Kategorien
05/2021 Lautschrift

RASSISMUS AN SCHULEN

Alltagsrassismus und Racial Profiling machen vor unseren Klassenzimmern nicht halt. Ob man durch den gleichen Lehrer immer und immer wieder schwerer für Regelverstöße bestraft wird, sich gehässige oder abwertende Kommentare anhören muss oder einem nur auf Grundlage der Herkunft seiner Eltern weniger zugetraut wird. Wenn man nicht selbst Zielscheibe dessen ist, hat man es mindestens schon miterlebt. Rassismus an unseren Schulen ist Alltag und die Liste der Erfahrungsberichte endlos. Dies legte unter anderem eine Online Kampagne mit dem Hashtag #MeTwo 2018 offen, unter dem Anekdoten und Zitate rassistischer Diskriminierung im Bildungswesen geteilt wurden. Diese sind weder Ausnahmen noch auf die leichte Schulter zu nehmen. Dass Lehrkräfte die Fähigkeiten ihrer Schüler:innen nicht objektiv, sondern abhängig von deren Migrationsgeschichte einschätzen und gegenüber Schüler:innen mit Migrationshintergrund negativer eingestellt sind, ist unter anderem von Sabine Glock, vom Institut für Bildungsforschung an der Universität Wuppertal, durch Tests und Studien erfasst. Gleichzeitig steckt der Forschungsstrang laut Glock noch in den „Kinderschuhen“. Im Vergleich zu den USA z. B. ist der Umfang rassistischer Diskriminierung in Deutschland nur lückenhaft erfasst. Das Minimum einer unbestreitbaren Tendenz lässt sich, wie in jedem gesellschaftlichen Raum, jedoch klar und deutlich ausmachen. Lehrer und Lehrerinnen nehmen in Bezug auf soziale Ungleichheit und Diskriminierung einen besonderen Stellenwert ein, da durch sie Kinder und Jugendliche betreut werden. Sie haben im Bildungssystem Autorität, Vertrauens- und Vorbildfunktion. Besonders in den unteren Klassenstufen haben sie die Verantwortung, ihre Schüler:innen mit zu erziehen. Wenn sie nun diskriminierendes Verhalten an den Tag legen, stellt dies eine massive psychische Belastung für die Schüler:innen dar und hinterlässt schwere seelische Schäden. Eine Berliner Studie aus dem Jahr 2017 stellte fest, dass Lehrkräfte gegenüber türkeistämmigen Erstklässler:innen niedrigere Erwartungen haben als gegenüber ihren Mitschüler:innen, selbst bei gleichen Leistungen. Tim Müller, Mitwirkender an der Studie, sagt hierzu: „Wer hohe Erwartungen an ein Kind hat, investiert in dieses mehr Zeit, lässt ihm mehr Förderung zukommen“. Abseits davon kann Diskriminierung im Klassenzimmer laut einer Studie von Wissenschaftler:innen der Martin-Luther-Universität Halle Wittenburg (MLU) durch das Schwächen der Motivation und das Stärken von Versagensängsten langfristig zu einem Nachlass der Leistungsfähigkeit führen. Die hierdurch verursachte Frustration wird selten behandelt. Noch seltener beleuchtet wird die kategorisierende Konsequenz. Eine Studie der Universität Mannheim von 2018 hat ergeben, dass Lehrpersonal Diktate von Schüler:innen mit ausländisch klingendem Namen im Vergleich zu Schüler:innen mit deutschem Vornamen trotz gleicher Fehlerquote schlechter bewerten. Zusätzlich erhalten Schulkinder mit Migrationshintergrund, bei gleichen Leistungen, seltener eine Gymnasialempfehlung als Kinder ohne Migrationshintergrund. Dies hat maßgeblichen Einfluss auf den Bildungsweg und die spätere Perspektive auf dem Arbeitsmarkt. Unser Bildungssystem stellt die Weichen für unsere spätere Stellung auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft. Hierbei hält es auch soziale Unterschiede aufrecht und reproduziert Armut sowie rassistische Diskriminierung, die oft Hand in Hand gehen. Rassismus als Diskriminierungsform wirkt zum einen in die Schulen hinein, was eine direkte Benachteiligung und Terrorisierung der Schüler:innen zur Folge hat, zum anderen rechtfertigt das Schulsystem die rassistischen Strukturen unserer Gesellschaft. Somit ist die Instanz „Schule“ auch als ein Baustein in unserem rassistischen System anzuerkennen, was sich nicht von heute auf morgen verändern lässt. Trotzdem kann und muss der von Lehrer:innen ausgehenden Diskriminierung durch entsprechende Ausbildung und Schulungen entgegengewirkt werden. Schulungen des Lehrpersonals und unabhängige Beschwerdestellen sowie mehr Mitbestimmung von Schüler:innen in den Prozessen im Schulalltag können hier einen ersten Schritt darstellen.

WENN SCHÜLER:INNEN DEN KAMPF GEGEN RASSISMUS AUFNEHMEN:

Am 21. März, dem internationalen Tag gegen Rassismus, demonstrierten 2019 rund 200 Schüler:innen der Gesamtschule Suderwich gegen Diskriminierung und Rassimus. Den Anstoß hierzu gab die Behandlung der Themen „Rassimus“ und „Menschenrechte“ im Unterricht.

Kategorien
05/2021 Lautschrift

Chancengerechtigkeit in Schulen – Eine Utopie im bestehenden System

Nach wie vor wird behauptet, dass jeder Mensch hauptverantwortlich dafür sei, in diesem System etwas aus seinem Leben zu machen, dass jeder und jedem die gleichen Möglichkeiten offenstehen. Die Realität zeigt uns als Schüler:innen, Student:innen und Arbeiter:innen allerdings etwas anderes: Kinder mit Migrationshintergrund, Kinder aus armen Verhältnissen oder Arbeiter:innenkinder haben bis heute schlechtere Chancen im deutschen Bildungssystem.

Vom Kindergarten an

Die Ungleichheit im deutschen Bildungssystem beginnt schon bei der frühkindlichen Förderung in Kindertagesstätten: Nur 20 Prozent aller Kinder mit Migrationshintergrund kriegen einen Krippenplatz. Bei Familien, in denen der Hauptschulabschluss der höchste ist, sind es sogar nur 16,4 Prozent.

Auch in der Ganztagsbetreuung für Grundschüler sieht es nicht anders aus: 2019 fanden nur 40 Prozent der Grundschüler einen Platz.

Eine gesellschaftlich aufgestellte, ausgebaute Kinderbetreuung würde nicht nur allen Kindern einen guten Start ins Bildungsleben bieten, sondern auch die Eltern entlasten und ihnen damit mehr Zeit und Energie für die Unterstützung des Kindes lassen. Es sind meistens genau die Eltern, die ihr Kind bei den Hausaufgaben wegen einer anderen Muttersprache als Deutsch oder wegen zu langen Arbeitszeiten nicht unterstützen können, die auch die finanziellen Mittel dazu nicht haben.

Spaltung: Wirtschaftlich, Räumlich, Direkt

Die finanziellen Mittel der Eltern haben natürlich Einfluss darauf, wie das Kind die Bildung wahrnehmen kann: Gerade jetzt ist ein eigenes Zimmer zum ruhigen Lernen und die technische Ausstattung für den Online-Unterricht wichtig. Kinder aus armen Verhältnissen haben häufig keinen Zugriff auf Nachhilfe oder andere Ressourcen.

Ein weiterer Faktor ist der Wohnort: Vor allem in Großstädten wird Wohnraum immer teurer, durch Gentrifizierung werden Menschen mit geringem Einkommen aus den teurer werdenden Stadtteilen vertrieben. Dadurch trennt sich Arm von Reich auch räumlich, was sich in der Bildung bemerkbar macht. Durch die Separation der Schüler nach der sozialen Schicht bilden sich auf der einen Seite elitäre Schulen und auf der anderen Seite sogenannte „Brennpunktschulen“, aber das Einander-Helfen und Voneinander-Lernen fällt weg. Die soziale Herkunft der Schüler:innen bestimmt ihren weiteren Bildungsweg. So verlassen in einem wohlhabenderen Stadtteil Hamburgs, Othmarschen, 90% der Schüler:innen die Schule mit der allgemeinen Hochschulreife, während in den ärmeren Stadtteilen südlich der Elbe oder im Osten durchschnittlich unter 50% das Abitur erreichen.

Dieses Bild des ungebildeten Kindes aus einer Arbeiterfamilie, was ja auch statistisch mit der Realität übereinstimmt, wird von Lehrkräften, auch wenn ungewollt, reproduziert und dadurch die Trennung gefestigt. Eine Studie (IGLU-Untersuchung) ergab, dass bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und Lesekompetenzen Kinder aus der obersten Schicht eine fast vier Mal höhere Chance auf eine Empfehlung für das Gymnasium hatten als Kinder von Arbeiter:innen.

Bildungsforscher Klaus Klemm fasst zusammen:

„Deutschlands Kindertagesstätten und Schulen bauen die Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer nicht ab, sondern verfestigen sie.“

Ganz direkt findet die Trennung der Schüler:innen seinen Ausdruck dann in der Dreigliederung der weiterführenden Schule in Gymnasium, Real- und Hauptschule. In Deutschland passiert das schon mit zehn Jahren, viel zu früh werden Kinder auf ihre bisherige Leistung festgenagelt, viel zu früh werden sie dem Leistungsdruck ausgesetzt, eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen. Viel zu früh wird schon entschieden, ob sie später eine Chance auf das Abitur haben, ob sie einen Ausbildungsberuf anfangen werden oder an die Uni gehen werden.

Einerseits dient das Bildungssystem der profitorientierten Wirtschaft, weil es strukturell und systematisch Menschen in ihrer Armut festhält, aus deren billiger Arbeitskraft dann Profit geschlagen werden kann. (Mehr hierzu auf Seite 6, im Artikel “Bildung im Kapitalismus) Andererseits entscheiden soziale Hintergründe, wo man im Bildungssystem landet. Das Bildungssystem reproduziert also das Macht- und Reichtumsgefälle dieser Gesellschaft. Chancengleichheit kann nicht isoliert in den Schulen erreicht werden, sondern fängt schon in den finanziellen Möglichkeiten der Eltern, mit der sozialen Herkunft des Kindes, an. Das Bildungssystem kann nicht unabhängig von der vorherrschenden Wirtschaftsweise betrachtet werden, die Bildungsgerechtigkeit nicht unabhängig vom Kapitalismus.

Kategorien
05/2021 Lautschrift

Bildungsstreik

Im zweiten Pandemiejahr ist der Begriff „Bildungsstreik“ wieder in aller Munde. Forderungen nach einem Durchschnittsabitur werden laut. Die sozialen und finanziellen Ungleichheiten drücken sich vor dem Bildschirm noch hemmungsloser aus. Das Schüler:innen-Bündnis Gerechte Bildung geht jedoch noch weiter. Neben der Rückkehr zum G9-Schule und massiven Investitionen ins Bildungssystem wird auch die Übernahmegarantie für Auszubildende gefordert. Dass Schüler:innen für bessere Lernbedingungen und ein gerechtes Bildungssystem auf die Straßen gehen, ist jedoch nicht neu: Aus den Schulen und Hochschulen heraus organisierten mehrere hunderttausend junge Menschen 2009 einen Bildungsstreik. Wie besonders diese Form des Streiks ist, werden wir weiter unten sehen.

Ein gelegentlich aus meist konservativen Kreisen erbrachter Vorwurf gegen Bildungsstreiks nimmt an, die Schüler:innen würden die Protestform für das Schulschwänzen, die Studierendenschaft wiederum für das Faulenzen ausnutzen. In anderen Worten: Die Streikenden verschleierten hinter den Protesten für ein gerechteres und menschenwürdigeres Bildungssystem ihr egoistisches Interesse, nicht Teil einer wirtschaftlich „produktiven“ Gesellschaft zu sein. Die Geschichte beweist das Gegenteil. Die Streikwelle im Jahr 2009 war auf eine Woche angesetzt, da sich unter den Bedingungen des G8-Schulsystems und dem zunehmenden Konkurrenzkampf die Schüler:innen unter dem Druck wiederfanden, ihre Zukunft durch die zu lang andauernde Streikaktion aufs Spiel zu setzen. Nicht nur aufgrund der Fehlstellungen des Bildungssystems, sondern auch trotz dieser ist die Jugend auf die Straßen gegangen – sehr wohl mit dem Wissen im Hinterkopf, die schulische Laufbahn zu sehr zu gefährden. Das alte Märchen vom faulen Streikenden wird durch die Realität eines Besseren belehrt.

Einige linke Kreise, die immer noch in einer idealisierten 68er-Nostalgie festhängen, kritisieren zudem Schul- und Hochschulstreiks aufgrund ihrer vermeintlich geringen Politisierung. Die Streikenden würden sich auf rein technische und ökonomische Fehlstellungen fokussieren und dadurch das Bildungssystem und in letzter Instanz das Gesellschaftssystem in ihrer Kritik ausklammern. Dies sei vor allem dem spontanen Aufflammen der Schüler:innenbewegung mit fehlender Koordination zur Last zu legen. Auch in diesem Aspekt lohnt es sich, in die geschichtlichen Erfahrungen einzutauchen. Die Protestwellen des Jahre 1987/88 zeigen auf, wie eng die Forderung nach besseren Abiturbedingungen und gegen eine ökonomische Umstrukturierung der Hochschulen (UNiMUT) mit den grundlegenden Fragen verknüpft ist, was eigentlich Bildung sein muss und welche gesellschaftlichen Triebkräfte sich gegen jegliche Erneuerung stellen. Wichtige Erfolge der UNiMUT-Streiks waren nicht zuletzt, Hochschulsonderprogramme finanzieren zu können. Auch die Lucky Streiks (1997) reihen sich in die spontan entstandenen Protestbewegungen ein. Die primäre Antriebskraft der Streikenden bildete zwar das Ziel, ökonomisch unter weniger Druck abschlussorientiert zu studieren. Doch nicht zuletzt waren die Proteste der erste Anknüpfungspunkt vieler Studierende, sich mit der ökonomisierten Hochschule als Ganzes auseinanderzusetzen und Erfahrungen des Protests zu sammeln. Die Bildungsstreiks 2009 wurden schließlich durch ein breites Bündnis getragen und koordiniert.

Der allgemeine und tieferliegende Kern der Bildungsstreiks erhält erst nach diesen geschichtlichen Erfahrungen volle Gestalt. Was den Bildungsstreik auszeichnet, ist sein Potential, vereinzelte Proteste in vereinzelten Schulen in einen einzigen geeinten Protest gegen das gesamte Bildungssystem zu verwandeln. Denn im Gegensatz zu üblichen Streiks wird kein einzelnes Unternehmen oder eine Branche bestreikt. Nicht die konkrete Schule und die in ihr arbeitenden Lehrkräfte sind die Profiteure der schlechten Schulbedingungen. Die Gesetze und damit auch Verfügungsgewalt werden durch die staatlichen Institutionen auf Landes- und Bundesebene entwickelt und vollstreckt. Jede Schule – gelegentlich nur im selben Bundesland, gelegentlich im ganzen Land – bietet ähnliche Rahmenbedingungen und damit in letzter Instanz den Rahmen, um aus dem Protest einiger Schüler:innen einen Protest der gesamten Schüler:innenschaft zu schaffen. Da sich zudem der Protest gegen die Entscheidungen des Staates richtet, erwächst aus dem Kampf für bessere Lernbedingungen ohne große Mühe ein Kampf für ein besseres Bildungssystem. Der konkrete Streik wird zu einer Bewegung mit systemischem Charakter.

Kategorien
05/2021 Lautschrift

Abitur für jeden – aber nicht für alle

Junge Menschen, die eine Ausbildung machen. Was noch vor wenigen Jahrzehnten die Regel war, scheint heute zur Rarität zu verkommen. Während Eltern und Großeltern immer wieder gerne dazu raten, „erstmal etwas richtiges zu lernen“, wenden sich Jugendliche bereits seit einiger Zeit von dieser Auffassung ab und studieren stattdessen mehrheitlich. Eine Ausbildung tritt heutzutage nur noch der an, bei dem es nicht fürs Studium gereicht hat, oder?

Berufsausbildung – Sammelbecken für Unqualifizierte?

In der Gegenüberstellung von Ausbildung und Studium dürfte eine der ersten Assoziationen für jeden von uns der unterschiedliche Bildungsanspruch an den Lernenden sein. Während heute der numerus clausus gang und gäbe bei der Vergabe von Studienplätzen ist, wirbt die Ausbildung oft mit niedrigschwelligen Startvoraussetzungen. Da es heute weit mehr als doppelt so viele Studierende wie Auszubildende gibt, verschärft sich der Eindruck: Wer die Möglichkeit hat, studiert. Bei wem der schulische Abschluss nicht für eine akademische Karriere reicht, der muss halt eine Ausbildung machen. Doch das ist so keinesfalls richtig. Tatsächlich entscheiden sich immer mehr Jugendliche mit Fachhochschulreife oder Abitur dazu, eine Ausbildung zu beginnen. In den vergangenen 20 Jahren stieg der Anteil um über 50 Prozent, sodass heute fast jede:r fünfte Abiturient:in nach der Schule eine Berufsausbildung startet. Dieser Umstand hat einen starken Einfluss auf den Wettbewerb um die Ausbildungsplätze. Parallel dazu studieren von Jahr zu Jahr mehr Leute.

Abitur oder Prekariat

Möglich wird diese beidseitige Entwicklung dadurch, dass immer mehr junge Menschen in Deutschland die Schule mit dem Abitur verlassen. Seit Jahrzehnten gibt es diese Tendenz in Deutschland, sodass 2017 mehr als die Hälfte der 20-24-jährigen das Abitur besaß. Wie man diesen Umstand nun beurteilen mag, ist zunächst vollkommen unerheblich. Wichtig ist, was mit der „erleichterten“ Zugänglichkeit des Abiturs einhergeht bzw. was sich daraus für die Ausbildungssituation in Deutschland ergibt. Zunächst ist festzustellen, dass sich in Folge dessen auch die restlichen Schulabschlüsse hinsichtlich ihres Niveaus verändert haben. Wenn jeder zweite Jugendliche und knapp jeder dritte Azubi Abitur hat, was ist dann schon noch der mittlere Schulabschluss wert? Und dann erst der Hauptschulabschluss? Während das Abitur sich also fortschreitend zum allgemeinen Schulabschluss entwickelt, geraten junge Menschen mit Hauptschulabschluss oder mittlerer Reife immer mehr in Bedrängnis. Von den Jugendlichen ohne Schulabschluss gar nicht zu sprechen.  Für Nicht-Abiturient:innen wird es zusehends schwieriger auf dem Arbeitsmarkt, gerade wenn es darum geht, sich einen Ausbildungsplatz zu sichern. Die Schwemme an Abiturient:innen, die eben auch in die Ausbildungsberufe schwappt, verdrängt also zusehends alles Übrige und nimmt sukzessive auch denen eine berufliche Perspektive, die schon in unserem Bildungssystem die schlechteren Karten hatten. Und da dies in Deutschland maßgeblich mit der finanziellen Situation des Elternhauses verknüpft ist, trägt das nur zu einer immer tieferen sozialen Kluft bei.

Fachkräftemangel, Ausbildungsmangel und wie der Markt das regelt

Ist man sich der Tatsache bewusst, dass unser Bildungssystem eine erhebliche Menge junger Menschen produziert, deren schulische Vorbildung aus Sicht der Wirtschaft nicht ausreicht, um für eine Ausbildung in Frage zu kommen, so vermag man auch zu verstehen, wo das ewige Betrauern des Fachkräftemangels  von Lobbyisten/ Politikern herrührt. Es erklärt auch, wie es gleichzeitig sein kann, dass ein beträchtlicher Teil junger Menschen vergeblich auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist. Tatsächlich gab es im Jahr 2019 beinahe exakt so viele Auszubildende in Deutschland wie junge Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung im Alter zwischen 20 und 29 Jahren, nämlich 1,3 Millionen. Der „Fachkräftemangel“ ist also nicht mehr als eine Verdrehung der Tatsachen, dessen Ursachen ausnahmslos hausgemacht sind. Anstatt diese aufzudecken und zum Beispiel durch eine chancengerechte Bildungspolitik zu bekämpfen, nutzen Wirtschaft und Politik diesen Umstand lieber zur Rechtfertigung eines neoliberalen Politikstils. Und um den Rest, der den Ansprüchen einer zukünftigen Fachkraft unserer Wirtschaft nicht genügt, aufzufangen und am Ende vielleicht doch wieder dem Arbeitsmarkt zuzuführen, greift der deutsche Staat auf ein Übergangssystem zurück. Hier sollen junge Menschen mit „ungenügender“ Schulbildung anschlussfähig für die Wirtschaft gemacht werden. Da dieses System aber nicht im Stande ist, junge Menschen tatsächlich berufsqualifizierend weiterzubilden, bezeichnen Experten es auch als sinnlose Warteschleife oder „Sammelbecken für Schulverlierer“ und befürchten, dass in wenigen Jahren mehr Jugendliche in diesem System feststecken, als es Auszubildende geben wird. Begleitet von der Tatsache, dass der schulische Erfolg in Deutschland maßgeblich von der ökonomischen Situation des Elternhauses abhängt, verschärfen sich Ungerechtigkeit und soziale Frage immer stärker.

Die Prekarisierung der Jugend nimmt also Formen an, die typisch für die Wirtschaftskrisen des Kapitalismus sind. Ein Glück, dass der Markt das regelt.

Kategorien
05/2021 Lautschrift

Depressiv und allein gelassen Wenn Wirtschaft vor Gesundheit geht

Die Pandemie bedeutet für fast alle Menschen eine enorme Belastung, welche sich sowohl im Alltag als auch im generellen psychischen Wohlbefinden bemerkbar macht. Kinder und Jugendliche sind meist noch stärker betroffen als Erwachsene, da sie aufgrund von Homeschooling und fehlenden Freizeitangeboten kaum Anlässe haben, das Zuhause zu verlassen. Wenn man sich vor Augen hält, wie wichtig ein geregelter Tagesablauf, aber auch Bewegung und vor allem der soziale Kontakt sind, ist es fatal, dass die meisten Kinder und Jugendlichen nun seit mehr als 5 Monaten unter den Folgen des andauernden Lockdowns leiden.

„Fast jedes dritte Kind“

Mit Andauern der Pandemie hat sich die psychische Verfassung vieler junger Menschen weiterhin fortlaufend verschlechtert, wie die „CoPsy-Studie“ des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt. Oft haben sie mehr Streit in der Familie, mehr schulische Probleme und ein schlechteres Verhältnis zu ihren Freunden. Kein Wunder, denn selbst wenn man fertig mit Schule und Hausaufgaben ist und sich mit einer weiteren Person trifft (sonst verstößt man bereits gegen die Auflagen), gibt es kaum eine Möglichkeit, etwas zu unternehmen, da die Läden geschlossen sind und das Wetter seit November selten zum Spazieren einlädt. Hinzu kommt die Anspannung zu Hause, die daher rühren kann, dass man rund um die Uhr aufeinander rumhängt oder die Eltern aufgrund existenzieller Sorgen durch Jobverlust oder Kurzarbeit nicht in der Lage sind, ihre Kinder emotional aufzufangen.  Während im Juni 2020 71% der befragten Kinder angaben, sich seelisch belastet zu fühlen, sind es Mitte Januar 2021 ganze 85%. Auch bei Eltern treten vermehrt depressive Symptome auf.

Konflikte innerhalb der Familie sowie häusliche Gewalt haben sich ebenfalls verschärft. Das ist fatal, denn es ist schwieriger für Kinder und Jugendliche, sich Hilfe zu suchen oder den Konflikten zu entgehen, da sie wenig bis keine Kontakte zu erwachsenen Vertrauenspersonen, wie Lehrern, Betreuern oder Trainern haben. Die Konsequenz ist Stress, sozialer Rückzug und depressive Verstimmtheit. Mittlerweile ist fast jedes dritte Kind „psychisch auffällig“, doch auch psychosomatische Symptome, wie beispielsweise Kopf- oder Bauchschmerzen sowie Übergewicht, haben sich vermehrt.  Laut der Studie machen heute zehnmal so viele Kinder und Jugendliche keinen Sport wie vor der Pandemie. Dabei sind Sport und Bewegung wichtig für die physische und psychische Gesundheit, aber auch für die Entwicklung von Kindern. Sie können hier Freunde treffen, lernen Teil einer Mannschaft zu sein, Konflikten gegenüberzustehen und mit Sieg und Niederlage umzugehen. Zu einem Bewegungsmangel kommt, dass sich die Ernährung deutlich verschlechtert hat, was häufig Grund für Konzentrationsmangel und Energielosigkeit ist. Sieben von zehn Kindern geben eine verminderte Lebensqualität an, bei der ersten Befragung waren es noch sechs, vor der Pandemie nur drei.

Für die meisten Jugendlichen ist die Tagesstruktur weggebrochen. Ein geregelter Tagesablauf, wie zum Beispiel zur Schule gehen, regelmäßige Mahlzeiten und Hobbys, bietet Halt und Orientierung. Hinzu kommt, dass es Schüler:innen durch das Homeschooling, welches Online-Unterricht und Arbeit in Eigenverantwortung beinhaltet, schwerer fällt, sich zu konzentrieren. Wie auch nicht, wenn man mit einem Klick auf einer anderen Website sein oder sonst wie durch die Umgebung der eigenen Wohnung abgelenkt werden kann. Schüler:innen mit schlechteren Voraussetzungen, wie mangelnder technischer Ausstattung oder ohne ruhigen Ort zum Lernen, werden abgehängt. Auch die Zukunft wird dadurch für einige ungewiss. Es ist schwieriger, einen Praktikumsplatz zu finden, die Versetzung ist vielleicht gefährdet, oder den richtigen Notendurchschnitt für ein Studium zu bekommen scheint kaum machbar.

Trifft es alle gleich?

Doch obwohl fast alle Kinder und Jugendlichen unter den Auswirkungen von Pandemie und Lockdown leiden, herrscht Ungleichheit. Ein eigenes Zimmer oder ein geteilter Schreibtisch. Eltern, die bei den Hausaufgaben helfen oder den ganzen Tag arbeiten. Frisch gekochte Mahlzeiten oder Tiefkühlware und Süßigkeiten. Einen guten, betreuten Onlineunterricht oder Lernen in Eigenverantwortung. Ein stabiles familiäres Umfeld oder Streit und Stress zu Hause.

Die Studie zeigt, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Familien oder Familien mit Migrationshintergrund stärker betroffen sind. In der Pressemitteilung heißt es „[…] Wer vor der Pandemie gut dastand, Strukturen erlernt hat und sich in seiner Familie wohl und gut aufgehoben fühlt, wird auch gut durch die Pandemie kommen.“ (Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, Leiterin der COPSY-Studie). Das Fünftel der Kinder, welches schon vor der Pandemie schlechtere Bedingungen hatte, leidet nun dreimal häufiger unter depressiven Verstimmungen, Anzeichen für Sorgen und Ängstlichkeit waren bei ihnen etwa doppelt so häufig.

Wenn Wirtschaft vor Gesundheit geht

Dass so viele junge Menschen durch die Pandemie einen Teil der Zeit, in der sie sich entwickeln, kennenlernen, ausprobieren und formen sollen, verlieren, ist schlimm, aber nicht nur der Pandemie an sich geschuldet. Der ewig andauernde zweite Lockdown hätte verhindert werden oder zumindest deutlich kürzer ausfallen müssen. Auch die aktuellen Fallzahlen könnten deutlich niedriger sein, wenn die Regierung endlich die die richtigen Maßnahmen treffen würde. Dadurch, dass die Wirtschaft weiterläuft, birgt der Arbeitsplatz für viele Menschen weiterhin das größte Ansteckungsrisiko. Seit Wochen zeigt sich, wie gering die Auswirkung der Maßnahmen ist, die allein das Privatleben immer weiter einschränken, und trotzdem wird weitergemacht. Die Regierung nimmt damit in Kauf, dass Kinder und Jugendliche psychisch immer stärker belastet werden, dass es vermehrt zu häuslicher Gewalt kommt, dass Familien, die es schon vor der Pandemie nicht leicht hatten, jetzt um ihre Existenzgrundlage kämpfen müssen. Wenn die Regierung anfangen würde, die Maßnahmen nicht im Interesse der Konzerne und nach Profitlogik zu treffen, sondern tatsächlichen mit dem Ziel, der Pandemie ein Ende zu setzten, wären Präsenzunterricht, Freizeitangebote, Sport und soziale Kontakte keine Tagträumerei, sondern bald wieder Realität und Alltag von Kindern und Jugendlichen.

Kategorien
05/2021 Lautschrift

Bundeswehr an Schulen

Die Doppelmoral des Bildungswesens

In der Schule wird uns immer beigebracht, dass man Streitereien friedlich lösen soll. Auch Kriege werden im Geschichtsunterricht als etwas moralisch Verwerfliches und Rückständiges betrachtet. Demnach ist Militär und Kriegstreiberei eigentlich etwas, was gerade Jugendlichen nicht nahegebracht werden sollte. Dennoch wirbt die Bundeswehr massiv an Schulen und Berufsmessen. Hier präsentiert sie sich natürlich nicht als kriegstreibend oder gewaltvoll, sondern als normalen Arbeitgeber, bei dem man Aktion und Abenteuer erleben kann. Aber ist das wirklich so? Ist die Bundeswehr ein normaler Arbeitgeber?

Schauen wir uns die harten Fakten an.

Seit 1992 wurden 108 deutsche Soldaten getötet, alleine 55 davon in Afghanistan. Die Bundeswehr selbst tötete (nach offiziellen Angaben) rund 200 Menschen in Afghanistan. Die Zahl der traumatisierten Soldaten liegt dabei natürlich noch viel höher. 2018 wurden 1875 Fälle von Soldaten in psychischer Behandlung verzeichnet. Schätzungen zufolge steigen diese jedoch kontinuierlich um rund 100 Fälle pro Jahr an, da die Auslandseinsätze zahlreicher werden.

Jeder andere normale Beruf in Deutschland würde mit solchen Daten, allein auf Grund des Arbeitsschutzgesetzes, nie zugelassen werden. Kennen wir nun also diesen Hintergrund, müssen wir uns vor Augen führen, dass man schon vor dem Erreichen des 18. Lebensjahres von der Bundeswehr rekrutiert werden darf. So wurden 2017 2.128 17-Jährige rekrutiert. Diese Jugendlichen erhalten dieselbe militärische Ausbildung an der Waffe wie erwachsene Soldaten und werden dann oft schon bald nach Erreichen der Volljährigkeit in Auslandseinsätze geschickt.

Aber warum ist die Bundeswehr überhaupt im Auslandeinsatz?

Uns wird immer beigebracht, dass die Bundeswehr sowohl unsere „Werte“ wie Demokratie und Menschenrechte in anderen Ländern verteidigen als auch unsere Sicherheit im Ernstfall schützen muss. Unter diesem Gesichtspunkt kann es plausibel scheinen, dass auch die große Gefahr und Belastung, denen junge Menschen in der Bundeswehr ausgesetzt sind, „in Kauf genommen“ werden kann, wenn es um die Sicherheit unseres Landes und die Menschenrechte und den Schutz der Menschen in Einsatzländern geht. Zwar wirkt diese Argumentation schon an sich etwas merkwürdig, aber was noch viel wichtiger ist, sie täuscht über die wirklichen Tatsachen hinweg. Denn die 12 derzeitigen Auslandeinsätze sind in vielerlei Hinsicht mehr als umstritten. Nehmen wir beispielsweise den Einsatz in Afghanistan. Hier gab es seit 2001 ca. 160.000 afghanische Kriegstote, 2,5 Millionen Binnenvertriebene und 2,7 Millionen Geflüchtete. So kam im Jahr 2020 der größte Anteil an Geflüchteten in Deutschland aus Afghanistan. Zudem wurde bis jetzt nichts an der politischen Lage dort verbessert. Trotzdem begründete der ehemalige SPD-Politiker Struck diesen Einsatz mit der Aussage: „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird heute auch am Hindukusch verteidigt.“  Auch in Syrien „unterstützt“ die Bundeswehr vielseitig. Die Zahl der Todesopfer beläuft sich hier auf ca. 500.000 und auch hier gibt es keine Aussicht auf Verbesserung. Somit lässt sich erkennen, dass die Begründungen der Politiker nur vorgeschoben sind und in Wirklichkeit vielmehr internationale Machtspiele, wirtschaftliche und geopolitische Interessen im Vordergrund stehen. Aus diesem Grund ist es um so makaberer, Jugendliche für diese auf Profitgier und Skrupellosigkeit beruhenden Auslandeinsetze anzuwerben.

Aber wie wirbt die Bundeswehr Jugendliche an? 

Die Bundeswehr bedient sich hierbei zwei verschiedener Möglichkeiten. Zum einen schickt sie so genannte Jungoffiziere an Schulen, die dort von ihren Tätigkeiten berichten und über die generellen Fakten aufklären. Diese dürfen allerdings nicht für die Bundeswehr werben und Jugendliche von einer Rekrutierung überzeugen. Deshalb gibt es außerdem die Karriereberater der Bundeswehr. Sie gehen zu Schulen und Berufsmessen und werben aktiv Jugendliche an. Zwar muss es den Jugendlichen freigestellt sein, ob sie an diesen Treffen teilnehmen, aber natürlich sind viele sehr neugierig. Diese Technik scheint auch zu funktionieren. So lautet die Antwort auf eine Anfrage der Linken: Die Beratung habe „zu einer guten Bedarfsdeckung der Bundeswehr“ beigetragen.

Aber ist es überhaupt legal Kinder für den Kriegseinsatz anzuwerben?

Die Antwort ist ganz klar „NEIN“! Die Werbung für Militäreinsätze widerspricht den Prinzipien der UN-Kinderrechtskonvention, die auch Deutschland unterschrieben hat. Die darin verbrieften Kinderrechte gelten für alle Menschen unter 18 Jahren. Somit lässt sich auch hier erkennen, dass Deutschland die internationalen Regeln, die aus den Erfahrungen der 2 Weltkriege entstanden sind, nur als eine Art Empfehlung wahrnimmt. Denn wenn es darum geht, deutsche Interessen und Macht durchzusetzen, kann man auch mal eine Kinderrechtskonvention hintergehen.

Zu allem Gesagten kommt das massive Rechtsextremismusproblem in der Bundeswehr und die Wahrscheinlichkeit, innerhalb ihrer Strukturen schon im jungen Alter rechte Propaganda und Gruppierungen kennenzulernen und von ihnen beeinflusst zu werden.

Deshalb fordern wir ein Verbot von Bundeswehr Werbung an Schulen und stattdessen mehr Aufklärung über das Kriegsgeschehen und die wirklichen Hintergründe für Auslandseinsätze. Außerdem fordern wir ein Verbot für die Rekrutierung von Minderjährigen, um sie vor diesen Interessen zu schützen.