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03/2021 Lautschrift

Dürfen Männer Feministen sein?

In den letzten Jahren hat die Frauenbewegung weltweit an Aufmerksamkeit und Bedeutung gewonnen. Große Meilensteine waren unter anderem der 08. März in Spanien im Jahr 2018, als 5,3 Millionen Menschen demonstrierten, die weltweiten Proteste vergangenes Jahr gegen die Abtreibungspolitik in Polen und die lateinamerikanischen „Ni Una Menos“ Proteste gegen Femizide. Die Frauenbewegung wird also weltweit immer stärker.

Während die Frauenbewegung weltweit an Stärke gewinnt, macht sich hierzulande ein politischer Einfluss breit, der Spaltung und Illusionen schürt. Immer mehr werden Forderungen in den Vordergrund gerückt, die aussagen, dass die Perspektive von Frauen im feministischen Kampf die einzig richtige sein sollte und weibliche Repräsentation in hohen Positionen gefördert werden sollte.

Ob bewusst oder unbewusst – durch diese Diskussion in diese Richtung wird der Frauenbewegung bzw. der Bewegung um die Befreiung der Frau ihre Stärke genommen und strukturelle Problematiken und Forderungen, die den gesamtgesellschaftlichen Kampf berücksichtigen, rücken immer mehr in den Hintergrund. Die Stärkung der Position der Frau, bzw. die Ermöglichung der Repräsentation ist wichtig, darf aber einen gesamtgesellschaftlichen Kampf, in dem alle Menschen, gleichberechtigt, für eine bessere Zukunft einstehen, nicht ersetzen.

Jeder kämpft für sich?

Es ist eine weit verbreitete Ansicht, dass jede marginalisierte Gruppe, unabhängig von anderen, ihren eigenen Kampf führt. Frauen gegen Sexismus, von Rassismus betroffene Menschen gegen Rassismus, Homosexuelle gegen Homophobie und so weiter. Diese Ansicht basiert auf der Annahme, dass nur jemand, der die jeweilige Art von Diskriminierung selbst erlebt hat, diesen Kampf führen bzw. die Probleme verstehen kann. So könnten zum Beispiel nur Frauen sich zu frauenpolitischen Themen äußern. Während die Perspektive von Frauen eine besondere Wichtigkeit hat und diese natürlich auch ein gesteigertes Interesse am feministischen Kampf haben, geht diese Annahme teilweise so weit, dass Männer sich gar nicht mehr zu diesen Themen äußern sollen. Dies äußert sich besonders in Formulierungen wie “Check dein Privileg”. Männer sollen ihre Zeit damit verbringen, sich damit auseinanderzusetzen, dass sie nicht betroffen sind und sie sich dadurch in einer privilegierten Stellung befinden, anstatt diese Zeit damit zu verbringen, einen gemeinsamen politischen Kampf zu führen. Die Herkunft dieser Forderung ist nachvollziehbar, da die meisten Frauen im Alltag ihre unterdrückte Stellung intensiv wahrnehmen und sich diese nicht von ignoranten Männern absprechen lassen wollen. Gleichzeitig führt dies leider auch dazu, dass auch Männern, die sich der Unterdrückung von Frauen bewusst sind, unterstellt wird, Unterdrücker zu sein, und diese im Umkehrschluss von diesem Kampf ausgeschlossen werden und somit viel Potential verloren geht. Der Inhalt, für den man gemeinsam eintreten könnte, wird dadurch in den Hintergrund gerückt und die Identität wird zum vorrangigen Inhalt befördert. Die Perspektive der Betroffenen zu hören und ihr einen Raum zu geben, ist sehr wichtig und wurde in der Vergangenheit auch oft außer Acht gelassen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Diskriminierung ein gesamtgesellschaftliches, strukturelles Problem ist und sich an unserer Position nichts verändern wird, wenn wir unsere Zeit mit Trauern und Mitgefühl verbringen, anstatt mit politischen Analysen und Perspektiven in die Zukunft zu schauen.

Und wofür wird hier eigentlich gekämpft? Frauenunterdrückung ist ein systematisches Problem. Sie basiert auf der Struktur des kapitalistischen Systems, sie basiert auch auf ökonomischen Problemen wie Ausbeutung, die die gesamte Gesellschaft betreffen und nicht allein auf einer falschen gesellschaftlichen Moralvorstellung. Nur gegen einzelne Personen anzugehen, trifft viel zu häufig die Falschen: Jeder von uns reproduziert ständig diskriminierende Vorstellungen. Sie umgeben uns ständig und beeinflussen uns maßgeblich. Aber wenn wir ein Klima schaffen, in dem jeder Angst hat, etwas offen zu sagen oder eine ehrliche Frage zu stellen, nur weil er nicht betroffen ist, dann lenken wir von den eigentlichen, strukturellen Problemen ab, gegen die wir so dringend ankämpfen müssen – gemeinsam und im offenen Austausch über ihre Ursachen. Nur durch diesen Austausch und offene Diskussionen ist es möglich, neue Perspektiven zu schaffen und dazuzulernen.

Repräsentation – und gut ist?

Wenn Identität über Inhalt gestellt wird, dann ist der Hauptfokus der Politik die Repräsentation. Und dann geht es weiter mit der auch weit verbreiteten Annahme, dass es reichen würde, eine Frau zu sein, um feministische Politik zu machen. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass es reichen würde, wenn Frauen in Machtpositionen sind, um Sexismus zu besiegen. Wenn Repräsentanten einer unterdrückten Gruppe Machtpositionen einnehmen, ist das aber nun mal immer noch nur so gut wie das, was sie mit ihnen machen. Es bringt uns nichts, wenn die Chefin einer Firma, die ihre Mitarbeiter schlecht bezahlt und ausbeutet, eine Frau ist. Es bringt uns nichts, wenn die Verteidigungsministerin eine Frau ist (Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU), wenn diese menschenverachtende Politik betreibt. Es bringt nichts, wenn die EU-Präsidentin, die tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt, eine Frau ist (Ursula von der Leyen, CDU), und es bringt uns auch nichts, wenn eine lesbische Frau Hetze gegen Migrant:innen betreibt (Alice Weidel, AFD).  Bei diesen Beispielen würden die meisten Menschen aus linken Kreisen mir wahrscheinlich ohne großes Zögern zustimmen. Doch bei anderen Beispielen ist oft zu beobachten, dass Politiker:innen „blind“ zugestimmt wird, auf Grund von Hautfarbe oder Herkunft. Paradebeispiel hierfür ist Kamala Harris. Als Biden/Harris die Wahl gewannen, war es überall zu sehen. Der Zuspruch, die Erleichterung, dass endlich eine schwarze Frau in der USA an der Macht zu sehen ist. In den seltensten Fällen wurde hinterfragt, ob die Politik, die sie plant zu machen, schwarzen Frauen helfen wird. Was sie faktisch nicht tut. Sie kämpfte unter anderem erfolgreich dafür, dass mehrere Transfrauen in Männergefängnissen untergebracht wurden. Als General Attorney machte sie sich mehr als einmal für gesetzliche Regelungen stark, die besonders US-Bürger:innen mit Migrationshintergrund und aus armen Familien hart treffen. Aber während sie diese Entscheidungen trifft, präsentiert sie sich klug und gewählt. Sie hat ihre Pronomen in ihrer Instagram Biografie stehen und spricht in der Öffentlichkeit über das Sexismusproblem. Aber es ist eben nur das: Präsentation. Und in diesem Fall ist diese Glorifizierung der Repräsentation nicht nur nicht zielführend, sondern gefährlich. Denn sie führt dazu, dass weniger kritisch geschaut wird, welche politischen Entscheidungen getroffen werden, die uns alle betreffen. Und warum? Wegen ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts.

Und wie sollte unser Kampf dann aussehen?

Trotz aller Diskussion haben wir ein gemeinsames Ziel. Wir wünschen uns Gleichberechtigung und wir wünschen uns, dass Rassismus, Sexismus und jegliche Art von Diskriminierung nicht geduldet werden. Und wie wollen wir das erreichen?
Durch politische Bildungsangebote in allen Klassen. Durch den Versuch, das allgemeine Verständnis zu erreichen und zu verbreiten, dass die kapitalistische Gesellschaft die Unterdrückung von Frauen benötigt, Rassismus benötigt, um zu funktionieren. Wir versuchen, einen offenen, respektvollen und gleichberechtigten Diskurs zu führen, in dem jeder gehört wird, in dem niemand Angst haben muss, eine Frage zu stellen, anstatt uns darüber Gedanken zu machen, wem wir damit auf die Füße treten. Wir versuchen die komplette Jugend, also Schüler, Auszubildende, junge Arbeiter und Studenten zu erreichen, auf einem sprachlichen und inhaltlichen Niveau, sodass niemand benachteiligt oder zurückgelassen wird.
Wir müssen sehen, dass es denjenigen, die uns spalten wollen, in die Karten spielt, wenn wir uns gegenseitig die Schuld zuweisen. Wir müssen gemeinsam gegen Diskriminierung einstehen!

Nicole Schöndorfer: “Repräsentation ist kein materielles Upgrade für Unterdrückte.”