinsätze widerspricht den Prinzipien der UN-Kinderrechtskonvention, die auch Deutschland unterschrieben hat. Die darin verbrieften Kinderrechte gelten für alle Menschen unter 18 Jahren. Somit lässt sich auch hier erkennen, dass Deutschland die internationalen Regeln, die aus den Erfahrungen der 2 Weltkriege entstanden sind, nur als eine Art Empfehlung wahrnimmt. Denn wenn es darum geht, deutsche Interessen und Macht durchzusetzen, kann man auch mal eine Kinderrechtskonvention hintergehen.

Zu allem Gesagten kommt das massive Rechtsextremismusproblem in der Bundeswehr und die Wahrscheinlichkeit, innerhalb ihrer Strukturen schon im jungen Alter rechte Propaganda und Gruppierungen kennenzulernen und von ihnen beeinflusst zu werden.

Deshalb fordern wir ein Verbot von Bundeswehr Werbung an Schulen und stattdessen mehr Aufklärung über das Kriegsgeschehen und die wirklichen Hintergründe für Auslandseinsätze. Außerdem fordern wir ein Verbot für die Rekrutierung von Minderjährigen, um sie vor diesen Interessen zu schützen.

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05/2021 Lautschrift

TEXT ME WHEN YOU GET HOME XX

Der Schlüssel zwischen den Fingern, so tun, als würde man telefonieren, alle paar Sekunden umdrehen und schauen, ob wirklich niemand hinter einem läuft: Ganz normal, wenn man als Mädchen nachts alleine nach Hause geht.

Wir lernen schon früh, dass es gefährlich ist, durch verlassene Gegenden oder Parks zu laufen. Zuletzt wurde der Fall um die Britin Sarah Everard bekannt, die auf dem Heimweg mutmaßlich von einem Polizisten ermordet wurde.

Frauen, aber auch queere Personen sind immer wieder Gewalt und Gefahr ausgesetzt, vor allem von Männern. Aber woher kommt diese Gefahr?

Belästigung – Jeden.Tag.

Unabhängig vom Alter, äußerer Erscheinung und Kleidung, erleben wir täglich, dass uns auf dem Weg zum Bus hinterhergepfiffen wird, jemand uns etwas Anzügliches hinterherruft oder aufdringlich anstarrt. Manchmal laufen Männer uns gezielt hinterher oder in einer vollen U-Bahn fasst einem jemand einfach so an den Hintern. Das ist nicht nur abends der Fall, sondern auch tagsüber.

Erst kürzlich fand eine Studie aus Großbritannien heraus, dass 97 Prozent der britischen Frauen zwischen 18 und 24 Jahren in ihrem Leben schon einmal sexuell belästigt wurden. Wenn wir mit Freundinnen oder Bekannten sprechen, dann wird diese Zahl real, denn den meisten sind schon grenzüberschreitende Dinge passiert.

Oft, wenn wir versuchen uns Gehör zu verschaffen, um darüber zu sprechen, wie unangenehm diese Situationen sind, wird das abgetan. Wir sollten die Sprüche als Kompliment nehmen oder uns halt mehr anziehen. Solche Aussagen sind gefährlich und verharmlosend und stellen die betroffenen Mädchen und Frauen in die verantwortliche Position. Dabei ist es nicht unsere Schuld, wenn uns jemand belästigt! Und trotzdem droht den Tätern keine Gefahr, da die meisten Übergriffe keine Konsequenzen mit sich ziehen, und dem etwas zu entgegnen, oft keine Option ist. Denn der öffentliche Raum ist ein vor allem männlich dominierter.

Das zeigt sich zum Beispiel, weil wir besonders häufig Hinterherrufen und blöde Sprüche erleben, wenn wir an Männergruppen vorbeigehen. Dabei geht es meist gar nicht darum, eine Antwort zu bekommen oder gar die Mädchen kennenzulernen. Es sind Sachen, die Männer oft unter sich machen, es wird selten etwas dagegen sagt. Es scheint, als müsste die Macht vor anderen demonstriert werden, jeder möchte der Größte, der Stärkste sein und die Männlichkeit darf nicht in Frage gestellt werden. Dabei pushen sich Typen häufig gegenseitig und schützen sich auch. Solche Dynamiken entstehen auf Grundlage einer falschen Idee des „Mannes“ und diese Denkmuster und Ideen gilt es zu durchbrechen.

Wenn Frauen auf der Straße nicht sicher sind, dann sind sie es auch nirgendwo anders.

Wenn wir darüber sprechen, dass wir Angst haben, nachts alleine nach Hause zu gehen, dann müssen wir auch darüber sprechen, dass diese Angst innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse entsteht. Durch die täglichen Erfahrungen mit Belästigung scheint die Situation abends auf dem Heimweg noch bedrohlicher. Gerade, wenn kaum jemand unterwegs ist, oder man durch einen Park laufen muss, ist die Angst sehr groß und wie viele Beispiele und Erfahrungen zeigen auch begründet. Trotzdem deuten soziologische Studien darauf hin, dass Angst- und tatsächliche Gefahrenräume sich unterscheiden. Wir haben Angst, nachts alleine durch einen Tunnel zu laufen, statistisch gesehen ist jedoch das Zuhause einer Frau aufgrund häuslicher Gewalt viel gefährlicher. Wir sehen also, dass die Gefahr für Frauen nicht allein im öffentlichen Raum, sondern überall in unserer Gesellschaft eine Gefahr darstellt und somit ein tieferliegendes Problem ist, dass sich nicht auf die Dunkelheit auf dem Nachhauseweg beschränkt. Allerdings wird im öffentlichen Raum das vorherrschende Frauenbild offensichtlicher. Und wenn die Hälfte der Bevölkerung sich abends nicht sicher fühlt und es auch tagsüber nicht ist, dann müssen wir Lösungen dafür finden und uns fragen, wie dieses Verhältnis entsteht.

Die Frau als bloßes Objekt

Von früh an wachsen wir mit Vorstellungen darüber auf, wie Jungen und Mädchen sich verhalten sollen. Jungen sollten stark sein, nicht weinen, mutig, nicht schüchtern und Mädchen am besten das genaue Gegenteil davon: Einfühlsam, zurückhaltend, und nicht aufdringlich, hübsch und schlank am besten auch noch. Wir lernen, wie die Geschlechter zu sein haben. Diese Vorstellungen verändern sich im Erwachsenenalter kaum und wir passen uns ihnen an. Als Frau haben wir öfter das Gefühl, aufräumen zu müssen oder uns wird gesagt, wir sollen öfter lächeln und freundlich sein. Wir erlernen häufiger soziale Berufe und arbeiten öfter Teilzeit, damit wir genügend Zeit für die Erziehung der Kinder haben, während den „mutigen“ Männern mehr zu getraut wird, dazu arbeiten sie meist besser bezahlt und setzten ihren Willen öfter durch. Diese Vorstellungen los zu werden ist schwer, denn sie haben auch eine Funktion: Geschlechterrollen halten ein System aufrecht, in dem Frauen nach wie vor benachteiligt werden und viel zu häufig noch auf ihre Rolle als Mutterfigur und die Arbeit im Haushalt reduziert werden.

Das Problem mit diesen Zuschreibungen ist, dass wir ihnen intuitiv folgen und sie auch um uns herum andauernd präsent sind, zum Beispiel in der Werbung, in der bestimmte Schönheitsideale propagiert werden oder mit sexistischen Sprüchen auf ein Enthaarungsprodukt aufmerksam gemacht wird. Auch ist es nicht unüblich, dass sich im Film und Fernsehen zwei Männer um eine Frau streiten, und dabei sogar prügeln. Was als romantische Tat dargestellt wird, ist eigentlich eine Verharmlosung von Gewalt und noch dazu scheint es, als würde die Frau keine Stimme haben. Wenn Gewalt als Zeichen der Männlichkeit gezeigt wird, hat das verheerende Folgen.

Nach wie vor sollen Frauen auch im 21. Jahrhundert noch „erobert“ werden, diese Vorstellung wird romantisiert und als erstrebenswert dargestellt. Jedoch sind wir in dieser Darstellung bloße Objekte, die nicht auch eine Meinung oder Wünsche hätten und man sich einfach nach Belieben nehmen könnte. Uns bekannte Sprüche wie „Hol sie dir“ und die Mentalität darum sind schlichtweg entmenschlichend und objektifizierend und eben nicht schmeichelhaft oder romantisch.

Auf dass die Straßen auch unsere werden.

Wenn wir unsere Mütter, Großmütter und Tanten fragen, haben sie wahrscheinlich alle schon sexuelle Belästigung und Übergriffigkeit erlebt und sich auf der Straße unwohl gefühlt. Es ist also keine Frage der Generation oder Herkunft, sondern ein Problem, das im System verankert scheint. Auf der politischen Tagesordnung ist das Thema allerdings nicht, im Gegenteil, obwohl es seit Jahrzenten und wahrscheinlich noch länger existiert. Wichtige Ansatzpunkte sind genügend Anlaufstellen für betroffene Mädchen und Frauen, das Heimwegtelefon (siehe Kasten) ist da schon ein guter Anfang. Generell hilft es, zu telefonieren, einer Vertrauensperson zu sagen, wo man sich aufhält oder auch Pfefferspray dabei zu haben, um sich sicherer zu fühlen. Langfristig ist es jedoch wichtig, dass wir die Ideen, auf denen die Rollenverteilung der Geschlechter basieren, abschaffen. Frauen werden erst sicher in jedem Raum in unserer Gesellschaft sein, wenn die Machtverhältnisse sowie die grundlegenden Bilder von Männern und Frauen sich verändern.

Deshalb brauchen wir dringend politisches Handeln und strukturelle Veränderungen! Damit unsere Töchter, Nichten und Enkelinnen sich sicher auf den Straßen ihrer Stadt fühlen können!

Heimwegtelefon

Du fühlst dich auf dem Weg nach Hause nicht sicher und deine Freund:innen oder Familienmitglieder schlafen schon? Ruf beim Heimwegtelefon an und führe ein nettes Gespräch bis du sicher zu Hause angekommen bist!

Tel.: 030/12074182 (deutschlandweit)
Sonntag – Donnerstag: 18-00 Uhr, Freitag & Samstag 18-03 Uhr

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03/2021 Lautschrift

EIN ALTER WEISSER MANN UND DIE FRAUENBEWEGUNG

Artikel von Hanna Lubcke aus der „Jungen Stimme“ (Ausgabe 85, März/April 2020)

Der Kampf gegen die Unterdrückung der Frau ist noch lange nicht gewonnen. Obwohl es in Deutschland seit über 100 Jahren eine mehr oder weniger starke Frauenbewegung gibt verdienen wir in Deutschland durchschnittlich immer noch 22% weniger als Männer, jede vierte Frau arbeitet im Niedriglohnsektor, außerdem arbeiten Frauen im Haushalt jede Woche durchschnittlich 9 Stunden länger als Männer. Auch die Gewalt gegen Frauen ist immer noch verheerend, allein 2018 wurden in Deutschland 118 Frauen von ihren (ehemaligen) Partnern ermordet. Währenddessen findet der größte Teil vom feministischen Diskurs an der Hochschule statt und verliert teilweise den Bezug zur Bevölkerung komplett. So führt der Versuch, eine geschlechtsneutrale Sprache zu etablieren dazu, dass Menschen, die diese nicht auf Anhieb beherrschen teilweise aus dem Diskurs ausgeschlossen und für unpolitisch erklärt werden. Identitätspolitik führt dazu, dass sich nur noch Menschen zu Diskriminierung äußern können, die davon betroffen sind. Diesen Menschen die Erfahrung und damit mehr Deutungshoheit zuzusprechen ist natürlich richtig, in der Konsequenz verhindert es aber heutzutage häufig den offenen Austausch über Vorurteile – aus Angst, etwas falsches zu sagen sagt man lieber gar nichts mehr. Diese Debatte über Sprache und Identität, die weder anschlussfähig noch ausreichend ist, um Antworten auf die Probleme von Frauen heutzutage zu finden, dominiert die feministische Szene. Dabei gibt es Theorien zur Frauenbefreiung, die Anfang des letzten Jahrhunderts eine breite, fortschrittliche Frauenbewegung unterstützt haben – und Friedrich Engels, dessen Geburtstag sich 2020 zum 200. Mal jährt, spielte hierbei eine große Rolle.

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03/2021

Stonewall 1969: Ein vergessener Aufstand?

Artikel von Joshua Sommer

Es ist kurz nach Mitternacht im Sommer. Sieben Polizisten stürmen, wie üblich, das „Stonewall Inn“ in New York. Jahrhunderte der internationalen Unterdrückung und Ermordung von überwiegend trans, schwulen und lesbischen Menschen (zusammengefasst auch: LGBTQI*-Community)* in der Gesellschaft liegen zurück. Doch dann der Wendepunkt: Die 200 Gäste verhalten sich nicht wie üblich. Sie wehren sich. Es fliegen Steine, weil eine Frau aus der Bar in das Polizeiauto gezerrt wird. Sie fängt an, sich zu wehren, und ermutigt die Menschen vor der Bar, sich aufzulehnen. Der Protest wird laut. Gegen die Schikane der Polizisten. Gegen die staatliche Ordnung. Gegen die Gesetze, die verbieten, dass Sexualität und wahre Geschlechtsidentität ausgelebt werden darf.** Diese unerträgliche Wut der unterdrückten Massen musste befreit werden. Aus einigen wurden viele. Worte wie „I’m proud and gay“ oder „Gay Liberation“ ertönten. Mit »gay« (übersetzt: „schwul“) war zu der Zeit jedoch gesamte queere Community gemeint.

DIE STRAßE GEHÖRT UNS

Befreiung muss her. Nach etlichen Steinen kommen die Molotowcocktails. Der Aufstand beginnt. Die Polizisten verschanzen sich im „Stonewall Inn“ vor lauter Angst. Die Menschen sammeln sich in der Christopher-Street. Linke Bewegungen zu der Zeit schließen sich an, so zum Beispiel Aktivist:innen der „Black Panther Party“ oder der „Young Lords“. Dieser Moment des Aufstandes war die Geburtsstunde für die Radikalisierung der „queeren“*** Bewegung. Nach tagelangen Protesten beruhigte sich zwar die Lage vor Ort, aber schon nächstes Jahr gelang es der Bewegung, bis zu 10.000 Menschen auf die Straße zu bringen. Der erste „Christopher-Street-Day“ fand 1970 in New York als Marsch statt. Eine Bewegung fing an zu blühen und damit begann der jahrzehntelange Kampf.

GAY-LIBERATION-FRONT

Aus dem Stonewall-Aufstand heraus entstand die „Gay-Liberation-Front“, was eine Anspielung auf den damaligen Vietnam-Krieg war. Die US-Truppen wurden nämlich „National-Liberation-Front“ genannt. Der Krieg dauerte von 1955 bis 1976 an. 1964 mischten sich die USA militärisch ein, denn sie wollten „den vermuteten Vormarsch des Kommunismus“ stoppen. Die „Gay-Liberation-Front“ solidarisierte sich mit linken Kämpfen zu der Zeit. Sie identifizierten sich als Unterdrückte und solidarisierten sich mit allen anderen Unterdrückten. Ob mit Arbeiter:innenbewegungen, der schwarzen Befreiungsbewegung, der „dritten Welt“ oder eben der Problematik des Vietnam-Kriegs: „Gay-Liberation-Front“ bedeutete Klassenkampf, was wiederum heißt, dass alle Unterdrückten untereinander sich als Klasse gegen die Unterdrücker des bestehenden Systems auflehnen und gegen dieses System der Unterdrückung kämpfen. Sie wollten Rache an der Quelle der Unterdrückung, und somit gegen die „abscheuliche kapitalistische Ordnung“ (Quelle: The Rat, Zeitung der „GLF“).

Leider spaltete die GLF sich nach wenigen Jahren auf und somit auch eine komplette Bewegung. Es wurden trans-Personen von schwulen/lesbischen Gruppen wie der „Gay-Activists-Alliance“ ausgeschlossen. Daraufhin gründeten Marsha P. Johnson und Sylvia Riviera, die heutigen Ikonen der Bewegung und des Stonewall-Aufstandes, die „Street Transvestite Action Revolutionaries“ (STAR). Der Konflikt fand seinen Höhepunkt auf einer Kundgebung, wo trans-Aktivst:innen die Bühne stürmten, weil sie auf der Demo ganz hinten laufen mussten. Antikommunistische Hetze, der neoliberale Aufstieg, sowie auch die Uneinigkeit innerhalb der linken Bewegung führten schon ab den 1970er-Jahren zur Verhinderung von großen Massenbewegungen.

INDIVIDUALISMUS ÜBER ALLES?

51 Jahre ist der Aufstand nun her. Nur ist nicht mehr viel übrig von dem einst „revolutionärem“ Charakter der Bewegung. Auf dem heutigen „Christopher-Street-Day“ werben politische Parteien für sich, Konzerne machen ihr Geld und es wird fleißig Alkohol getrunken. Beim Zelebrieren des sogenannten „Pride-Month“ sieht es nichts anders aus: Es wird erinnert an das, was geschaffen wurde, es wird gefeiert, so als gäbe es keinen Grund mehr, für wahre Freiheit zu kämpfen.

FREIHEIT FÜR ALLE UNTERDRÜCKTEN

Sicher lebt eine queere Person heute unter anderen Gesetzen in den Industriestaaten der Welt. Der queeren Bewegung von damals haben wir sicher vieles zu verdanken. Doch wo ist die heutige „Gay-Liberation-Front“ geblieben, die sich mit allen Unterdrückten der Welt, und deren eigener Unterdrückung, auseinandersetzt? Es nützt uns nichts, wenn mit „queer“ Geld gemacht wird. Wenn sich Konzerne zwar für Profit interessieren, aber nicht für die tagtägliche Diskriminierung. Die Wirtschaftsordnung, in der wir leben, kann nichts anderes tun, als Diskriminierungen zu manifestieren. Wenn wir als queere Personen diskriminiert werden, stehen wir nicht alleine da. Wir sind ein Teil im System, welches die weltweite, systematische Unterdrückung fortführen lassen will. Unterdrückung darf kein Ist-Zustand bleiben und deshalb müssen alle queeren Menschen wieder anfangen sich umzuschauen. Alleine oder als queere Community wird das nie gelingen.

* LGBTQI ist eine Abkürzung für Lesbian, Gay, Bi, Trans, Queer und Intersex. Auf Deutsch steht das also für lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer und intersexuell. 

** Bestrafung von Homosexuellen und trans-Personen per Gesetz: Der §175 ermöglichte eine strukturelle und systematische Verfolgung von Homosexuellen bis 1994. Das sogenannte Transsexuellengesetz diskriminiert bis heute Trans-Personen durch staatlich-fundiertes „Recht“.

*** QUEER: der Begriff »queer«, ursprünglich als Schimpfwort gebraucht, bezeichnet heute sowohl die gesamte LGBT*+-Bewegung als auch einzelne ihr angehörende Personen)

„Wir waren krank und müde von der tagtäglichen Unterdrückung (…) Die Zeit ist gekommen, und ich werde keine Minute davon verpassen, das ist die Revolution.“, Sylvia Riviera, trans-Frau und Stonewall-Ak

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01/2021

Musikalische Gegengewalt

Vielen ist Rage against the Machine (RATM) ein Begriff. Wer einmal in die Musiklandschaft der 1990er Jahre getaucht ist, ist früher oder später auf diese Crossover-Band aus Kalifornien gestoßen. Ihr gleichnamiges erstes Studioalbum aus dem Jahr 1992 ist ein musikalischer Meilenstein. Ob die mit Wut bis zum Anschlag rappende Stimme des Frontmanns Zach de la Rocha oder der mit allen möglichen Effekten gezeichnete Klang von Tom Morellos Gitarre: Dieses Crossover-Album als Zusammenfassung von genialen und detailreichen Tracks war ein Sprung in eine neue Musik. Crossover meint dabei eine Mischung aus Musikgenres, die man kaum für kompatibel halten würde oder deren Mixtur man zuvor noch nicht erprobt hat. RATM treibt es da bis auf die Spitze der Musikchemie. Funk, Blues Rock, Metal und Rap mit einer gehörigen Portion dissonanter Klänge und Sozialkritik.

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01/2021 Lautschrift

Der ungebetene Gast

Als ich einmal aus der Schule kam, das muss die Grundschule gewesen sein, herrschte eine ursachenlose Unruhe zuhause. Die Unruhe war oft das fünfte Familienmitglied. Alle grüßten sie, führten sie Gassi oder nahmen sie mit in die Schule oder in die Arbeit, ohne ihren Namen zu kennen. Diese Unruhe, der ich später selten oder gar nicht bei Freunden aus der Studienzeit begegnet war, begleitete uns auch im Sommer, wenn wir in die Türkei fuhren. Mutter bereitete das Mittagessen in der Küche zu und Can war im Kinderzimmer. Vermutlich spielte er; was, das weiß ich nicht mehr. Es sind die üblichen Tricks, die das Gedächtnis an solchen Stellen anwendet, um das Nicht-Wissen mit Lügen romanhaft zu umgehen. Ich werde versuchen, diesen Lügen, so verführerisch sie sind, nicht zum Opfer zu fallen. Denn sie bedeuten auch immer Schweigen über oder Verschweigen von etwas. Ich schreibe, weil ich beschlossen habe, nicht zu schweigen und nichts zu verschweigen. Ich will das Etwas mit Worten auflesen, es aufschreiben und festhalten, damit es nicht mehr fliehen kann. Ich suche es hinter den Lügen, das Unausgesprochene, eine Sprache der Sprachlosigkeit.

Jedenfalls sollte Vater jeden Augenblick von der Arbeit kommen und nach der Arbeit, vor allem nach der Frühschicht, war er hungrig und oft launisch, als müsste er zuhause etwas ausgleichen, was er draußen erlitten hatte. Auch seine Launen waren zuweilen ursachenlos, oder man konnte sie nicht mit bloßem Augenschein zur Kenntnis nehmen. Sie waren unsichtbar und doch sichtbar, wie Staub auf dem Rücken von Schmetterlingsflügeln. Seine breiten Schultern gingen zu Boden. Seine Augenlieder lagen wie halbfallende Jalousien über seinen Pupillen. Falten einer namenlosen Sorge umkränzten seine Augen. Vermutlich wusste auch er nicht von dieser Sorge oder woher sie kam, aber dennoch bewegte sie ihn, wie mir oft schien. Wer ist schon Beweger – sind wir nicht alle Bewegte einer Macht, die von uns ausgeht, ohne dass wir erkennen, dass sie von uns ausgeht? Sie ergreift unsere Körper und macht aus uns etwas, von dem wir am Ende sagen, dass es Selbstbestimmung oder Freiheit ist. Von Selbstbestimmung oder Freiheit war an solchen Mittagsstunden wenig auf den Wangen von Vater zu sehen. Wie farblose Gardinen fielen sie in seine Wangenknochen.

Ich ging in das Kinderzimmer, wo Can war. Wir teilten es uns. Es war so groß wie ein kleines Arbeitszimmer mit Schreibtisch und einem Bücherregal für Ordner und Akten. Anstelle des Schreibtischs stand da ein Hochbett, er unten und ich oben; anstelle eines Bücherregals ein Kleiderschrank. Über dem dunkelblauen Teppich lag ein Spielteppich, der den Straßenverkehr darstellte, auf dem Can manchmal Spielzeugautos hin und her über Kreuzungen oder in Sackgassen rollte. Irgendwas hatte mich genervt. Ich lag auf dem Bett und hörte Musik mit einem CD-Player, den mir ein Schulfreund geliehen hatte. Vater wollte uns sowas nicht kaufen. Es sei Geldverschwendung, sagte er.

Irgendwann wurde Can auf das Gerät aufmerksam. Er kletterte auf mein Bett und versuchte es an sich zu reißen. Ich stieß ihn zurück.

„Was willst du?“, sagte ich.

„Ich will auch hören.“

„Na gut, hier“, antwortete ich und reichte ihm einen Kopfhörer. Wir lagen zusammen in meinem Bett, starrten die Decke an und hörten Musik, während das Essen aus den dampfenden Töpfen und Pfannen in unser Zimmer kroch. Das war nicht immer schön, vor allem, wenn das Fett der Pfannen nachts auf unseren Kissen und Decken schlief. Unser Zimmer war direkt gegenüber der Küche, die ein kleines Fenster hatte. Daher stand die Küchentür meist offen, damit der Zug über das Wohnzimmer bis hin zum Badezimmer die Küche durchlüftete. Nach einigen Minuten ging die Musik aus. Die Batterien waren leer.

„Mach’s doch wieder an“, sagte Can.

„Die Batterien sind leer“, erklärte ich ihm und stand auf, um neue zu holen. Can kam mit.

„Sag aber nicht Mutter, wofür wir die Batterien brauchen, ok?“

Can nickte.

Wir wühlten in jeder Schublade im Wohnzimmer. Wir wurden nicht fündig. Dann wollten wir ins Schlafzimmer von Mutter und Vater, aber das war abgeschlossen. Als uns Mutter entdeckte, die inzwischen Teller und Geschirr ins Wohnzimmer trug, wo wir immer gemeinsam aßen, denn einen Esstisch hatten wir aus Platzgründen nicht, fragte sie, wonach wir suchten.

„Haben wir Batterien, Mama?“, fragte Can.

„Wofür?“, sagte Mutter.

„Wir wollen Musik hören mit Karls CD-Player“, antwortete Can.

Mutter, die eine Schürze über ihrer blauen Krankenpflegerkleidung trug, die auszuwechseln sie nach der Arbeit keine Zeit fand, legte ihre geballten Hände in die Hüfte. Eine Strähne fiel ihr über die Stirn: „Was für ein CD-Player?“

Ich sagte zu Can: „Bist du dumm!“

„Du bist selber dumm“, rief er aus Trotz.

„Du Bettnässer! Warum hältst du dich nicht an dein Wort!“

„Selber Bettnässer“, rief er wieder aus Trotz und mit ein wenig Verlegenheit, die von seinem Schuldbewusstsein abblätterte.

„Schluss jetzt!“, sagte Mutter, „Was sind das für Worte, Karl? Entschuldige dich bei deinem Bruder! Und was ist das für ein CD-Player? Woher hast du ihn?“

Ich schwieg und sagte in Cans Richtung: „Idiot! Ich werde dich nie mehr mit mir Musik hören lassen.“

Dann stürzte er sich auf mich und ich auf ihn, so wie das Kinder machen; ein Schlagen, das Schubsen und Packen ist. Das kam nicht selten vor zwischen Can und mir, mindestens einmal in der Woche. Während Mutter uns laut aufschreiend mit Händen auseinander zu halten versuchte, was wir komplett ignorierten, trat Vater in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich.

„Seid ihr bescheuert! Man hört euch bis nach draußen“, waren seine ersten Worte. Er legte seine Tasche neben die Schuhe, die im Flur neben der Eingangstür standen. Er ging mit einem zornigen Blick geradewegs auf uns zu. „Da kommt man von der Arbeit, wo man das Geschrei der Maschinen acht Stunden ertragen muss, und findet zuhause keine Ruhe, sondern auch Geschrei.“

Als er zwei Schritte von uns entfernt war, rief Mutter entsetzt: „Ihr Plagen!“ und stürzte in die Küche, wo Suppe aus einem Topf überkochte und wie eine Blutlache über den Herd schlich und auf der glühenden Herdplatte zischte. Rauch ballte sich in der Küche und ein verbrannter Geruch zog durch die Wohnung.

„Verdammt nochmal!“, brüllte Vater zu Mutter, „Schaffst es nicht mal die Kinder ruhig zu halten. Und jetzt diese Sauerei in der Küche!“ Dann zu uns: „Was ist hier los?“

Im Geschrei erfuhr er vom CD-Player und brüllte mich an, während er zugleich Beleidigungen in Mutters Richtung warf, die eine fremde Gewalt in ihm ebenso gewaltsam aus seinem Mund katapultierte. Er dachte dabei nicht nach. Fürs Denken war keine Zeit, eigentlich war zuhause nie Zeit fürs Denken. Wie ein Getriebener riss uns Vater auseinander und gab mir eine schallende Ohrfeige, die mir so weh tat, dass Tränen sich in meinen Augen sammelten. Ich weinte aber nicht, ich schluckte die Ohrfeige in meinen Bauch. Mutter schrie auf, dass Vater mich nicht schlagen solle. Sie stürzte sich zu uns. Alle brüllten im zynischen Orchester der Gewalt, die sich selbst zelebrierte. Dann schrien sich Vater und Mutter an. Can und ich schrien ebenso. Alle schrien. Vaters untere Augenlider zitterten vor Aufregung, während er seinen Oberkörper leicht nach vorne beugte wie eine in der Luft schwingende Brechstange. Immer wieder schossen seine Arme in die Luft. Er rührte Mutter nicht an. Aber auch Mutters Körper glich einer Brechstange. Plötzlich, wir standen im Wohnzimmer, ohne zu wissen, wer uns dorthin geschoben hatte, fiel Vater mit dem Gesäß in das Sofa. Eine Blässe hauchte über sein Gesicht, die ihm alle Lebendigkeit stahl. Er fiel in Ohnmacht; nein, er erlitt seinen ersten Herzinfarkt.

Wir waren still, Can und ich wegen der Schockstarre, die Vaters lebloser Körper uns versetzte. Mutter reagierte schnell, ohne zu zaudern. Sie kannte sich mit solchen Gesichtsausdrücken aus. Sie öffnete das Hemd von Vater, legte ihn auf das Sofa und gab Vater eine Herzdruckmassage mit einer Mund-zu-Mund Beatmung. Nach einigen Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, öffnete Vater die Augen, als hätte Mutter ihn wachgeküsst. Sie rettete ihm das Leben. Erst dann zeigte sich die Angst auf Mutters Gesicht. Sie umarmte ihn ganz fest. Wir, Can und ich, schlossen uns an und umarmten die Arme von Vater, der verwirrt zu sein schien. Er wusste nicht, was um ihn geschehen war. Jahre später sollten noch zwei weitere Herzinfarkte folgen, allerdings nicht solche, die in einer Bedeutungslosigkeit wie einem CD-Player ihren Anfang nahmen. 

Belanglosigkeiten waren zuhause eine Zündschnur, welche zu einer unsichtbaren Gewalt führte, die wie ein Puppenspieler unsere Gesten, Bewegungen und unsere Sprache beherrschte. Dabei war die Ursache von Streit immer absurd, was zeigt, dass die wirkliche Ursache von einem anderen Ort, außerhalb von der Familie, ausging. Wo dieser Ort war, wusste keiner, weder Vater noch Mutter und erst recht nicht Can und ich. Vielleicht hätte das am Schreien, Brüllen und Streiten nichts geändert, wenn wir es gewusst hätten; vielleicht. Gesiegt hatte immer diese Gewalt, dieser ungebetene Gast.

-Mesut Bayraktar