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05/2021 Lautschrift

Abitur für jeden – aber nicht für alle

Junge Menschen, die eine Ausbildung machen. Was noch vor wenigen Jahrzehnten die Regel war, scheint heute zur Rarität zu verkommen. Während Eltern und Großeltern immer wieder gerne dazu raten, „erstmal etwas richtiges zu lernen“, wenden sich Jugendliche bereits seit einiger Zeit von dieser Auffassung ab und studieren stattdessen mehrheitlich. Eine Ausbildung tritt heutzutage nur noch der an, bei dem es nicht fürs Studium gereicht hat, oder?

Berufsausbildung – Sammelbecken für Unqualifizierte?

In der Gegenüberstellung von Ausbildung und Studium dürfte eine der ersten Assoziationen für jeden von uns der unterschiedliche Bildungsanspruch an den Lernenden sein. Während heute der numerus clausus gang und gäbe bei der Vergabe von Studienplätzen ist, wirbt die Ausbildung oft mit niedrigschwelligen Startvoraussetzungen. Da es heute weit mehr als doppelt so viele Studierende wie Auszubildende gibt, verschärft sich der Eindruck: Wer die Möglichkeit hat, studiert. Bei wem der schulische Abschluss nicht für eine akademische Karriere reicht, der muss halt eine Ausbildung machen. Doch das ist so keinesfalls richtig. Tatsächlich entscheiden sich immer mehr Jugendliche mit Fachhochschulreife oder Abitur dazu, eine Ausbildung zu beginnen. In den vergangenen 20 Jahren stieg der Anteil um über 50 Prozent, sodass heute fast jede:r fünfte Abiturient:in nach der Schule eine Berufsausbildung startet. Dieser Umstand hat einen starken Einfluss auf den Wettbewerb um die Ausbildungsplätze. Parallel dazu studieren von Jahr zu Jahr mehr Leute.

Abitur oder Prekariat

Möglich wird diese beidseitige Entwicklung dadurch, dass immer mehr junge Menschen in Deutschland die Schule mit dem Abitur verlassen. Seit Jahrzehnten gibt es diese Tendenz in Deutschland, sodass 2017 mehr als die Hälfte der 20-24-jährigen das Abitur besaß. Wie man diesen Umstand nun beurteilen mag, ist zunächst vollkommen unerheblich. Wichtig ist, was mit der „erleichterten“ Zugänglichkeit des Abiturs einhergeht bzw. was sich daraus für die Ausbildungssituation in Deutschland ergibt. Zunächst ist festzustellen, dass sich in Folge dessen auch die restlichen Schulabschlüsse hinsichtlich ihres Niveaus verändert haben. Wenn jeder zweite Jugendliche und knapp jeder dritte Azubi Abitur hat, was ist dann schon noch der mittlere Schulabschluss wert? Und dann erst der Hauptschulabschluss? Während das Abitur sich also fortschreitend zum allgemeinen Schulabschluss entwickelt, geraten junge Menschen mit Hauptschulabschluss oder mittlerer Reife immer mehr in Bedrängnis. Von den Jugendlichen ohne Schulabschluss gar nicht zu sprechen.  Für Nicht-Abiturient:innen wird es zusehends schwieriger auf dem Arbeitsmarkt, gerade wenn es darum geht, sich einen Ausbildungsplatz zu sichern. Die Schwemme an Abiturient:innen, die eben auch in die Ausbildungsberufe schwappt, verdrängt also zusehends alles Übrige und nimmt sukzessive auch denen eine berufliche Perspektive, die schon in unserem Bildungssystem die schlechteren Karten hatten. Und da dies in Deutschland maßgeblich mit der finanziellen Situation des Elternhauses verknüpft ist, trägt das nur zu einer immer tieferen sozialen Kluft bei.

Fachkräftemangel, Ausbildungsmangel und wie der Markt das regelt

Ist man sich der Tatsache bewusst, dass unser Bildungssystem eine erhebliche Menge junger Menschen produziert, deren schulische Vorbildung aus Sicht der Wirtschaft nicht ausreicht, um für eine Ausbildung in Frage zu kommen, so vermag man auch zu verstehen, wo das ewige Betrauern des Fachkräftemangels  von Lobbyisten/ Politikern herrührt. Es erklärt auch, wie es gleichzeitig sein kann, dass ein beträchtlicher Teil junger Menschen vergeblich auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist. Tatsächlich gab es im Jahr 2019 beinahe exakt so viele Auszubildende in Deutschland wie junge Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung im Alter zwischen 20 und 29 Jahren, nämlich 1,3 Millionen. Der „Fachkräftemangel“ ist also nicht mehr als eine Verdrehung der Tatsachen, dessen Ursachen ausnahmslos hausgemacht sind. Anstatt diese aufzudecken und zum Beispiel durch eine chancengerechte Bildungspolitik zu bekämpfen, nutzen Wirtschaft und Politik diesen Umstand lieber zur Rechtfertigung eines neoliberalen Politikstils. Und um den Rest, der den Ansprüchen einer zukünftigen Fachkraft unserer Wirtschaft nicht genügt, aufzufangen und am Ende vielleicht doch wieder dem Arbeitsmarkt zuzuführen, greift der deutsche Staat auf ein Übergangssystem zurück. Hier sollen junge Menschen mit „ungenügender“ Schulbildung anschlussfähig für die Wirtschaft gemacht werden. Da dieses System aber nicht im Stande ist, junge Menschen tatsächlich berufsqualifizierend weiterzubilden, bezeichnen Experten es auch als sinnlose Warteschleife oder „Sammelbecken für Schulverlierer“ und befürchten, dass in wenigen Jahren mehr Jugendliche in diesem System feststecken, als es Auszubildende geben wird. Begleitet von der Tatsache, dass der schulische Erfolg in Deutschland maßgeblich von der ökonomischen Situation des Elternhauses abhängt, verschärfen sich Ungerechtigkeit und soziale Frage immer stärker.

Die Prekarisierung der Jugend nimmt also Formen an, die typisch für die Wirtschaftskrisen des Kapitalismus sind. Ein Glück, dass der Markt das regelt.