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KEINE “NULLRUNDE” MEHR

Die Friedenspflicht in der Metall- und Elektroindustrie endete am 1. März 2021. Die IG Metall hatte im vergangenen Frühjahr dem Arbeitgeberverband »Gesamtmetall« wegen der Transformation –digitaler und ökologischer Wandel– den Aufschub eines Arbeitskampfs angeboten. Im Gegenzug sollten Arbeitsplätze gesichert und Kündigungen vermieden werden. Heute wissen wir, dass ein Teil der industriellen Kapitalisten mit Personalabbau und Lohnkürzungen geantwortet hat – neben der Pandemie als vorgeschobene Begründung wurde vor allem auf die Rezession verwiesen, die seit der Ende 2019 begonnenen Wirtschaftskrise anhält. Eine »Nullrunde« war das Ergebnis der tariflichen Sondierung. Nun ist das »Moratorium« Geschichte. Lohnarbeit und Kapital stehen sich gegenüber.

WAS SIND DIE FORDERUNGEN?

Die IG Metall hat in der Tarifrunde 2018 vor allem ein individuelles Recht auf Teilzeit bis zu 28 Arbeitsstunden pro Woche mit Rückkehroption zu Vollzeit gegen die Kapitalseite erstritten.

Insgesamt ist eine festgeschriebene Arbeitszeitverkürzung mit mindestens Teillohnausgleich für alle das Ziel. Vor diesem Hintergrund fordert die IG Metall in der kommenden Tarifrunde vier Prozent Lohnerhöhung in Betrieben, die genug Aufträge und somit genug Arbeit und Ertrag haben. In Betrieben jedoch, die aufgrund laufenden Strukturwandels weniger Arbeit haben und deshalb die Arbeitszeit absenken, um Beschäftigung zu sichern, sollen die vier Prozent Volumen für einen Teillohnausgleich zur Verfügung stehen. Die im vergangenen Jahr lautstark geforderte 4-Tage-Woche ist die gewerkschaftliche Antwort auf den digitalen und ökologischen Wandel.

ZUKUNFT MITGESTALTEN

Stefan Wolf, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, hat ganz andere Pläne. Seiner Meinung nach soll es in dieser Tarifrunde eine weitere »Nullrunde« geben. Sonderzahlungen wie etwa Spätzuschläge sollen ebenfalls wegfallen. Die Begründung der Kapitalseite ist mannigfaltig. Eine schwache Konjunktur, die unverhofften grünen Zahlen und natürlich die Corona-Pandemie sind einige von vielen. Die Gewerkschaften im Allgemeinen und die IG Metall im Besonderen würden einer »reinen Regelung auf Betriebsebene« nur im Weg stehen.

Darauf muss die IG Metall mit einem mutigen Kampf antworten.

AN VORANGEGANGENE KÄMPFE ANKNÜPFEN

Die Kapitalseite will einen Vertrag, der ihren Profit maximiert. Diesem soll alles untergeordnet werden. Die Gewerkschaft hat die strukturelle Aufgabe, die Interessen der Arbeiter:innen unter gegebenen historischen Bedingungen zu bündeln, auszuformulieren und für diese zu kämpfen.

Eine Arbeitszeitverkürzung mit Teillohnausgleich würde einen Verzicht bedeuten, auch wenn es sich zukunftsweisend anhört. Denn wo der relative Lohn steigt, fällt der absolute. Ein relativ angestiegener Wert ihrer Arbeitskraft bringt uns am Ende des Tages nicht ‚mehr‘ ins Haus. Mit Blick auf die Gewinne der Kapitalisten, trotz Corona und Rezession, ist ein sechs Stunden Arbeitstag das Mindeste – und zwar mit vollem Lohnausgleich. Auch unter Corona-Bedingungen und mehrmonatiger Kurzarbeit konnte etwa Daimler im vierten Quartal rund 6,6 Milliarden Euro operativen Gewinn einfahren. In die Berechnung des operativen Gewinns fallen neben den Materialkosten die eingesparte Auszahlung von Löhnen durch Kurzarbeit und Arbeitsplatzvernichtungen. Die Folgen sind Gewinnmaximierung und Kapitalakkumulation der Unternehmer.

Ein Kernziel muss demzufolge die Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich sein: Nicht nur ein Lohnkampf, auch ein Arbeitszeitkampf steht an der Tagesordnung. Insbesondere in einer Krise handelt es sich um einen historisch und gesellschaftlich notwendigen Kampf, auch und gerade wegen der durch die Digitalisierung gestiegenen Produktivität der Arbeit, die die Notwendigkeit eines Strukturwandels in den bestehenden Produktionsverhältnissen hervorruft. Wie dieser Strukturwandel konkret aussehen wird, hängt von unserer Kampfbereitschaft ab; als Selbstläufer vollzieht er sich zu Gunsten des Kapitals.