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05/2021 Lautschrift

VOM ZEHNTKLÄSSLER ZUM MILLIONÄR

Die meisten Schüler:innen geben sich, sobald sie ein gewisses Alter erreicht haben, nicht mehr mit ihrem Taschengeld zufrieden. Ab der zehnten Klasse gibt es sehr viele Leute, die sich einen Job als Apothekendienst oder im Eiscafé besorgen und zweimal die Woche nach der Schule arbeiten, um sich ein paar Groschen dazuzuverdienen. Laut Schätzung des Deutschen Kinderhilfswerks hat bundesweit mindestens ein Drittel aller Kinder ab 13 Jahren einen Nebenjob und arbeitet im Schnitt mehr als drei Stunden pro Woche. Knapp 30 Prozent der Jugendlichen arbeiten sechs bis zehn Stunden pro Woche in einem Nebenjob, so das Statistik-Portal Statista. Das hat nicht nur etwas mit dem zusätzlichen Geld zu tun, sondern der Wunsch nach einem eigenen Job hängt mit vielen Faktoren zusammen, wie der Selbstständigkeit, dem Warmwerden mit der Arbeitswelt, dem Lernen des Umgangs mit selbstverdientem Geld und vielem mehr. Doch das Arbeiten als Schüler hat auch negative Aspekte und trifft auf gesetzliche Hürden, auf die dieser Artikel eingeht:

Es gibt kaum Regulationen für Schülerjobs. Solange die Schüler:innen nicht mehr gesetzlich schulpflichtig sind, also in der Regel nach erfolgreichen Abschluss der neunten Klasse, gelten ähnliche Bedingungen wie für arbeitende Erwachsene: Maximal 40 Stunden die Woche, maximal 8 Stunden am Tag, im Regelfall nur zwischen 6 und 20 Uhr. Ferienjobs, also viel Arbeit auf einen Zeitraum von wenigen Wochen, sind für alle Schüler ab 15 Jahren erlaubt. Wegen dieser wenigen Einschränkungen kommt es oft dazu, dass Schüler:innen die Schule vernachlässigen, um stattdessen zur Arbeit zu gehen. Dies betrifft vor allem Jugendliche, die für ihre weitere Berufsausbildung sparen oder die zur Haushaltskasse beitragen müssen. Es gibt Familien, bei denen die Sozialen Hilfen oder das Familieneinkommen nicht ausreicht, um den Kindern zum Beispiel den „Luxus“ einer Klassenfahrt zu finanzieren. Das Jugendarbeitsschutzgesetz gibt zwar vor, dass die Arbeitsbedingungen so gegeben sein müssen, dass ein Vorrang des schulischen Unterrichts gesichert sein kann und dieser nicht durch den Nebenjob negativ beeinflusst wird, aber wie das überprüft oder gewährleistet wird, ist dort nicht zu finden. Ab 15 Jahren dürfen Kinder also meist (nahezu) uneingeschränkt arbeiten, ihr Einkommen fällt, bis sie 18 sind, hingegen oft klein aus: Da Minderjährige, Auszubildende und Praktikant:innen vom Mindestlohngesetz ausgenommen sind, muss der Arbeitgeber keine 9,50€ pro Stunde zahlen. Das führt zu absurden Situationen, in denen ein 17-Jähriger und eine 18-Jährige zusammenarbeiten und die 18-Jährige drei Euro mehr die Stunde bekommt, unabhängig von Qualifikation oder Erfahrung. Viele Arbeitgeber stellen bewusst Schüler:innen ein, um diese Lücke auszunutzen. Eine besondere Ungerechtigkeit betrifft Jugendliche, deren Eltern Sozialleistungen vom Staat, wie Hartz-IV, beziehen. Wie man sich denken kann, haben diese meist ein gesteigertes Interesse daran, einen Nebenjob zu haben und sind häufiger auf diesen angewiesen. Doch Artikel von Kaja Koßmann da ein Teil des Hartz-IV-Satzes explizit pro Kind berechnet wird, gilt der Haushalt als Bedarfsgemeinschaft und die Kinder der Leistungsbeziehenden auch als Sozialhilfeempfänger:innen. Und wenn Sozialhilfeempfänger:innen mehr als den Freibetrag von 100 Euro verdienen, wird ihnen das von ihrem Hartz-IV-Satz abgezogen. Konkret heißt das: Hat ein Schüler, dessen Eltern Sozialhilfeempfänger sind, einen Nebenjob und verdient dabei 200 Euro im Monat, so kann er von diesen 200 Euro 100 Euro behalten, zusätzlich werden von den restlichen 100 Euro 20 % anrechnungsfrei gelassen. Im Endeffekt bleiben von seinen 200 Euro Monatsgehalt also 120 Euro über, die der Schüler behalten darf. Die restlichen 80 Euro werden mit dem Hartz-IV-Satz seiner Eltern verrechnet. Dieses Gesetz lässt aufhorchen, da es in unserer Gesellschaft doch so oft heißt, wenn man nur hart arbeite, sei alles erreichbar. Doch wie sollen Kinder die gleichen Chancen auf gesellschaftlichen und finanziellen Erfolg haben, wenn sie schon von Geburt an als „Sozialhilfeempfänger“ gesehen und behandelt werden? Diese klare finanzielle Benachteiligung von Kindern von Hartz4-Empfängern festigt die soziale Ungleichheit unserer Gesellschaft. Das Mindestlohngesetz muss dahingehend geändert werden, dass Minderjährige nicht mehr grundlos für niedrigere Löhne arbeiten müssen. Außerdem dürfen Kinder von Sozialhilfeempfänger:innen nicht auch als solche gelten. Vor allem sollte kein Schüler arbeiten müssen, sondern durch seine Eltern unterhalten werden können. Niemandes Bildung sollte dadurch vernachlässigt werden, neben der Schule arbeiten gehen zu müssen. Gerechtigkeit in der Bildung ist nicht losgelöst von dem Kampf gegen die Armut zu betrachten. Wenn Bildung eine staatliche Aufgabe ist, dann muss es auch die Bekämpfung der Armut sein!