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11/2020 Lautschrift

WILHELMSBURG KÄMPFT FÜR PFLEGESCHULE UND KRANKENHAUS

Groß Sand ist das einzige Krankenhaus auf der Elbinsel – einem Teil Hamburgs, der immer weiter wächst. Vor einigen Monaten wurde jedoch die Schließung der zum Krankenhaus gehörenden Pflegeschule beschlossen – entgegen dem Willen der Auszubildenden und Pflegekräfte. Auch die Schließung weiterer Fachbereiche scheint in Planung zu sein. Wir haben mit Dana und Caspar gesprochen, die in Groß Sand ihre Ausbildung gemacht haben und jetzt in dem Krankenhaus arbeiten – darüber, warum Groß Sand so wichtig ist, was hinter der Schließung steckt und worauf zu hoffen ist.

Wir haben uns ja auf der Demo zum Erhalt der Pflegeschule Groß Sand kennengelernt. Vielleicht könnt ihr kurz erzählen, welche Kämpfe dieser Demo vorausgegangen sind? Wann habt ihr von der geplanten Schließung erfahren und was waren eure ersten Schritte?

Dana: Wir haben Mitte Juli eine E-Mail vom Geschäftsführer bekommen, dass die Pflegeschule geschlossen werden soll. Da ist dann nicht sofort etwas passiert, wir haben viel miteinander gesprochen und uns gefragt was ist da los, was machen wir jetzt?

Und dann haben wir erstmal mit der Presse gesprochen und ein bisschen Aufmerksamkeit generiert, weil uns vor allem die Art der Kommunikation aufgeregt hat, also dass wir diese vollendete Tat einfach so als E-Mail bekommen haben und gar nicht mit uns gesprochen wurde. Und dann kam schnell durch, dass es nicht sein kann, dass wir wütend sind und traurig sind und sauer sind, sondern wir mussten irgendwas tun. Und dann hieß es zum ersten Mal: wir machen eine Demo. Da lief dann viel im Hintergrund und wir haben mit der Presse viel gesprochen, aber auch viel mit Mitarbeitern und Mitte August war dann die erste Demo vor dem Krankenhaus. Da haben wir versucht viele Leute zu mobilisieren, haben uns Lehrer und Leute aus dem Krankenhaus gesucht und alle mal sprechen lassen. Zwischendurch kamen von der Geschäftführung immer mal wieder Stellungnahmen, die für uns aber total leer waren, da stand total viel drin aber für uns hatte das überhaupt keinen Inhalt. Wir hatten auch ein Gespräch mit dem Geschäftsführer, wo wir auch gefragt haben, warum die Schule geschlossen wird und dass wir das nicht gut finden, aber wir sind mit allen Versuchen immer gegen Wände gelaufen. Es wurde immer gesagt: „Ne, die Schule wird geschlossen und da passiert jetzt nichts mehr.“.

Und während die ganze Demoaktion schon lief kam auch immer wieder ins Gespräch, dass das ganze Krankenhaus schließen soll und dann haben wir uns mit dem Verein Zukunft Elbinsel zusammengetan, wurden mehr Leute und haben parallel gegen die Schulschließung, aber auch gegen die Schließung des ganzen Krankenhauses gearbeitet. Zum Beispiel haben wir Unterschriften gesammelt und eine zweite Demo geplant, für die wir auch groß mobilisiert haben und da waren dann ja auch 500 Leute bei dem Umzug dabei, das war echt ziemlich gut. Letztendlich sind wir jetzt auf der Tagesordnung vom Senat und da steht auch ganz klar die Schule mit drin. Ich glaube der Politik ist jetzt klar, dass da Druck dahintersteht und wir hoffen, dass da jetzt was passiert.

Warum ist die Pflegeschule Groß Sand so wichtig? Was bedeutet die Schließung für das Krankenhaus Groß Sand?

Caspar: Die Pflegeschule Groß Sand ist wichtig, weil der Großteil der Pflegekräfte im Krankenhaus auch in der Schule gelernt hat und jetzt teilweise schon 30 Jahre oder länger hier arbeitet. Das verbindet einfach alle Menschen, die dort arbeiten, alle kennen die gleichen Lehrer, die gleichen Wege, die sie gegangen sind, alle haben einen Bezug. Und es sind auch alle zufrieden mit der Ausbildung, wurden dort fair behandelt und haben erfahren wie es ist, Chancen zu bekommen – egal wer man ist, woher man kommt, auch private Probleme werden berücksichtigt, jeder kriegt seinen Platz und auch Zeit. Man wird nicht durchgeschleust durch ein riesiges Konstrukt an Schule und wer es nicht schafft bleibt links liegen, jeder bekommt die Möglichkeit, diesen Weg zu gehen und sich weiterzuentwickeln.

Für das Krankenhaus bedeutet die Schließung der Schule, seinen Ort der Bildung zu verlieren. Die Fachbereiche werden vernachlässigt werden – wir haben einen großen Teil an geriatrischen Patienten, neurologischen Patienten mit Schlaganfällen, und wir wurden alle dafür ausgebildet, unserer Lehrer konnten uns darauf vorbereiten mit diesen Menschen zu arbeiten. Und in einer allgemeinen, großen Schule wird diese Spezialisierung nicht stattfinden, was der Pflege und am Ende auch den Patienten schadet.

Wenn die Schule schließt, dann heißt das auch, dass ein weiterer Ort der Bildung in Wilhelmsburg schließt, ein Ort im Hamburger Süden wo Menschen eine Ausbildung machen können, die müssen dann wieder über die Elbe fahren um Bildung zu genießen, Leute aus Wilhelmsburg oder Harburg werden dann keinen kurzen Weg zur Ausbildung mehr haben können. Die Schule ist auch wichtig für den Stadtteil.

Was meint ihr sind die Gründe für die Schließung? Wer ist für die Schließung verantwortlich?

Caspar Die Gründe sind schwer einzusehen, weil sie aus rationaler Sicht, aus unserer Sicht und auch aus der Sicht vieler Kolleginnen und Kollegen, mit wem man auch spricht, einfach nicht einzusehen sind – weil sie auch von der Leitung nicht transportiert wurden. Was man sich aber vorstellen kann: das Haus ist in einer großen Schuldenlage, die möchten produktiver werden, mehr Geld mit dem Standort verdienen und schließen deswegen Fachbereiche, sowie die Schule, die sie mit anderen Krankenhäusern zusammenlegen möchten. Einen qualitativen Vorteil sehen wir nicht darin, weil die Schule funktioniert hat, die Abschlussquote ist besser als woanders, Leute, die hier lernen, bleiben länger im Beruf als an anderen Schulen, sie werden einfach besser vorbereitet, und das kann man auch an den Zahlen sehen. Die Schließung des Bereichs lässt darauf schließen, dass das Krankenhaus in einer Schieflage ist, es ist ja auch in einigen Bereichen stark ausgebaut, aber es fehlt auch hier teilweise an fachspezifischem Personal und Platz.

Dana: Wir haben ja wie gesagt eine E-Mail bekommen, in der standen drei Gründe für die Schließung. Einmal, dass die Finanzierung nicht ausreichend ist, dann, dass die Generalisierung, also die Zusammenlegung von Kinder-, Alten-, Gesundheits- und Krankenpflege, nicht funktionieren würde und drittens, dass die Digitalisierung nicht ausreichend sei. Danach gab es einen offenen Brief von der Schulleitung, in dem alle diese Gründe widerlegt wurden, also dass die Generalisierung weit fortgeschritten ist, dass die Finanzierung über Ausbildungsfonds läuft und das Krankenhaus da keine Belastung hat und dass die Digitalisierung auch fortgeschritten ist. Alle Schüler haben Tablets und es musste zum Beispiel auch kein Unterricht ausfallen wegen Corona. Das wurde alles halbherzig abgetan und wir haben das Gefühl, dass die Gründe alle vorgeschoben sind. Es ist einfacher, die Schüler nach Hammerbrook zu verlagern, es wird auch immer wieder betont, dass die Schule in Hammerbrook gut sei – und wir haben ja auch nie etwas anderes gesagt, aber das ist ja kein Grund, unsere Schule zu schließen. Es wirkt alles sehr vorgeschoben – „jetzt haben wir das beschlossen, es ist einfacher für uns und ciao!“.

Die Pflegeschule ist mittlerweile geschlossen. Was ist eure Perspektive? Seht ihr noch Möglichkeiten weiterzukämpfen?

Dana: Wir sind jetzt erstmal ein bisschen am Abwarten und gucken was so im Senat beschlossen wird und was in den Verhandlungen passiert. Etwas großes ist erstmal nicht in Planung, aber wir geben auf jeden Fall nicht auf, wir geben uns nicht zufrieden, wir hoffen darauf, dass die Schule durch einen neuen Träger wieder geöffnet werden kann. Und auch darauf, dass diejenigen, die für die finanzielle Misslage und die Schließung verantwortlich sind, sich auch verantwortlich fühlen. Natürlich bleibt unser oberstes Ziel, dass die Schule wieder geöffnet wird, aber es gibt ja auch verschiedene Sachen, die noch mit reinspielen, also dass das Erzbistum und die Geschäftsführung sich verantwortlich fühlen, dass Transparenz geschaffen wird. Das geht ein bisschen los, aber noch lang nicht genug, und wir werden weiter Druck nach oben machen. Der Hoffnungsschimmer, dass das Haus verkauft wird und die Schule wiedereröffnet wird ist auf jeden Fall da. Es geht jetzt erstmal darum Druck zu machen und laut zu sein und zu sagen: „Wir sind noch da! Wir sehen was ihr macht und wenn ihr Scheiße baut, dann werden wir wieder laut und dann seht ihr, was ihr davon habt!“.

Caspar: Wir haben ja die Perspektive, dass das Krankenhaus verkauft wird, aber wir wollen nicht, dass es an einen privaten Träger geht wie Asklepios oder irgendeinen anderen Konzern, der Gesundheit als einen Ort sieht, um Geld zu generieren. Wir wollen am liebsten, dass dieses Haus wieder kommunal getragen wird, von der Stadt Hamburg oder anderen Institutionen, die nicht den finanziellen Aspekt als Fokus haben. Wir wollen, dass in Groß Sand Gesundheit der Fokus ist!