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01/2021

Musikalische Gegengewalt

Vielen ist Rage against the Machine (RATM) ein Begriff. Wer einmal in die Musiklandschaft der 1990er Jahre getaucht ist, ist früher oder später auf diese Crossover-Band aus Kalifornien gestoßen. Ihr gleichnamiges erstes Studioalbum aus dem Jahr 1992 ist ein musikalischer Meilenstein. Ob die mit Wut bis zum Anschlag rappende Stimme des Frontmanns Zach de la Rocha oder der mit allen möglichen Effekten gezeichnete Klang von Tom Morellos Gitarre: Dieses Crossover-Album als Zusammenfassung von genialen und detailreichen Tracks war ein Sprung in eine neue Musik. Crossover meint dabei eine Mischung aus Musikgenres, die man kaum für kompatibel halten würde oder deren Mixtur man zuvor noch nicht erprobt hat. RATM treibt es da bis auf die Spitze der Musikchemie. Funk, Blues Rock, Metal und Rap mit einer gehörigen Portion dissonanter Klänge und Sozialkritik.

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01/2021 Lautschrift

Der ungebetene Gast

Als ich einmal aus der Schule kam, das muss die Grundschule gewesen sein, herrschte eine ursachenlose Unruhe zuhause. Die Unruhe war oft das fünfte Familienmitglied. Alle grüßten sie, führten sie Gassi oder nahmen sie mit in die Schule oder in die Arbeit, ohne ihren Namen zu kennen. Diese Unruhe, der ich später selten oder gar nicht bei Freunden aus der Studienzeit begegnet war, begleitete uns auch im Sommer, wenn wir in die Türkei fuhren. Mutter bereitete das Mittagessen in der Küche zu und Can war im Kinderzimmer. Vermutlich spielte er; was, das weiß ich nicht mehr. Es sind die üblichen Tricks, die das Gedächtnis an solchen Stellen anwendet, um das Nicht-Wissen mit Lügen romanhaft zu umgehen. Ich werde versuchen, diesen Lügen, so verführerisch sie sind, nicht zum Opfer zu fallen. Denn sie bedeuten auch immer Schweigen über oder Verschweigen von etwas. Ich schreibe, weil ich beschlossen habe, nicht zu schweigen und nichts zu verschweigen. Ich will das Etwas mit Worten auflesen, es aufschreiben und festhalten, damit es nicht mehr fliehen kann. Ich suche es hinter den Lügen, das Unausgesprochene, eine Sprache der Sprachlosigkeit.

Jedenfalls sollte Vater jeden Augenblick von der Arbeit kommen und nach der Arbeit, vor allem nach der Frühschicht, war er hungrig und oft launisch, als müsste er zuhause etwas ausgleichen, was er draußen erlitten hatte. Auch seine Launen waren zuweilen ursachenlos, oder man konnte sie nicht mit bloßem Augenschein zur Kenntnis nehmen. Sie waren unsichtbar und doch sichtbar, wie Staub auf dem Rücken von Schmetterlingsflügeln. Seine breiten Schultern gingen zu Boden. Seine Augenlieder lagen wie halbfallende Jalousien über seinen Pupillen. Falten einer namenlosen Sorge umkränzten seine Augen. Vermutlich wusste auch er nicht von dieser Sorge oder woher sie kam, aber dennoch bewegte sie ihn, wie mir oft schien. Wer ist schon Beweger – sind wir nicht alle Bewegte einer Macht, die von uns ausgeht, ohne dass wir erkennen, dass sie von uns ausgeht? Sie ergreift unsere Körper und macht aus uns etwas, von dem wir am Ende sagen, dass es Selbstbestimmung oder Freiheit ist. Von Selbstbestimmung oder Freiheit war an solchen Mittagsstunden wenig auf den Wangen von Vater zu sehen. Wie farblose Gardinen fielen sie in seine Wangenknochen.

Ich ging in das Kinderzimmer, wo Can war. Wir teilten es uns. Es war so groß wie ein kleines Arbeitszimmer mit Schreibtisch und einem Bücherregal für Ordner und Akten. Anstelle des Schreibtischs stand da ein Hochbett, er unten und ich oben; anstelle eines Bücherregals ein Kleiderschrank. Über dem dunkelblauen Teppich lag ein Spielteppich, der den Straßenverkehr darstellte, auf dem Can manchmal Spielzeugautos hin und her über Kreuzungen oder in Sackgassen rollte. Irgendwas hatte mich genervt. Ich lag auf dem Bett und hörte Musik mit einem CD-Player, den mir ein Schulfreund geliehen hatte. Vater wollte uns sowas nicht kaufen. Es sei Geldverschwendung, sagte er.

Irgendwann wurde Can auf das Gerät aufmerksam. Er kletterte auf mein Bett und versuchte es an sich zu reißen. Ich stieß ihn zurück.

„Was willst du?“, sagte ich.

„Ich will auch hören.“

„Na gut, hier“, antwortete ich und reichte ihm einen Kopfhörer. Wir lagen zusammen in meinem Bett, starrten die Decke an und hörten Musik, während das Essen aus den dampfenden Töpfen und Pfannen in unser Zimmer kroch. Das war nicht immer schön, vor allem, wenn das Fett der Pfannen nachts auf unseren Kissen und Decken schlief. Unser Zimmer war direkt gegenüber der Küche, die ein kleines Fenster hatte. Daher stand die Küchentür meist offen, damit der Zug über das Wohnzimmer bis hin zum Badezimmer die Küche durchlüftete. Nach einigen Minuten ging die Musik aus. Die Batterien waren leer.

„Mach’s doch wieder an“, sagte Can.

„Die Batterien sind leer“, erklärte ich ihm und stand auf, um neue zu holen. Can kam mit.

„Sag aber nicht Mutter, wofür wir die Batterien brauchen, ok?“

Can nickte.

Wir wühlten in jeder Schublade im Wohnzimmer. Wir wurden nicht fündig. Dann wollten wir ins Schlafzimmer von Mutter und Vater, aber das war abgeschlossen. Als uns Mutter entdeckte, die inzwischen Teller und Geschirr ins Wohnzimmer trug, wo wir immer gemeinsam aßen, denn einen Esstisch hatten wir aus Platzgründen nicht, fragte sie, wonach wir suchten.

„Haben wir Batterien, Mama?“, fragte Can.

„Wofür?“, sagte Mutter.

„Wir wollen Musik hören mit Karls CD-Player“, antwortete Can.

Mutter, die eine Schürze über ihrer blauen Krankenpflegerkleidung trug, die auszuwechseln sie nach der Arbeit keine Zeit fand, legte ihre geballten Hände in die Hüfte. Eine Strähne fiel ihr über die Stirn: „Was für ein CD-Player?“

Ich sagte zu Can: „Bist du dumm!“

„Du bist selber dumm“, rief er aus Trotz.

„Du Bettnässer! Warum hältst du dich nicht an dein Wort!“

„Selber Bettnässer“, rief er wieder aus Trotz und mit ein wenig Verlegenheit, die von seinem Schuldbewusstsein abblätterte.

„Schluss jetzt!“, sagte Mutter, „Was sind das für Worte, Karl? Entschuldige dich bei deinem Bruder! Und was ist das für ein CD-Player? Woher hast du ihn?“

Ich schwieg und sagte in Cans Richtung: „Idiot! Ich werde dich nie mehr mit mir Musik hören lassen.“

Dann stürzte er sich auf mich und ich auf ihn, so wie das Kinder machen; ein Schlagen, das Schubsen und Packen ist. Das kam nicht selten vor zwischen Can und mir, mindestens einmal in der Woche. Während Mutter uns laut aufschreiend mit Händen auseinander zu halten versuchte, was wir komplett ignorierten, trat Vater in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich.

„Seid ihr bescheuert! Man hört euch bis nach draußen“, waren seine ersten Worte. Er legte seine Tasche neben die Schuhe, die im Flur neben der Eingangstür standen. Er ging mit einem zornigen Blick geradewegs auf uns zu. „Da kommt man von der Arbeit, wo man das Geschrei der Maschinen acht Stunden ertragen muss, und findet zuhause keine Ruhe, sondern auch Geschrei.“

Als er zwei Schritte von uns entfernt war, rief Mutter entsetzt: „Ihr Plagen!“ und stürzte in die Küche, wo Suppe aus einem Topf überkochte und wie eine Blutlache über den Herd schlich und auf der glühenden Herdplatte zischte. Rauch ballte sich in der Küche und ein verbrannter Geruch zog durch die Wohnung.

„Verdammt nochmal!“, brüllte Vater zu Mutter, „Schaffst es nicht mal die Kinder ruhig zu halten. Und jetzt diese Sauerei in der Küche!“ Dann zu uns: „Was ist hier los?“

Im Geschrei erfuhr er vom CD-Player und brüllte mich an, während er zugleich Beleidigungen in Mutters Richtung warf, die eine fremde Gewalt in ihm ebenso gewaltsam aus seinem Mund katapultierte. Er dachte dabei nicht nach. Fürs Denken war keine Zeit, eigentlich war zuhause nie Zeit fürs Denken. Wie ein Getriebener riss uns Vater auseinander und gab mir eine schallende Ohrfeige, die mir so weh tat, dass Tränen sich in meinen Augen sammelten. Ich weinte aber nicht, ich schluckte die Ohrfeige in meinen Bauch. Mutter schrie auf, dass Vater mich nicht schlagen solle. Sie stürzte sich zu uns. Alle brüllten im zynischen Orchester der Gewalt, die sich selbst zelebrierte. Dann schrien sich Vater und Mutter an. Can und ich schrien ebenso. Alle schrien. Vaters untere Augenlider zitterten vor Aufregung, während er seinen Oberkörper leicht nach vorne beugte wie eine in der Luft schwingende Brechstange. Immer wieder schossen seine Arme in die Luft. Er rührte Mutter nicht an. Aber auch Mutters Körper glich einer Brechstange. Plötzlich, wir standen im Wohnzimmer, ohne zu wissen, wer uns dorthin geschoben hatte, fiel Vater mit dem Gesäß in das Sofa. Eine Blässe hauchte über sein Gesicht, die ihm alle Lebendigkeit stahl. Er fiel in Ohnmacht; nein, er erlitt seinen ersten Herzinfarkt.

Wir waren still, Can und ich wegen der Schockstarre, die Vaters lebloser Körper uns versetzte. Mutter reagierte schnell, ohne zu zaudern. Sie kannte sich mit solchen Gesichtsausdrücken aus. Sie öffnete das Hemd von Vater, legte ihn auf das Sofa und gab Vater eine Herzdruckmassage mit einer Mund-zu-Mund Beatmung. Nach einigen Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, öffnete Vater die Augen, als hätte Mutter ihn wachgeküsst. Sie rettete ihm das Leben. Erst dann zeigte sich die Angst auf Mutters Gesicht. Sie umarmte ihn ganz fest. Wir, Can und ich, schlossen uns an und umarmten die Arme von Vater, der verwirrt zu sein schien. Er wusste nicht, was um ihn geschehen war. Jahre später sollten noch zwei weitere Herzinfarkte folgen, allerdings nicht solche, die in einer Bedeutungslosigkeit wie einem CD-Player ihren Anfang nahmen. 

Belanglosigkeiten waren zuhause eine Zündschnur, welche zu einer unsichtbaren Gewalt führte, die wie ein Puppenspieler unsere Gesten, Bewegungen und unsere Sprache beherrschte. Dabei war die Ursache von Streit immer absurd, was zeigt, dass die wirkliche Ursache von einem anderen Ort, außerhalb von der Familie, ausging. Wo dieser Ort war, wusste keiner, weder Vater noch Mutter und erst recht nicht Can und ich. Vielleicht hätte das am Schreien, Brüllen und Streiten nichts geändert, wenn wir es gewusst hätten; vielleicht. Gesiegt hatte immer diese Gewalt, dieser ungebetene Gast.

-Mesut Bayraktar

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09/2020

Klassenkampf & Kitsch

Disarstar brachte am 6ten März dieses Jahres sein viertes Studio-Album Klassenkampf & Kitsch heraus. Mehr als ein Jahr nach seinem letzten Albumrelease konnte die deutsche Rapszene sich also mindestens dem Namen nach wieder auf politische und gefühlvolle Songs des Hamburgers freuen.

Mit den Videoauskopplungen zu den Songs “All die Jahre”, “Dystopia” und “Situationen” schien der musikalische Schwerpunkt bereits gesetzt. Einfach strukturierte, langsame Instrumentals, softe Texte und Aufmachung, gepaart mit gesungenen, poppigen Hooks ließen eine starke Verschiebung Richtung Kitsch erwarten. Gerade in Anbetracht des vorherigen Albums Bohemien eine Entwicklung, die nicht weiter verwundert hätte. Dass man mit dieser Vermutung nur zum Teil richtig lag, wurde dann am Releasetag deutlich.

Neben kitschigem Pop-Rap lieferte Disarstar nämlich noch eine  Portion Klassenkampf dazu. Zwar lassen sich nur vier der elf Song als ansatzweise politisch bezeichnen, jedoch sorgen diese Tracks durch ihre präsente Aufmachung dafür, dass der Klassenkampfanteil des Albums nicht unter den Tisch gekehrt werden kann.

Das Album stellt ein musikalisches Potpourri dar. Innerhalb der Tracks als auch die Tracks gegenüberstellend, finden sich verschiedene musikalische Stilrichtungen wieder, die einander teils ergänzen und neue Assoziationen schaffen, teils aber auch scharfe Kontraste ziehen, so dass die Frage nach dem Sinn ihrer Verwendungen auf die musikalische Tagesordnung geworfen wird. Der Titel des Albums kann uns einen Aufschluss über den Sinn geben. Gerade das Pop-lastige “Nie Sie” oder die, die Rhythmik und damit die Struktur verschleiernden, sphärischen Klänge im Intro versinnbildlichen den Kitsch-Charakter, ein sich Verlieren in eine verträumte Parallelwelt. Aufgebrochen wird diese scheinbar strukturlose Haltung durch fest-verzerrte Gitarrenklänge und Metal-Electro-Knalle, die im gleichnamigen Track so offensichtlich auftreten, dass der Kontrast zwischen Kitsch und Klassenkampf musikalisch bewusst gezogen scheint. Doch ist das Album nicht nur von offensichtlichen Widersprüchen durchzogen. Der Track Männer & Frauen zeigt eine durch den trockenen aber doch souligen Beat hervorgerufene emotionale Distanzhaltung zum textlich beschriebenen Desaster, unserer auf der Geschlechter-Unterdrückung basierenden Gesellschaft. Der Zuhörende erhält diese Missstände als Normalität präsentiert, und sieht vielleicht noch offensichtliche die Notwendigkeit ihrer Abschaffung. Wer nach einem musikalisch geschlossen Album sucht, wird bei Klassenkampf & Kitsch mit Sicherheit nicht fündig. Wer das Experiment schätzt und das über-die-jetzigen-Zustände-hinaus wagt, wird in ihm eine musikalisch anspruchsvolle Sprache finden.

Was das Album an musikalischer Klasse und Diversität dazugewonnen hat, hat es für rapbegeisterte Zuhörende an Hörgenuss verloren. Die zum größten Teil rapfernen Hooks werden oft durch melodische Indiebeats ergänzt. Elektronische Elemente auf der Stimme und in der Musik durchbrechen das disarstartypische Klangbild klar, von dem er sich bereits auf Bohemien verabschiedete. „Eloquent wie Fidel, aber straßenaffiner“ hieß es noch vor 5 Jahren auf dem Track “Bis zum Hals”. Nun scheint sich Disarstar von beiden Eigenschaften mehr und mehr abzuwenden. Statt Straßenrap mit einer emotionsgeladenen Stimme und einer „Rhetorik wie ne Panzerfaust“ watet das neue Album mit weniger Text, seichteren Flows, einem generischeren Klangbild und bedeutend weniger Rap auf. Die Laufzeit von 33min sagt mehr als genug über diesen Fakt aus, besonders wenn man sich vergegenwärtigt, dass z.B. Minus x Minus = Plus noch 1h und 10min und damit mehr als doppelt so lang überdauerte. Der Song „Situationen“ und das dazugehörige Video dürften die Transformation wohl am passendsten zusammenfassen. Dieser „neue“, süß-grinsende und nahbare Disarstar findet Anklang und kann gerade auf Streaming-Plattformen beachtlichen Erfolg generieren. Für langjährige Zuhörende wirkt vieles an diesem Alter ego eher befremdlich und lässt sich nur schwer mit dem Rapper in Einklang bringen, den man einst als schwererziehbaren, schicksalsgeplagten, antifaschistischen Lokalpatrioten kennenlernte. So schmerzlich der Wandel für mancherlei treuen Fan auch sein mag, so sehr hat es sich Disarstar auch verdient, sich selbst auszuprobieren und neue Richtungen zu erforschen. Zehn Releases des „alten Disarstars“ in sieben Jahren machen es mehr als nachvollziehbar sein Repertoire auch in Richtung anderer Musikelemente auszuweiten. Nur die verstärkte Massentauglichkeit der Musik lässt dabei einen seltsamen Beigeschmack zurück.

-Taylan & Kevin