Kategorien
03/2021 Lautschrift

Warum die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich eine feministische Forderung ist

Die Forderung nach einer 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich scheint wie eine Utopie, dabei ist diese keinesfalls neu. Der Arbeitskampf um Verkürzung der Arbeitszeit hat Geschichte, die Forderung knüpft direkt die Erfolge des Tarifstreit um die 35-Stunden-Woche in den 80er Jahren an. Die IG Metall organisierte damals mit der damaligen IG Druck und Papier (heute Teil der Ver.di) eine starke Kampagne und mehrwöchige Streiks. Es gelang den Beschäftigten, eine stufenartige Reduktion der Arbeitszeit auf 38,5 Stunden pro Woche zu erkämpfen – ein Kompromiss, der jedoch als Erfolg wahrgenommen wurde. Es gelang erstmals, eine Arbeitszeit von unter 40 Stunden pro Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich zu erzielen. Seitdem wurde an diese Forderung immer wieder angeknüpft. Als Ergebnis kam es meist zu weniger Ausfällen wegen Krankheit, weniger Überstunden und einer höheren Zufriedenheit der Menschen.      
Während in der Politik der Sinn einer solchen Regelung meist unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, wie höherer Produktivität oder positiven Auswirkungen auf die Tourismusbranche diskutiert wird, ist sie vor allem auch eine feministische Forderung.

2019 haben in Deutschland laut Statista mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer Hausarbeit verrichtet. In unserer patriarchalen Gesellschaft ist es also immer noch verankert, dass Frauen für Familie und Haushalt zuständig sind, während Männer das Geld heranschaffen sollen. Dadurch sind Karriere und Familie für Frauen schwieriger und nicht selbstverständlich zu vereinbaren, was man auch immer wieder an Schlagzeilen wie „Karriere machen als Mutter – funktioniert das?“ (businessfrau.ch) oder „Vollzeit-Mama oder Karriere: was gehört zu meiner Identität?“ (grandios.online) erkennt.

Dieses Problem wird auch in der Verteilung der Arbeitszeiten sichtbar. Laut Statista arbeiteten 2018 zwei Drittel der erwerbstätigen Frauen mit minderjährigen Kindern in Teilzeit, während es weniger als 6% der erwerbstätigen Männer waren. Mit jedem Kind steigt die Zahl der in Teilzeit arbeitenden Frauen. Damit liegt Deutschland weit über dem EU-Durchschnitt (t-online). Einen Grund dafür stellt der durch gesellschaftliche Konventionen entstehende Stress dar. Da die Aufgaben von Frauen neben dem Job vor allem Carearbeit und der Haushalt sind, entsteht hier durch doppelte Belastung Stress. Ein Beispiel dafür ist die Kindererziehung, die Frauen im Schnitt doppelt so sehr stresst wie Männer (Statista 2009).

Dass Frauen immer noch so viel mehr Zeit für die Familie aufwenden und finanziell abhängig von Männern sind, bringt auch andere Probleme mit sich. Somit folgt daraus zum Beispiel eine geringere Teilhabe am öffentlichen Leben und kann auch zu einem eingeschränkten oder sogar kontrollierten Sozialleben führen. Außerdem sind Frauen durch diese Abhängigkeit häufiger gezwungen in gewalttätigen Beziehungen zu verweilen.

Eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich könnte hier den Ansatz einer Lösung darstellen. Die Arbeitszeit in der Familie würde sich so auf insgesamt 60 Stunden die Woche reduzieren, was der gleichen Arbeitszeit entspricht, wenn eine Person voll und die andere halbtags arbeitet. Dadurch könnten Tätigkeiten im Haushalt besser abgefangen und aufgeteilt werden, was Frauen entlasten würde. Wenn alle somit quasi in Teilzeit bei vollem Gehalt arbeiten würden und Frauen nicht durch weniger Stunden noch mehr Gehalt als ohnehin schon einbüßen, wären sie außerdem finanziell unabhängiger, was einen großen Fortschritt für die gesamte Gesellschaft darstellen würde und auch anderen Problemen in Ansätzen vorbeugen könnte. So könnten Frauen besser gewalttätigen Beziehungen entfliehen. Generell würde es weniger Stress mit sich bringen, wenn ein dreitägiges Wochenende möglich wäre und Eltern nicht den ganzen Tag, sondern nur sechs Stunden auf Arbeit wären. So könnte auch eine größere Teilhabe am öffentlichen Leben für Frauen erreicht werden. Es würde sich weniger die Frage stellen, ob und wie Familie und Karriere miteinander vereinbar wären, und sowohl im Arbeitsleben als auch gesamtgesellschaftlich zur Gleichstellung beitragen.