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01/2021

Musikalische Gegengewalt

Vielen ist Rage against the Machine (RATM) ein Begriff. Wer einmal in die Musiklandschaft der 1990er Jahre getaucht ist, ist früher oder später auf diese Crossover-Band aus Kalifornien gestoßen. Ihr gleichnamiges erstes Studioalbum aus dem Jahr 1992 ist ein musikalischer Meilenstein. Ob die mit Wut bis zum Anschlag rappende Stimme des Frontmanns Zach de la Rocha oder der mit allen möglichen Effekten gezeichnete Klang von Tom Morellos Gitarre: Dieses Crossover-Album als Zusammenfassung von genialen und detailreichen Tracks war ein Sprung in eine neue Musik. Crossover meint dabei eine Mischung aus Musikgenres, die man kaum für kompatibel halten würde oder deren Mixtur man zuvor noch nicht erprobt hat. RATM treibt es da bis auf die Spitze der Musikchemie. Funk, Blues Rock, Metal und Rap mit einer gehörigen Portion dissonanter Klänge und Sozialkritik.

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01/2021 Lautschrift

Obdachlosigkeit – nicht unser Problem

Jedes Jahr, wenn die Tage wieder kürzer und die Nächte länger werden, wenn es draußen ungemütlich wird und alle so wenig Zeit wie möglich in der Kälte verbringen wollen, gibt es viele Menschen, denen das verwehrt bleibt, was für die meisten von uns selbstverständlich ist: ein Ort zum Aufwärmen, ein Dach über dem Kopf.

Menschen verlieren aus einer Vielzahl an Gründen ihren Wohnsitz und werden infolgedessen mit einer ebenso großen Varietät an Problemen konfrontiert. Statistiken gibt es – dank der Regierung – keine. Und doch wird kaum über Wohnungslosigkeit geredet, tatsächlich scheint es so, als würde das Thema nur (mediale) Aufmerksamkeit erlangen, wenn sich im Winter die Kältetode wieder häufen.

Wohnungs- oder obdachlos kann theoretisch jede:r werden. Trotzdem, die Wahrscheinlichkeit, wohnungslos zu werden, steigt, je mehr Risikofaktoren zusammentreffen. Als solche sind vor allem Krisen- und Umbruchsituationen zu sehen: Der Verlust des Arbeitsplatzes, die Trennung von dem:der Partner:in, Migration, ein konflikthaftes und abruptes Verlassen des Elternhauses oder einer Einrichtung der Jugendhilfe, Verschuldung, Haftentlassung sowie psychische Erkrankungen. Prof. Dr. Harald Ansen, Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaften, bezeichnet weiterhin Menschen als besonders gefährdet, die schon immer eher am Rande der Gesellschaft standen, beispielsweise Seefahrer:innen aufgrund ihrer hohen beruflichen Mobilität.

Wohnungslosigkeit als gravierendes gesellschaftliches Problem auf der anderen Seite ist das Ergebnis einer mangelhaften Wohnungspolitik, die durch eine nicht annähernd ausreichende Anzahl von Sozialwohnungen und bezahlbaren Wohnungen definiert wird, sowie unzulänglichen sozialen Diensten, die dazu führen, dass Menschen in (den weiter oben genannten) Krisensituationen nicht ausreichend beraten und unterstützt werden.

Dazu kommt der Faktor, dass Wohnungslosigkeit länger andauert, wenn Menschen getroffen werden, die in Armut ohne (ressourcen-)starkes soziales Umfeld leben und wenn soziale Hilfen und bezahlbare Wohnungen fehlen und/oder nicht zugänglich sind.

Die fehlenden Statistiken

Dafür, dass Wohnungslosigkeit grundsätzlich jede:n von uns treffen könnte, wird sie erstaunlich wenig thematisiert. Das sieht man schon daran, dass es auch im Jahr 2020 noch immer keine offiziellen Statistiken über Wohnungslosigkeit in Deutschland gibt. Alle Zahlen, die zu wohnungs- und obdachlosen Menschen vorliegen, sind Schätzungen, die aus der Erfahrung von Hilfseinrichtungen und anderen statistischen Quellen erhoben werden. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) ging 2018 von insgesamt 678.000 wohnungslosen Menschen in Deutschland aus; etwa zwei Drittel dieser Menschen sind anerkannte, aber wohnungslose Flüchtlinge. Zusätzlich dazu schätze die BAGW im Jahr 2016 die Zahl der obdachlosen Menschen auf 52.000 und der wohnungslosen Kinder und Jugendlichen auf 32.000.

Egal, ob man jetzt bedenkt, dass diese Zahlen nur ungenaue Schätzungen mit Dunkelziffer sind oder nicht jede:n einbeziehen (z.B. Asylsuchende, über deren Antrag noch nicht entschieden wurde), es ist klar, dass diese Zahlen unglaublich hoch sind – und sie hören auch nicht auf zu steigen: Die BAGW verzeichnete vom Jahr 2017 ins Jahr 2018 einen Anstieg von 4,2% aller Wohnungslosen.

Der Bund lehnte Anfragen zur Erfassung solcher Statistiken bisher ab. Erst letztes Jahr, 2019, wurden erste Schritte in diese Richtung unternommen, als das Bundesministerium für Arbeit und Soziales einen Gesetzesentwurf zur „Einführung einer Wohnungslosenberichterstattung“ vorlegte. Der Bundestag stimmte im Januar diesen Jahres für den Entwurf, der zukünftig jährlich an einem ausgewählten Stichtag für eine offizielle Erhebung wohnungsloser Menschen in Deutschland sorgen würde. Auch diese Statistik wird natürlich unvollständig sein, da die Zahl spezifisch obdachloser Menschen schwer zu erheben ist, wenn diese nicht auf Notunterkünfte oder andere Hilfseinrichtungen zurückgreifen. Trotzdem, eine offizielle Statistik wäre zum einen mit weitaus weniger Unsicherheit behaftet als die Schätzungen, die beispielsweise von der BAGW erhoben werden, und außerdem ist sie schon längst überfällig.

Auch auf gesellschaftlicher Ebene ist nicht genug Bewusstsein für Wohnungs- und Obdachlosigkeit vorhanden. Meistens wird, wenn überhaupt, nur über Obdachlosigkeit gesprochen, wenn es wortwörtlich um Leben und Tod geht, oder oft sogar erst, wenn es schon zu spät ist: Im Winter, wenn obdachlose Menschen erfrieren oder wenn sie angegriffen werden – wie zum Beispiel 2017 in Hamburg, als ein Mann die Schlafsäcke von Slawomir W. und Krzysztof S. anzündete, während sie schliefen.

Ein Teufelskreis – oder?

Wohnungslose Menschen werden mit einer Vielzahl an Problemen konfrontiert, von denen manche mehr und andere weniger offensichtlich als Kälte und Gewalt sind. Es mangelt an ausreichender und gesunder Nahrung, an Erholung, Austausch und Intimität. Der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung und die hygienischen Bedingungen sind schwierig – und das betrifft nicht nur die Möglichkeit, sich selbst und seine Kleidung zu waschen: Menstruierenden Personen fehlt der Zugang zu Hygieneprodukten wie Binden und Tampons. Personen, die auf der Straße leben, erfahren außerdem oft soziale Kälte und Abneigung. Auch haben sie keine Möglichkeit, Habseligkeiten oder wertvolle Gegenstände zu schützen. Ein Leben ohne Perspektive auf Verbesserung macht anfälliger für Sucht, weshalb Drogen- und Alkoholmissbrauch in vielen Fällen ein Problem darstellt.

Und wie sollen wohnungslose Personen eine Perspektive haben, wenn meistens gilt: Ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung? Es ist in Deutschland zwar seit Mitte 2016 nicht mehr notwendig, einen Wohnsitz zu haben, um ein Bankkonto zu eröffnen, ein sogenanntes Jedermann-Konto, doch einen Job zu finden, hat ohne Wohnsitz noch immer viele Hindernisse. Schon die Bewerbung stellt eine Hürde dar: Man braucht ein Anschreiben, einen Lebenslauf, Zeugnisse, etc. Wie soll man als obdachlose Person an einen Computer kommen, um diese Dokumente zu erstellen? Abgesehen von der Tatsache, dass es ohne festen Wohnsitz keine Möglichkeit gibt, wichtige Dokumente – wie beispielsweise Zeugnisse – zu schützen. Doch selbst wenn man davon ausginge, dass die Bewerbung kein Problem darstelle, würde spätestens das Bewerbungsgespräch neue, schwer bis unmöglich erfüllbare Anforderungen stellen, wie mit einem gepflegten Erscheinungsbild und oft professioneller Kleidung zu erscheinen.  Wir stellen also fest: Erst eine Arbeitsstelle zu finden, um so wieder eine eigene Wohnung zu bekommen, scheint keine besonders realistische Herangehensweise zu sein.

Das Konzept „Housing First“ geht das Problem von der anderen Seite an. Es folgt der Annahme, dass eine eigene Wohnung das elementarste Bedürfnis wohnungsloser Personen ist und alle anderen Probleme, unter denen die jeweilige Person leidet, gelöst werden können und müssen, sobald sie oder er einen festen Wohnsitz hat. Auch in deutschen Städten wie Hamburg und Berlin gibt es erste Modell-Projekte dieses Konzeptes, welches Personen, wenn sie ihre Wohnung verlieren, sofort eine neue Wohnung verschafft – ohne Vorbedingungen. Das ist zwar begrüßenswert, doch zum einen sind solche Lösungsansätze nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn sie nicht auf bundesweiter Ebene durchgesetzt werden, und zum anderen bringt es nicht viel, die Symptomatik behandeln zu wollen, wenn die Ursache des Problems fortbesteht: Deutschland mangelt es an bezahlbarem Wohnraum und Sozialwohnungen. Der Bund muss mehr Verantwortung für eine soziale Wohnungspolitik übernehmen, allerdings ist aktuell eher das Gegenteil der Fall, denn die Bundesmittel für sozialen Wohnungsbau in 2020 und 2021 wurden mit jeweils einer Milliarde Euro weniger angesetzt als in den Vorjahren.

Laut der BAGW werden jedes Jahr mindestens 100.000 neue Sozialwohnungen sowie weitere 100.000 bezahlbare Wohnungen benötigt. Im Koalitionsvertrag hatte sich die Bundesregierung das Ziel von 375.000 neuen Wohnungen pro Jahr gesetzt, neu gebaut wurden 2017 aber nur 285.000 Wohnungen, von denen lediglich 27.000 Sozialwohnungen waren, also etwas mehr als ein Viertel der benötigten Anzahl. Solange es einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum und Sozialwohnungen gibt und solange die Mieten weiter steigen, werden mit jedem Jahr mehr Menschen wohnungslos werden, egal welche Projekte gestartet werden, um die Menschen wieder von der Straße zu holen. Es darf gar nicht erst so weit kommen.

Wer die Verantwortung trägt

Wohnungslosigkeit ist, gerade in Großstädten wie Hamburg, ein so alltägliches Problem, dass sie ein scheinbar unausweichlicher Teil der Großstadtrealität zu sein scheint. Aber wir dürfen ihr nicht mit Resignation begegnen, sie darf niemals akzeptiert werden. Es ist als Zivilgesellschaft nicht unsere Verantwortung, Wohnungslosigkeit zu beenden, aber es ist unsere Aufgabe, die Regierung dieses Problem nicht ignorieren zu lassen, solidarisch mit wohnungslosen Menschen überall zu stehen und zu verhindern, dass sie stigmatisiert und ausgegrenzt werden.