Kategorien
01/2021 Lautschrift

Corona geht auf unsere kosten

Seit März diesen Jahres sieht die Welt sich mit der Corona-Pandemie konfrontiert. Bereits im April gab es die Prognose einer internationalen Wirtschaftskrise, eine, die sich auch schon vor dem Ausbruch der Covid-19 Virus angebahnt hat (siehe: „Hat Corona die Wirtschaft infiziert?“ Corona-Sonderausgabe). Über den Sommer und Herbst konnten wir eine Welle von Massenentlassungen beobachten. Gleichzeitig sehen wir, wie Eigentümer:innen großer Unternehmen und Aktionär:innen hohe Gewinne verbuchen. Besonders in den letzten Monaten sehen wir uns zunehmend mit einschränkenden Maßnahmen und einer gespaltenen Gesellschaft konfrontiert. In den Entscheidungsprozessen über diese Maßnahmen ist die parlamentarische Demokratie von der Regierung außer Kraft gesetzt. Außerdem lastet die gesamte Pandemie auf unserem Gesundheitssystem, welches durch den Zwang zum Profit kaputt gespart wurden.

Kategorien
01/2021

Musikalische Gegengewalt

Vielen ist Rage against the Machine (RATM) ein Begriff. Wer einmal in die Musiklandschaft der 1990er Jahre getaucht ist, ist früher oder später auf diese Crossover-Band aus Kalifornien gestoßen. Ihr gleichnamiges erstes Studioalbum aus dem Jahr 1992 ist ein musikalischer Meilenstein. Ob die mit Wut bis zum Anschlag rappende Stimme des Frontmanns Zach de la Rocha oder der mit allen möglichen Effekten gezeichnete Klang von Tom Morellos Gitarre: Dieses Crossover-Album als Zusammenfassung von genialen und detailreichen Tracks war ein Sprung in eine neue Musik. Crossover meint dabei eine Mischung aus Musikgenres, die man kaum für kompatibel halten würde oder deren Mixtur man zuvor noch nicht erprobt hat. RATM treibt es da bis auf die Spitze der Musikchemie. Funk, Blues Rock, Metal und Rap mit einer gehörigen Portion dissonanter Klänge und Sozialkritik.

Kategorien
01/2021 Lautschrift

Der ungebetene Gast

Als ich einmal aus der Schule kam, das muss die Grundschule gewesen sein, herrschte eine ursachenlose Unruhe zuhause. Die Unruhe war oft das fünfte Familienmitglied. Alle grüßten sie, führten sie Gassi oder nahmen sie mit in die Schule oder in die Arbeit, ohne ihren Namen zu kennen. Diese Unruhe, der ich später selten oder gar nicht bei Freunden aus der Studienzeit begegnet war, begleitete uns auch im Sommer, wenn wir in die Türkei fuhren. Mutter bereitete das Mittagessen in der Küche zu und Can war im Kinderzimmer. Vermutlich spielte er; was, das weiß ich nicht mehr. Es sind die üblichen Tricks, die das Gedächtnis an solchen Stellen anwendet, um das Nicht-Wissen mit Lügen romanhaft zu umgehen. Ich werde versuchen, diesen Lügen, so verführerisch sie sind, nicht zum Opfer zu fallen. Denn sie bedeuten auch immer Schweigen über oder Verschweigen von etwas. Ich schreibe, weil ich beschlossen habe, nicht zu schweigen und nichts zu verschweigen. Ich will das Etwas mit Worten auflesen, es aufschreiben und festhalten, damit es nicht mehr fliehen kann. Ich suche es hinter den Lügen, das Unausgesprochene, eine Sprache der Sprachlosigkeit.

Jedenfalls sollte Vater jeden Augenblick von der Arbeit kommen und nach der Arbeit, vor allem nach der Frühschicht, war er hungrig und oft launisch, als müsste er zuhause etwas ausgleichen, was er draußen erlitten hatte. Auch seine Launen waren zuweilen ursachenlos, oder man konnte sie nicht mit bloßem Augenschein zur Kenntnis nehmen. Sie waren unsichtbar und doch sichtbar, wie Staub auf dem Rücken von Schmetterlingsflügeln. Seine breiten Schultern gingen zu Boden. Seine Augenlieder lagen wie halbfallende Jalousien über seinen Pupillen. Falten einer namenlosen Sorge umkränzten seine Augen. Vermutlich wusste auch er nicht von dieser Sorge oder woher sie kam, aber dennoch bewegte sie ihn, wie mir oft schien. Wer ist schon Beweger – sind wir nicht alle Bewegte einer Macht, die von uns ausgeht, ohne dass wir erkennen, dass sie von uns ausgeht? Sie ergreift unsere Körper und macht aus uns etwas, von dem wir am Ende sagen, dass es Selbstbestimmung oder Freiheit ist. Von Selbstbestimmung oder Freiheit war an solchen Mittagsstunden wenig auf den Wangen von Vater zu sehen. Wie farblose Gardinen fielen sie in seine Wangenknochen.

Ich ging in das Kinderzimmer, wo Can war. Wir teilten es uns. Es war so groß wie ein kleines Arbeitszimmer mit Schreibtisch und einem Bücherregal für Ordner und Akten. Anstelle des Schreibtischs stand da ein Hochbett, er unten und ich oben; anstelle eines Bücherregals ein Kleiderschrank. Über dem dunkelblauen Teppich lag ein Spielteppich, der den Straßenverkehr darstellte, auf dem Can manchmal Spielzeugautos hin und her über Kreuzungen oder in Sackgassen rollte. Irgendwas hatte mich genervt. Ich lag auf dem Bett und hörte Musik mit einem CD-Player, den mir ein Schulfreund geliehen hatte. Vater wollte uns sowas nicht kaufen. Es sei Geldverschwendung, sagte er.

Irgendwann wurde Can auf das Gerät aufmerksam. Er kletterte auf mein Bett und versuchte es an sich zu reißen. Ich stieß ihn zurück.

„Was willst du?“, sagte ich.

„Ich will auch hören.“

„Na gut, hier“, antwortete ich und reichte ihm einen Kopfhörer. Wir lagen zusammen in meinem Bett, starrten die Decke an und hörten Musik, während das Essen aus den dampfenden Töpfen und Pfannen in unser Zimmer kroch. Das war nicht immer schön, vor allem, wenn das Fett der Pfannen nachts auf unseren Kissen und Decken schlief. Unser Zimmer war direkt gegenüber der Küche, die ein kleines Fenster hatte. Daher stand die Küchentür meist offen, damit der Zug über das Wohnzimmer bis hin zum Badezimmer die Küche durchlüftete. Nach einigen Minuten ging die Musik aus. Die Batterien waren leer.

„Mach’s doch wieder an“, sagte Can.

„Die Batterien sind leer“, erklärte ich ihm und stand auf, um neue zu holen. Can kam mit.

„Sag aber nicht Mutter, wofür wir die Batterien brauchen, ok?“

Can nickte.

Wir wühlten in jeder Schublade im Wohnzimmer. Wir wurden nicht fündig. Dann wollten wir ins Schlafzimmer von Mutter und Vater, aber das war abgeschlossen. Als uns Mutter entdeckte, die inzwischen Teller und Geschirr ins Wohnzimmer trug, wo wir immer gemeinsam aßen, denn einen Esstisch hatten wir aus Platzgründen nicht, fragte sie, wonach wir suchten.

„Haben wir Batterien, Mama?“, fragte Can.

„Wofür?“, sagte Mutter.

„Wir wollen Musik hören mit Karls CD-Player“, antwortete Can.

Mutter, die eine Schürze über ihrer blauen Krankenpflegerkleidung trug, die auszuwechseln sie nach der Arbeit keine Zeit fand, legte ihre geballten Hände in die Hüfte. Eine Strähne fiel ihr über die Stirn: „Was für ein CD-Player?“

Ich sagte zu Can: „Bist du dumm!“

„Du bist selber dumm“, rief er aus Trotz.

„Du Bettnässer! Warum hältst du dich nicht an dein Wort!“

„Selber Bettnässer“, rief er wieder aus Trotz und mit ein wenig Verlegenheit, die von seinem Schuldbewusstsein abblätterte.

„Schluss jetzt!“, sagte Mutter, „Was sind das für Worte, Karl? Entschuldige dich bei deinem Bruder! Und was ist das für ein CD-Player? Woher hast du ihn?“

Ich schwieg und sagte in Cans Richtung: „Idiot! Ich werde dich nie mehr mit mir Musik hören lassen.“

Dann stürzte er sich auf mich und ich auf ihn, so wie das Kinder machen; ein Schlagen, das Schubsen und Packen ist. Das kam nicht selten vor zwischen Can und mir, mindestens einmal in der Woche. Während Mutter uns laut aufschreiend mit Händen auseinander zu halten versuchte, was wir komplett ignorierten, trat Vater in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich.

„Seid ihr bescheuert! Man hört euch bis nach draußen“, waren seine ersten Worte. Er legte seine Tasche neben die Schuhe, die im Flur neben der Eingangstür standen. Er ging mit einem zornigen Blick geradewegs auf uns zu. „Da kommt man von der Arbeit, wo man das Geschrei der Maschinen acht Stunden ertragen muss, und findet zuhause keine Ruhe, sondern auch Geschrei.“

Als er zwei Schritte von uns entfernt war, rief Mutter entsetzt: „Ihr Plagen!“ und stürzte in die Küche, wo Suppe aus einem Topf überkochte und wie eine Blutlache über den Herd schlich und auf der glühenden Herdplatte zischte. Rauch ballte sich in der Küche und ein verbrannter Geruch zog durch die Wohnung.

„Verdammt nochmal!“, brüllte Vater zu Mutter, „Schaffst es nicht mal die Kinder ruhig zu halten. Und jetzt diese Sauerei in der Küche!“ Dann zu uns: „Was ist hier los?“

Im Geschrei erfuhr er vom CD-Player und brüllte mich an, während er zugleich Beleidigungen in Mutters Richtung warf, die eine fremde Gewalt in ihm ebenso gewaltsam aus seinem Mund katapultierte. Er dachte dabei nicht nach. Fürs Denken war keine Zeit, eigentlich war zuhause nie Zeit fürs Denken. Wie ein Getriebener riss uns Vater auseinander und gab mir eine schallende Ohrfeige, die mir so weh tat, dass Tränen sich in meinen Augen sammelten. Ich weinte aber nicht, ich schluckte die Ohrfeige in meinen Bauch. Mutter schrie auf, dass Vater mich nicht schlagen solle. Sie stürzte sich zu uns. Alle brüllten im zynischen Orchester der Gewalt, die sich selbst zelebrierte. Dann schrien sich Vater und Mutter an. Can und ich schrien ebenso. Alle schrien. Vaters untere Augenlider zitterten vor Aufregung, während er seinen Oberkörper leicht nach vorne beugte wie eine in der Luft schwingende Brechstange. Immer wieder schossen seine Arme in die Luft. Er rührte Mutter nicht an. Aber auch Mutters Körper glich einer Brechstange. Plötzlich, wir standen im Wohnzimmer, ohne zu wissen, wer uns dorthin geschoben hatte, fiel Vater mit dem Gesäß in das Sofa. Eine Blässe hauchte über sein Gesicht, die ihm alle Lebendigkeit stahl. Er fiel in Ohnmacht; nein, er erlitt seinen ersten Herzinfarkt.

Wir waren still, Can und ich wegen der Schockstarre, die Vaters lebloser Körper uns versetzte. Mutter reagierte schnell, ohne zu zaudern. Sie kannte sich mit solchen Gesichtsausdrücken aus. Sie öffnete das Hemd von Vater, legte ihn auf das Sofa und gab Vater eine Herzdruckmassage mit einer Mund-zu-Mund Beatmung. Nach einigen Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, öffnete Vater die Augen, als hätte Mutter ihn wachgeküsst. Sie rettete ihm das Leben. Erst dann zeigte sich die Angst auf Mutters Gesicht. Sie umarmte ihn ganz fest. Wir, Can und ich, schlossen uns an und umarmten die Arme von Vater, der verwirrt zu sein schien. Er wusste nicht, was um ihn geschehen war. Jahre später sollten noch zwei weitere Herzinfarkte folgen, allerdings nicht solche, die in einer Bedeutungslosigkeit wie einem CD-Player ihren Anfang nahmen. 

Belanglosigkeiten waren zuhause eine Zündschnur, welche zu einer unsichtbaren Gewalt führte, die wie ein Puppenspieler unsere Gesten, Bewegungen und unsere Sprache beherrschte. Dabei war die Ursache von Streit immer absurd, was zeigt, dass die wirkliche Ursache von einem anderen Ort, außerhalb von der Familie, ausging. Wo dieser Ort war, wusste keiner, weder Vater noch Mutter und erst recht nicht Can und ich. Vielleicht hätte das am Schreien, Brüllen und Streiten nichts geändert, wenn wir es gewusst hätten; vielleicht. Gesiegt hatte immer diese Gewalt, dieser ungebetene Gast.

-Mesut Bayraktar

Kategorien
01/2021 Lautschrift

DIE NEUE LAUTSCHRIFT IST DA!

Das Thema dieser Ausgabe: Gewalt!

Kategorien
01/2021 Lautschrift

Obdachlosigkeit – nicht unser Problem

Jedes Jahr, wenn die Tage wieder kürzer und die Nächte länger werden, wenn es draußen ungemütlich wird und alle so wenig Zeit wie möglich in der Kälte verbringen wollen, gibt es viele Menschen, denen das verwehrt bleibt, was für die meisten von uns selbstverständlich ist: ein Ort zum Aufwärmen, ein Dach über dem Kopf.

Menschen verlieren aus einer Vielzahl an Gründen ihren Wohnsitz und werden infolgedessen mit einer ebenso großen Varietät an Problemen konfrontiert. Statistiken gibt es – dank der Regierung – keine. Und doch wird kaum über Wohnungslosigkeit geredet, tatsächlich scheint es so, als würde das Thema nur (mediale) Aufmerksamkeit erlangen, wenn sich im Winter die Kältetode wieder häufen.

Wohnungs- oder obdachlos kann theoretisch jede:r werden. Trotzdem, die Wahrscheinlichkeit, wohnungslos zu werden, steigt, je mehr Risikofaktoren zusammentreffen. Als solche sind vor allem Krisen- und Umbruchsituationen zu sehen: Der Verlust des Arbeitsplatzes, die Trennung von dem:der Partner:in, Migration, ein konflikthaftes und abruptes Verlassen des Elternhauses oder einer Einrichtung der Jugendhilfe, Verschuldung, Haftentlassung sowie psychische Erkrankungen. Prof. Dr. Harald Ansen, Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaften, bezeichnet weiterhin Menschen als besonders gefährdet, die schon immer eher am Rande der Gesellschaft standen, beispielsweise Seefahrer:innen aufgrund ihrer hohen beruflichen Mobilität.

Wohnungslosigkeit als gravierendes gesellschaftliches Problem auf der anderen Seite ist das Ergebnis einer mangelhaften Wohnungspolitik, die durch eine nicht annähernd ausreichende Anzahl von Sozialwohnungen und bezahlbaren Wohnungen definiert wird, sowie unzulänglichen sozialen Diensten, die dazu führen, dass Menschen in (den weiter oben genannten) Krisensituationen nicht ausreichend beraten und unterstützt werden.

Dazu kommt der Faktor, dass Wohnungslosigkeit länger andauert, wenn Menschen getroffen werden, die in Armut ohne (ressourcen-)starkes soziales Umfeld leben und wenn soziale Hilfen und bezahlbare Wohnungen fehlen und/oder nicht zugänglich sind.

Die fehlenden Statistiken

Dafür, dass Wohnungslosigkeit grundsätzlich jede:n von uns treffen könnte, wird sie erstaunlich wenig thematisiert. Das sieht man schon daran, dass es auch im Jahr 2020 noch immer keine offiziellen Statistiken über Wohnungslosigkeit in Deutschland gibt. Alle Zahlen, die zu wohnungs- und obdachlosen Menschen vorliegen, sind Schätzungen, die aus der Erfahrung von Hilfseinrichtungen und anderen statistischen Quellen erhoben werden. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) ging 2018 von insgesamt 678.000 wohnungslosen Menschen in Deutschland aus; etwa zwei Drittel dieser Menschen sind anerkannte, aber wohnungslose Flüchtlinge. Zusätzlich dazu schätze die BAGW im Jahr 2016 die Zahl der obdachlosen Menschen auf 52.000 und der wohnungslosen Kinder und Jugendlichen auf 32.000.

Egal, ob man jetzt bedenkt, dass diese Zahlen nur ungenaue Schätzungen mit Dunkelziffer sind oder nicht jede:n einbeziehen (z.B. Asylsuchende, über deren Antrag noch nicht entschieden wurde), es ist klar, dass diese Zahlen unglaublich hoch sind – und sie hören auch nicht auf zu steigen: Die BAGW verzeichnete vom Jahr 2017 ins Jahr 2018 einen Anstieg von 4,2% aller Wohnungslosen.

Der Bund lehnte Anfragen zur Erfassung solcher Statistiken bisher ab. Erst letztes Jahr, 2019, wurden erste Schritte in diese Richtung unternommen, als das Bundesministerium für Arbeit und Soziales einen Gesetzesentwurf zur „Einführung einer Wohnungslosenberichterstattung“ vorlegte. Der Bundestag stimmte im Januar diesen Jahres für den Entwurf, der zukünftig jährlich an einem ausgewählten Stichtag für eine offizielle Erhebung wohnungsloser Menschen in Deutschland sorgen würde. Auch diese Statistik wird natürlich unvollständig sein, da die Zahl spezifisch obdachloser Menschen schwer zu erheben ist, wenn diese nicht auf Notunterkünfte oder andere Hilfseinrichtungen zurückgreifen. Trotzdem, eine offizielle Statistik wäre zum einen mit weitaus weniger Unsicherheit behaftet als die Schätzungen, die beispielsweise von der BAGW erhoben werden, und außerdem ist sie schon längst überfällig.

Auch auf gesellschaftlicher Ebene ist nicht genug Bewusstsein für Wohnungs- und Obdachlosigkeit vorhanden. Meistens wird, wenn überhaupt, nur über Obdachlosigkeit gesprochen, wenn es wortwörtlich um Leben und Tod geht, oder oft sogar erst, wenn es schon zu spät ist: Im Winter, wenn obdachlose Menschen erfrieren oder wenn sie angegriffen werden – wie zum Beispiel 2017 in Hamburg, als ein Mann die Schlafsäcke von Slawomir W. und Krzysztof S. anzündete, während sie schliefen.

Ein Teufelskreis – oder?

Wohnungslose Menschen werden mit einer Vielzahl an Problemen konfrontiert, von denen manche mehr und andere weniger offensichtlich als Kälte und Gewalt sind. Es mangelt an ausreichender und gesunder Nahrung, an Erholung, Austausch und Intimität. Der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung und die hygienischen Bedingungen sind schwierig – und das betrifft nicht nur die Möglichkeit, sich selbst und seine Kleidung zu waschen: Menstruierenden Personen fehlt der Zugang zu Hygieneprodukten wie Binden und Tampons. Personen, die auf der Straße leben, erfahren außerdem oft soziale Kälte und Abneigung. Auch haben sie keine Möglichkeit, Habseligkeiten oder wertvolle Gegenstände zu schützen. Ein Leben ohne Perspektive auf Verbesserung macht anfälliger für Sucht, weshalb Drogen- und Alkoholmissbrauch in vielen Fällen ein Problem darstellt.

Und wie sollen wohnungslose Personen eine Perspektive haben, wenn meistens gilt: Ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung? Es ist in Deutschland zwar seit Mitte 2016 nicht mehr notwendig, einen Wohnsitz zu haben, um ein Bankkonto zu eröffnen, ein sogenanntes Jedermann-Konto, doch einen Job zu finden, hat ohne Wohnsitz noch immer viele Hindernisse. Schon die Bewerbung stellt eine Hürde dar: Man braucht ein Anschreiben, einen Lebenslauf, Zeugnisse, etc. Wie soll man als obdachlose Person an einen Computer kommen, um diese Dokumente zu erstellen? Abgesehen von der Tatsache, dass es ohne festen Wohnsitz keine Möglichkeit gibt, wichtige Dokumente – wie beispielsweise Zeugnisse – zu schützen. Doch selbst wenn man davon ausginge, dass die Bewerbung kein Problem darstelle, würde spätestens das Bewerbungsgespräch neue, schwer bis unmöglich erfüllbare Anforderungen stellen, wie mit einem gepflegten Erscheinungsbild und oft professioneller Kleidung zu erscheinen.  Wir stellen also fest: Erst eine Arbeitsstelle zu finden, um so wieder eine eigene Wohnung zu bekommen, scheint keine besonders realistische Herangehensweise zu sein.

Das Konzept „Housing First“ geht das Problem von der anderen Seite an. Es folgt der Annahme, dass eine eigene Wohnung das elementarste Bedürfnis wohnungsloser Personen ist und alle anderen Probleme, unter denen die jeweilige Person leidet, gelöst werden können und müssen, sobald sie oder er einen festen Wohnsitz hat. Auch in deutschen Städten wie Hamburg und Berlin gibt es erste Modell-Projekte dieses Konzeptes, welches Personen, wenn sie ihre Wohnung verlieren, sofort eine neue Wohnung verschafft – ohne Vorbedingungen. Das ist zwar begrüßenswert, doch zum einen sind solche Lösungsansätze nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn sie nicht auf bundesweiter Ebene durchgesetzt werden, und zum anderen bringt es nicht viel, die Symptomatik behandeln zu wollen, wenn die Ursache des Problems fortbesteht: Deutschland mangelt es an bezahlbarem Wohnraum und Sozialwohnungen. Der Bund muss mehr Verantwortung für eine soziale Wohnungspolitik übernehmen, allerdings ist aktuell eher das Gegenteil der Fall, denn die Bundesmittel für sozialen Wohnungsbau in 2020 und 2021 wurden mit jeweils einer Milliarde Euro weniger angesetzt als in den Vorjahren.

Laut der BAGW werden jedes Jahr mindestens 100.000 neue Sozialwohnungen sowie weitere 100.000 bezahlbare Wohnungen benötigt. Im Koalitionsvertrag hatte sich die Bundesregierung das Ziel von 375.000 neuen Wohnungen pro Jahr gesetzt, neu gebaut wurden 2017 aber nur 285.000 Wohnungen, von denen lediglich 27.000 Sozialwohnungen waren, also etwas mehr als ein Viertel der benötigten Anzahl. Solange es einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum und Sozialwohnungen gibt und solange die Mieten weiter steigen, werden mit jedem Jahr mehr Menschen wohnungslos werden, egal welche Projekte gestartet werden, um die Menschen wieder von der Straße zu holen. Es darf gar nicht erst so weit kommen.

Wer die Verantwortung trägt

Wohnungslosigkeit ist, gerade in Großstädten wie Hamburg, ein so alltägliches Problem, dass sie ein scheinbar unausweichlicher Teil der Großstadtrealität zu sein scheint. Aber wir dürfen ihr nicht mit Resignation begegnen, sie darf niemals akzeptiert werden. Es ist als Zivilgesellschaft nicht unsere Verantwortung, Wohnungslosigkeit zu beenden, aber es ist unsere Aufgabe, die Regierung dieses Problem nicht ignorieren zu lassen, solidarisch mit wohnungslosen Menschen überall zu stehen und zu verhindern, dass sie stigmatisiert und ausgegrenzt werden.