Kategorien
03/2021 Lautschrift

Hauptsache Mutter!? Worum es bei der Frage nach legalem Schwangerschaftsabbruch wirklich geht

Das kürzlich beschlossene Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen in Polen hat eine große Welle von Protesten ausgelöst, in Argentinien wurden Abbrüche erst nach jahrelangen feministischen Kämpfen legalisiert und in Deutschland ist die Ärztin Kristina Hänel nach Paragraf 219a verurteilt worden, weil sie auf ihrer Website angab, Abbrüche durchzuführen. Heute und seit Jahrzehnten kämpfen Frauen international für die Legalisierung von Abtreibungen. Doch warum ist dieser Kampf so langwierig?

„Ungeborenes Leben“ schützen?

In der Diskussion um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen werden immer wieder reaktionäre Stimmen laut: Die „Pro-Life“ Bewegung, die sich selbst oft Lebensschützer nennen, argumentieren, wie es der Name schon zeigt, mit dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie sprechen von „Kindesmord“ und „Babycaust“, organisieren „Märsche des Lebens“ und verklagen teilweise sogar Ärzt:innen, die Abtreibungen durchführen. Sie möchten die Entscheidungsfreiheit der Frau einschränken, soweit es geht.

Laut ihnen scheint die Frage der Abtreibung wie ein moralisches Problem.

Doch welche Forderungen stecken wirklich dahinter?

Welche Vorstellungen verbergen sich hinter der Frage um die Legalisierung?

Werfen wir zunächst einen Blick in die Geschichte: Wenn auch Frauen in früheren Gesellschaften meist für den Haushalt zuständig waren und sich um die Kinder kümmerten, änderte sich mit der industriellen Revolution und dem Beginn der kapitalistischen Weltordnung etwas Grundsätzliches: Arbeitskraft wurde eine Ware, der arbeitende Mann fing also an, Geld zu verdienen, in dem er seine Arbeitskraft verkauft. Die Frau, die zu Hause blieb, wurde jedoch nicht entlohnt, sondern leistete unbezahlte Hausarbeit, sie war also abhängig vom Lohn ihres Mannes. Dieses ökonomische Ungleichgewicht drängte die Frau ins Private, zum Haushalt und den Kindern, wie es auch schon in früheren Gesellschaften der Fall gewesen war. Die Arbeit, die Frauen zu Hause leisteten, wurde und wird nach wie vor als natürlich gesehen und nicht als wirkliche Arbeit.

Im Laufe der Zeit wurde die Frau jedoch notwendigerweise ein Teil des kapitalistischen Produktionsprozesses, zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert fingen Frauen an, Lohnarbeit zu leisten: Familien aus der Arbeiterklasse brauchten den Lohn beider Elternteile.

Seit Jahrhunderten nahmen die Arbeiterinnen das erste Mal eine andere Rolle ein als die der Mutter, sie wurden ein Teil der Gesellschaft außerhalb des Haushaltes. Es war kein Zufall, dass die Frage nach der Legalisierung von Abbrüchen als erstes aus der Arbeiterbewegung kam. Erst mit dieser Entwicklung gewann auch die Frage der Abtreibung an Relevanz, denn das Mutter-Sein war nicht mehr die einzig mögliche Rolle einer Frau.

Wenn wir über das Recht auf Abtreibung diskutieren, dann sollte also die Frage im Vordergrund stehen, welche Rolle die Frau in der Gesellschaft einnimmt – und nicht die moralische Argumentation darüber, wann ein Leben beginnt, denn diese Frage ist nur ein Schein-Argument hinter der viel größeren, eigentlichen Frage.

Mittlerweile ist es in Deutschland normal, dass Frauen arbeiten, etwas anderes ist auch gar nicht mehr vorstellbar. Trotzdem arbeiten mehr Frauen als Männer Teilzeit und die Tatsache, dass Frauen einen großen Teil der Arbeit im Haushalt und in der Familie tätigen, scheint natürlich. Ebenso natürlich scheint, dass eine Frau früher oder später Mutter wird, unabhängig davon, ob sie das möchte oder nicht.

Die gesellschaftliche Rolle der Frau (als Mutter) ist, wie wir historisch erkennen können, allerdings keinesfalls von der Natur gegeben, sondern konstruiert. Die Frau auf ihre Rolle als Mutter zu beschränken, ist unter den heutigen Bedingungen nicht mehr möglich, die Gesellschaft befindet sich in einem Prozess und das ist auch gut so.

Dass die Frau am gesellschaftlichen Leben und Produktionsprozess teilnimmt, ist ein Fortschritt und unverzichtbar für ihre Befreiung. Gleichzeitig wird damit auch die Rolle der Frau als Mutter nicht mehr notwendig. Konservative Kräfte wünschen sich häufig die Zustände zurück, in denen die Familie noch nach „christlichem“ Bild und religiösen Vorstellungen organisiert war. Heute sehen wir, dass es genau diese reaktionären Kräfte sind, die gegen Abtreibung sind (siehe z. B. Polen). Doch zu diesem Zustand der Frau als Mutter und nur als Mutter zurückzukehren, ist weder möglich noch erstrebenswert. Der Frau ihre Entscheidungsfreiheit zu verweigern, bringt in unserer heutigen Gesellschaft Leid und eine Doppelbelastung mit sich – Haushalt und Beruf. Schwangerschaftsabbrüche zu verbieten, ist im Interesse derjenigen, die ein konservatives Familienbild mit religiösen Vorstellungen rechtfertigen wollen.

Wie ist die Lage in Deutschland?

Das Problem beginnt schon vorher – Verhütungsmittel sollten für Frauen jeden Alters kostenlos zugänglich gemacht werden, damit Verhütung keine Frage des Budgets der Frau ist.

Wenn eine Frau sich in Deutschland dazu entscheidet abzutreiben, dann ist sie gesetzlich dazu verpflichtet, einen Beratungstermin wahrzunehmen, mindestens drei Tage vor dem Abbruch. Diese Pflicht stellt die Entscheidungsfähigkeit der Frauen konkret in Frage, negiert sie sogar.

Ein wichtiger Aspekt ist der Kostenfaktor: Sofern man keine Sozialhilfe bezieht, kann ein Abbruch bis zu 600 Euro kosten. Eine Summe, die man sich erst einmal leisten können muss.

Zudem ist in der Bundesrepublik die Zahl der Ärzt:innen, die Abbrüche anbieten, seit 2003 um 45 Prozent gesunken, mittlerweile müssen beispielsweise Frauen in Bayern zum Teil hunderte Kilometer weit fahren, um abtreiben zu können.

Dass diese Zahl zurückgeht, könnte unter anderem damit zusammenhängen, dass der Paragraph 219a Ärzt:innen kriminalisiert, wie wir es am Beispiel von Kristina Hänel sehen konnten: Die Ärztin aus Gießen wurde im Januar dafür verurteilt, für Abbrüche zu „werben“, weil sie auf ihrer Website angab, dass sie Abbrüche anbietet.

Die beiden Paragraphen, auf die diese Regelungen zurückgehen, existieren schon Jahrzehnte: Der Paragraf 218 StGB stammt noch aus dem Kaiserreich, Paragraf 219a wurde unter dem Hitlerfaschismus beschlossen. Gerade im Faschismus war das Bild der Frau ein klar rückwärtsgewandtes und auf ihr Mutter-Sein beschränkt.

Seit Jahrzehnten wird mit diesen Gesetzten in Deutschland die freie körperliche Selbstbestimmung der Frau also kontrolliert und hat somit eine Kontinuität.

Wichtig hierbei ist, dass die Gesetzlage nicht beeinflusst, ob abgetrieben wird oder nicht. Es werden in Kanada, wo Abtreibungen eine ganz normale medizinische Behandlung darstellen, nicht mehr Abbrüche durchgeführt als in Deutschland oder Polen. Der einzige Unterschied ist das gesundheitliche Risiko der betroffenen Frauen, denn illegal durchgeführte Abbrüche enden oft auch tödlich.

Die Gesetzeslage in Deutschland ist rückschrittlich und das sollte geändert werden. Denn die Frage nach Abtreibungen dreht sich darum, ob wir den gesellschaftlichen Schritt, dass die Frau ein ebenbürtiger Teil der Gesellschaft ist, anerkennen und fördern oder ob wir noch an dem Bild der Frau als Mutter hängen.

Wenn also argumentiert wird, jede Frau solle die Frage für sich selbst entscheiden, reduziert man die Thematik auf eine individuelle Ebene, die gar nicht existiert, wenn ihre Rechte eben im Strafgesetzbuch festgelegt werden.

Eine wirkliche Entscheidungsfreiheit wird es also erst geben, wenn Abbrüche nicht mehr im Strafgesetzbuch stehen und die betroffenen Frauen und Ärzt:innen nicht mehr kriminalisiert werden. Einen Abbruch sollte sich jeder leisten können und es sollte unabhängig vom ideologischen Standpunkt der Ärzt:innen für Frauen möglich sein, abtreiben zu können.

Die gesellschaftliche Entwicklung, dass Frauen auch etwas anderes sein können als Mutter ist eine positive – und mit dieser Entwicklung geht notwendigerweise auch das Recht bzw. die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen einher!