Kategorien
05/2021 Lautschrift

TEXT ME WHEN YOU GET HOME XX

Der Schlüssel zwischen den Fingern, so tun, als würde man telefonieren, alle paar Sekunden umdrehen und schauen, ob wirklich niemand hinter einem läuft: Ganz normal, wenn man als Mädchen nachts alleine nach Hause geht.

Wir lernen schon früh, dass es gefährlich ist, durch verlassene Gegenden oder Parks zu laufen. Zuletzt wurde der Fall um die Britin Sarah Everard bekannt, die auf dem Heimweg mutmaßlich von einem Polizisten ermordet wurde.

Frauen, aber auch queere Personen sind immer wieder Gewalt und Gefahr ausgesetzt, vor allem von Männern. Aber woher kommt diese Gefahr?

Belästigung – Jeden.Tag.

Unabhängig vom Alter, äußerer Erscheinung und Kleidung, erleben wir täglich, dass uns auf dem Weg zum Bus hinterhergepfiffen wird, jemand uns etwas Anzügliches hinterherruft oder aufdringlich anstarrt. Manchmal laufen Männer uns gezielt hinterher oder in einer vollen U-Bahn fasst einem jemand einfach so an den Hintern. Das ist nicht nur abends der Fall, sondern auch tagsüber.

Erst kürzlich fand eine Studie aus Großbritannien heraus, dass 97 Prozent der britischen Frauen zwischen 18 und 24 Jahren in ihrem Leben schon einmal sexuell belästigt wurden. Wenn wir mit Freundinnen oder Bekannten sprechen, dann wird diese Zahl real, denn den meisten sind schon grenzüberschreitende Dinge passiert.

Oft, wenn wir versuchen uns Gehör zu verschaffen, um darüber zu sprechen, wie unangenehm diese Situationen sind, wird das abgetan. Wir sollten die Sprüche als Kompliment nehmen oder uns halt mehr anziehen. Solche Aussagen sind gefährlich und verharmlosend und stellen die betroffenen Mädchen und Frauen in die verantwortliche Position. Dabei ist es nicht unsere Schuld, wenn uns jemand belästigt! Und trotzdem droht den Tätern keine Gefahr, da die meisten Übergriffe keine Konsequenzen mit sich ziehen, und dem etwas zu entgegnen, oft keine Option ist. Denn der öffentliche Raum ist ein vor allem männlich dominierter.

Das zeigt sich zum Beispiel, weil wir besonders häufig Hinterherrufen und blöde Sprüche erleben, wenn wir an Männergruppen vorbeigehen. Dabei geht es meist gar nicht darum, eine Antwort zu bekommen oder gar die Mädchen kennenzulernen. Es sind Sachen, die Männer oft unter sich machen, es wird selten etwas dagegen sagt. Es scheint, als müsste die Macht vor anderen demonstriert werden, jeder möchte der Größte, der Stärkste sein und die Männlichkeit darf nicht in Frage gestellt werden. Dabei pushen sich Typen häufig gegenseitig und schützen sich auch. Solche Dynamiken entstehen auf Grundlage einer falschen Idee des „Mannes“ und diese Denkmuster und Ideen gilt es zu durchbrechen.

Wenn Frauen auf der Straße nicht sicher sind, dann sind sie es auch nirgendwo anders.

Wenn wir darüber sprechen, dass wir Angst haben, nachts alleine nach Hause zu gehen, dann müssen wir auch darüber sprechen, dass diese Angst innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse entsteht. Durch die täglichen Erfahrungen mit Belästigung scheint die Situation abends auf dem Heimweg noch bedrohlicher. Gerade, wenn kaum jemand unterwegs ist, oder man durch einen Park laufen muss, ist die Angst sehr groß und wie viele Beispiele und Erfahrungen zeigen auch begründet. Trotzdem deuten soziologische Studien darauf hin, dass Angst- und tatsächliche Gefahrenräume sich unterscheiden. Wir haben Angst, nachts alleine durch einen Tunnel zu laufen, statistisch gesehen ist jedoch das Zuhause einer Frau aufgrund häuslicher Gewalt viel gefährlicher. Wir sehen also, dass die Gefahr für Frauen nicht allein im öffentlichen Raum, sondern überall in unserer Gesellschaft eine Gefahr darstellt und somit ein tieferliegendes Problem ist, dass sich nicht auf die Dunkelheit auf dem Nachhauseweg beschränkt. Allerdings wird im öffentlichen Raum das vorherrschende Frauenbild offensichtlicher. Und wenn die Hälfte der Bevölkerung sich abends nicht sicher fühlt und es auch tagsüber nicht ist, dann müssen wir Lösungen dafür finden und uns fragen, wie dieses Verhältnis entsteht.

Die Frau als bloßes Objekt

Von früh an wachsen wir mit Vorstellungen darüber auf, wie Jungen und Mädchen sich verhalten sollen. Jungen sollten stark sein, nicht weinen, mutig, nicht schüchtern und Mädchen am besten das genaue Gegenteil davon: Einfühlsam, zurückhaltend, und nicht aufdringlich, hübsch und schlank am besten auch noch. Wir lernen, wie die Geschlechter zu sein haben. Diese Vorstellungen verändern sich im Erwachsenenalter kaum und wir passen uns ihnen an. Als Frau haben wir öfter das Gefühl, aufräumen zu müssen oder uns wird gesagt, wir sollen öfter lächeln und freundlich sein. Wir erlernen häufiger soziale Berufe und arbeiten öfter Teilzeit, damit wir genügend Zeit für die Erziehung der Kinder haben, während den „mutigen“ Männern mehr zu getraut wird, dazu arbeiten sie meist besser bezahlt und setzten ihren Willen öfter durch. Diese Vorstellungen los zu werden ist schwer, denn sie haben auch eine Funktion: Geschlechterrollen halten ein System aufrecht, in dem Frauen nach wie vor benachteiligt werden und viel zu häufig noch auf ihre Rolle als Mutterfigur und die Arbeit im Haushalt reduziert werden.

Das Problem mit diesen Zuschreibungen ist, dass wir ihnen intuitiv folgen und sie auch um uns herum andauernd präsent sind, zum Beispiel in der Werbung, in der bestimmte Schönheitsideale propagiert werden oder mit sexistischen Sprüchen auf ein Enthaarungsprodukt aufmerksam gemacht wird. Auch ist es nicht unüblich, dass sich im Film und Fernsehen zwei Männer um eine Frau streiten, und dabei sogar prügeln. Was als romantische Tat dargestellt wird, ist eigentlich eine Verharmlosung von Gewalt und noch dazu scheint es, als würde die Frau keine Stimme haben. Wenn Gewalt als Zeichen der Männlichkeit gezeigt wird, hat das verheerende Folgen.

Nach wie vor sollen Frauen auch im 21. Jahrhundert noch „erobert“ werden, diese Vorstellung wird romantisiert und als erstrebenswert dargestellt. Jedoch sind wir in dieser Darstellung bloße Objekte, die nicht auch eine Meinung oder Wünsche hätten und man sich einfach nach Belieben nehmen könnte. Uns bekannte Sprüche wie „Hol sie dir“ und die Mentalität darum sind schlichtweg entmenschlichend und objektifizierend und eben nicht schmeichelhaft oder romantisch.

Auf dass die Straßen auch unsere werden.

Wenn wir unsere Mütter, Großmütter und Tanten fragen, haben sie wahrscheinlich alle schon sexuelle Belästigung und Übergriffigkeit erlebt und sich auf der Straße unwohl gefühlt. Es ist also keine Frage der Generation oder Herkunft, sondern ein Problem, das im System verankert scheint. Auf der politischen Tagesordnung ist das Thema allerdings nicht, im Gegenteil, obwohl es seit Jahrzenten und wahrscheinlich noch länger existiert. Wichtige Ansatzpunkte sind genügend Anlaufstellen für betroffene Mädchen und Frauen, das Heimwegtelefon (siehe Kasten) ist da schon ein guter Anfang. Generell hilft es, zu telefonieren, einer Vertrauensperson zu sagen, wo man sich aufhält oder auch Pfefferspray dabei zu haben, um sich sicherer zu fühlen. Langfristig ist es jedoch wichtig, dass wir die Ideen, auf denen die Rollenverteilung der Geschlechter basieren, abschaffen. Frauen werden erst sicher in jedem Raum in unserer Gesellschaft sein, wenn die Machtverhältnisse sowie die grundlegenden Bilder von Männern und Frauen sich verändern.

Deshalb brauchen wir dringend politisches Handeln und strukturelle Veränderungen! Damit unsere Töchter, Nichten und Enkelinnen sich sicher auf den Straßen ihrer Stadt fühlen können!

Heimwegtelefon

Du fühlst dich auf dem Weg nach Hause nicht sicher und deine Freund:innen oder Familienmitglieder schlafen schon? Ruf beim Heimwegtelefon an und führe ein nettes Gespräch bis du sicher zu Hause angekommen bist!

Tel.: 030/12074182 (deutschlandweit)
Sonntag – Donnerstag: 18-00 Uhr, Freitag & Samstag 18-03 Uhr

Kategorien
03/2021

Stonewall 1969: Ein vergessener Aufstand?

Artikel von Joshua Sommer

Es ist kurz nach Mitternacht im Sommer. Sieben Polizisten stürmen, wie üblich, das „Stonewall Inn“ in New York. Jahrhunderte der internationalen Unterdrückung und Ermordung von überwiegend trans, schwulen und lesbischen Menschen (zusammengefasst auch: LGBTQI*-Community)* in der Gesellschaft liegen zurück. Doch dann der Wendepunkt: Die 200 Gäste verhalten sich nicht wie üblich. Sie wehren sich. Es fliegen Steine, weil eine Frau aus der Bar in das Polizeiauto gezerrt wird. Sie fängt an, sich zu wehren, und ermutigt die Menschen vor der Bar, sich aufzulehnen. Der Protest wird laut. Gegen die Schikane der Polizisten. Gegen die staatliche Ordnung. Gegen die Gesetze, die verbieten, dass Sexualität und wahre Geschlechtsidentität ausgelebt werden darf.** Diese unerträgliche Wut der unterdrückten Massen musste befreit werden. Aus einigen wurden viele. Worte wie „I’m proud and gay“ oder „Gay Liberation“ ertönten. Mit »gay« (übersetzt: „schwul“) war zu der Zeit jedoch gesamte queere Community gemeint.

DIE STRAßE GEHÖRT UNS

Befreiung muss her. Nach etlichen Steinen kommen die Molotowcocktails. Der Aufstand beginnt. Die Polizisten verschanzen sich im „Stonewall Inn“ vor lauter Angst. Die Menschen sammeln sich in der Christopher-Street. Linke Bewegungen zu der Zeit schließen sich an, so zum Beispiel Aktivist:innen der „Black Panther Party“ oder der „Young Lords“. Dieser Moment des Aufstandes war die Geburtsstunde für die Radikalisierung der „queeren“*** Bewegung. Nach tagelangen Protesten beruhigte sich zwar die Lage vor Ort, aber schon nächstes Jahr gelang es der Bewegung, bis zu 10.000 Menschen auf die Straße zu bringen. Der erste „Christopher-Street-Day“ fand 1970 in New York als Marsch statt. Eine Bewegung fing an zu blühen und damit begann der jahrzehntelange Kampf.

GAY-LIBERATION-FRONT

Aus dem Stonewall-Aufstand heraus entstand die „Gay-Liberation-Front“, was eine Anspielung auf den damaligen Vietnam-Krieg war. Die US-Truppen wurden nämlich „National-Liberation-Front“ genannt. Der Krieg dauerte von 1955 bis 1976 an. 1964 mischten sich die USA militärisch ein, denn sie wollten „den vermuteten Vormarsch des Kommunismus“ stoppen. Die „Gay-Liberation-Front“ solidarisierte sich mit linken Kämpfen zu der Zeit. Sie identifizierten sich als Unterdrückte und solidarisierten sich mit allen anderen Unterdrückten. Ob mit Arbeiter:innenbewegungen, der schwarzen Befreiungsbewegung, der „dritten Welt“ oder eben der Problematik des Vietnam-Kriegs: „Gay-Liberation-Front“ bedeutete Klassenkampf, was wiederum heißt, dass alle Unterdrückten untereinander sich als Klasse gegen die Unterdrücker des bestehenden Systems auflehnen und gegen dieses System der Unterdrückung kämpfen. Sie wollten Rache an der Quelle der Unterdrückung, und somit gegen die „abscheuliche kapitalistische Ordnung“ (Quelle: The Rat, Zeitung der „GLF“).

Leider spaltete die GLF sich nach wenigen Jahren auf und somit auch eine komplette Bewegung. Es wurden trans-Personen von schwulen/lesbischen Gruppen wie der „Gay-Activists-Alliance“ ausgeschlossen. Daraufhin gründeten Marsha P. Johnson und Sylvia Riviera, die heutigen Ikonen der Bewegung und des Stonewall-Aufstandes, die „Street Transvestite Action Revolutionaries“ (STAR). Der Konflikt fand seinen Höhepunkt auf einer Kundgebung, wo trans-Aktivst:innen die Bühne stürmten, weil sie auf der Demo ganz hinten laufen mussten. Antikommunistische Hetze, der neoliberale Aufstieg, sowie auch die Uneinigkeit innerhalb der linken Bewegung führten schon ab den 1970er-Jahren zur Verhinderung von großen Massenbewegungen.

INDIVIDUALISMUS ÜBER ALLES?

51 Jahre ist der Aufstand nun her. Nur ist nicht mehr viel übrig von dem einst „revolutionärem“ Charakter der Bewegung. Auf dem heutigen „Christopher-Street-Day“ werben politische Parteien für sich, Konzerne machen ihr Geld und es wird fleißig Alkohol getrunken. Beim Zelebrieren des sogenannten „Pride-Month“ sieht es nichts anders aus: Es wird erinnert an das, was geschaffen wurde, es wird gefeiert, so als gäbe es keinen Grund mehr, für wahre Freiheit zu kämpfen.

FREIHEIT FÜR ALLE UNTERDRÜCKTEN

Sicher lebt eine queere Person heute unter anderen Gesetzen in den Industriestaaten der Welt. Der queeren Bewegung von damals haben wir sicher vieles zu verdanken. Doch wo ist die heutige „Gay-Liberation-Front“ geblieben, die sich mit allen Unterdrückten der Welt, und deren eigener Unterdrückung, auseinandersetzt? Es nützt uns nichts, wenn mit „queer“ Geld gemacht wird. Wenn sich Konzerne zwar für Profit interessieren, aber nicht für die tagtägliche Diskriminierung. Die Wirtschaftsordnung, in der wir leben, kann nichts anderes tun, als Diskriminierungen zu manifestieren. Wenn wir als queere Personen diskriminiert werden, stehen wir nicht alleine da. Wir sind ein Teil im System, welches die weltweite, systematische Unterdrückung fortführen lassen will. Unterdrückung darf kein Ist-Zustand bleiben und deshalb müssen alle queeren Menschen wieder anfangen sich umzuschauen. Alleine oder als queere Community wird das nie gelingen.

* LGBTQI ist eine Abkürzung für Lesbian, Gay, Bi, Trans, Queer und Intersex. Auf Deutsch steht das also für lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer und intersexuell. 

** Bestrafung von Homosexuellen und trans-Personen per Gesetz: Der §175 ermöglichte eine strukturelle und systematische Verfolgung von Homosexuellen bis 1994. Das sogenannte Transsexuellengesetz diskriminiert bis heute Trans-Personen durch staatlich-fundiertes „Recht“.

*** QUEER: der Begriff »queer«, ursprünglich als Schimpfwort gebraucht, bezeichnet heute sowohl die gesamte LGBT*+-Bewegung als auch einzelne ihr angehörende Personen)

„Wir waren krank und müde von der tagtäglichen Unterdrückung (…) Die Zeit ist gekommen, und ich werde keine Minute davon verpassen, das ist die Revolution.“, Sylvia Riviera, trans-Frau und Stonewall-Ak