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09/2020 Lautschrift

Cover Arbeitskampf und Gewerkschaften

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Überproduktionskrisen und woher der Wert kommt

Wir befinden uns momentan in einer Wirtschaftskrise. Der Ursprung der sogenannten Corona-Krise soll in der Pandemie liegen, so wie beispielsweise die Krise 2008 aus dem Immobilien- und Finanzmarkt entstanden sein soll. In diesem Artikel möchten wir zeigen, warum der Ursprung von Wirtschaftskrisen tatsächlich in der Natur des bestehenden Wirtschaftssystems liegt, warum diese Krisen als Überproduktionskrisen aufzufassen sind und warum sie notwendig aus dem Kapitalismus hervorgehen.

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09/2020

Klassenkampf & Kitsch

Disarstar brachte am 6ten März dieses Jahres sein viertes Studio-Album Klassenkampf & Kitsch heraus. Mehr als ein Jahr nach seinem letzten Albumrelease konnte die deutsche Rapszene sich also mindestens dem Namen nach wieder auf politische und gefühlvolle Songs des Hamburgers freuen.

Mit den Videoauskopplungen zu den Songs “All die Jahre”, “Dystopia” und “Situationen” schien der musikalische Schwerpunkt bereits gesetzt. Einfach strukturierte, langsame Instrumentals, softe Texte und Aufmachung, gepaart mit gesungenen, poppigen Hooks ließen eine starke Verschiebung Richtung Kitsch erwarten. Gerade in Anbetracht des vorherigen Albums Bohemien eine Entwicklung, die nicht weiter verwundert hätte. Dass man mit dieser Vermutung nur zum Teil richtig lag, wurde dann am Releasetag deutlich.

Neben kitschigem Pop-Rap lieferte Disarstar nämlich noch eine  Portion Klassenkampf dazu. Zwar lassen sich nur vier der elf Song als ansatzweise politisch bezeichnen, jedoch sorgen diese Tracks durch ihre präsente Aufmachung dafür, dass der Klassenkampfanteil des Albums nicht unter den Tisch gekehrt werden kann.

Das Album stellt ein musikalisches Potpourri dar. Innerhalb der Tracks als auch die Tracks gegenüberstellend, finden sich verschiedene musikalische Stilrichtungen wieder, die einander teils ergänzen und neue Assoziationen schaffen, teils aber auch scharfe Kontraste ziehen, so dass die Frage nach dem Sinn ihrer Verwendungen auf die musikalische Tagesordnung geworfen wird. Der Titel des Albums kann uns einen Aufschluss über den Sinn geben. Gerade das Pop-lastige “Nie Sie” oder die, die Rhythmik und damit die Struktur verschleiernden, sphärischen Klänge im Intro versinnbildlichen den Kitsch-Charakter, ein sich Verlieren in eine verträumte Parallelwelt. Aufgebrochen wird diese scheinbar strukturlose Haltung durch fest-verzerrte Gitarrenklänge und Metal-Electro-Knalle, die im gleichnamigen Track so offensichtlich auftreten, dass der Kontrast zwischen Kitsch und Klassenkampf musikalisch bewusst gezogen scheint. Doch ist das Album nicht nur von offensichtlichen Widersprüchen durchzogen. Der Track Männer & Frauen zeigt eine durch den trockenen aber doch souligen Beat hervorgerufene emotionale Distanzhaltung zum textlich beschriebenen Desaster, unserer auf der Geschlechter-Unterdrückung basierenden Gesellschaft. Der Zuhörende erhält diese Missstände als Normalität präsentiert, und sieht vielleicht noch offensichtliche die Notwendigkeit ihrer Abschaffung. Wer nach einem musikalisch geschlossen Album sucht, wird bei Klassenkampf & Kitsch mit Sicherheit nicht fündig. Wer das Experiment schätzt und das über-die-jetzigen-Zustände-hinaus wagt, wird in ihm eine musikalisch anspruchsvolle Sprache finden.

Was das Album an musikalischer Klasse und Diversität dazugewonnen hat, hat es für rapbegeisterte Zuhörende an Hörgenuss verloren. Die zum größten Teil rapfernen Hooks werden oft durch melodische Indiebeats ergänzt. Elektronische Elemente auf der Stimme und in der Musik durchbrechen das disarstartypische Klangbild klar, von dem er sich bereits auf Bohemien verabschiedete. „Eloquent wie Fidel, aber straßenaffiner“ hieß es noch vor 5 Jahren auf dem Track “Bis zum Hals”. Nun scheint sich Disarstar von beiden Eigenschaften mehr und mehr abzuwenden. Statt Straßenrap mit einer emotionsgeladenen Stimme und einer „Rhetorik wie ne Panzerfaust“ watet das neue Album mit weniger Text, seichteren Flows, einem generischeren Klangbild und bedeutend weniger Rap auf. Die Laufzeit von 33min sagt mehr als genug über diesen Fakt aus, besonders wenn man sich vergegenwärtigt, dass z.B. Minus x Minus = Plus noch 1h und 10min und damit mehr als doppelt so lang überdauerte. Der Song „Situationen“ und das dazugehörige Video dürften die Transformation wohl am passendsten zusammenfassen. Dieser „neue“, süß-grinsende und nahbare Disarstar findet Anklang und kann gerade auf Streaming-Plattformen beachtlichen Erfolg generieren. Für langjährige Zuhörende wirkt vieles an diesem Alter ego eher befremdlich und lässt sich nur schwer mit dem Rapper in Einklang bringen, den man einst als schwererziehbaren, schicksalsgeplagten, antifaschistischen Lokalpatrioten kennenlernte. So schmerzlich der Wandel für mancherlei treuen Fan auch sein mag, so sehr hat es sich Disarstar auch verdient, sich selbst auszuprobieren und neue Richtungen zu erforschen. Zehn Releases des „alten Disarstars“ in sieben Jahren machen es mehr als nachvollziehbar sein Repertoire auch in Richtung anderer Musikelemente auszuweiten. Nur die verstärkte Massentauglichkeit der Musik lässt dabei einen seltsamen Beigeschmack zurück.

-Taylan & Kevin