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Rosa Luxemburg & Karl Liebknecht -WARUM UNSERE TOTEN UNS MAHNEN

Die Novemberrevolution ist eine der, wenn nicht die turbulenteste Zeit in der Geschichte Deutschlands. Eine Zeit, in der die Zukunft völlig ungewiss und die sozialistische Revolution verheißungsvoll nah war. Selten wurde der Kampf um die politische Weichenstellung so offen ausgetragen. Aus diesem Grund lohnt es bei diesem Abschnitt der Geschichte genauer hinzusehen, zutage tretende Zusammenhänge aufzuzeigen und dadurch wertvolle Rückschlüsse für die Gegenwart zu ziehen.

Durch die parallele Ausrufung der „deutschen“ und der „sozialistischen Republik“ zwei Tage vor Kriegsende wurde der politische Streit um die Zukunft Deutschlands zu einem handfesten Kampf. Der Konflikt entfachte zwischen der revolutionären und der bürgerlichen Sozialdemokratie. Dieses Zerwürfnis offenbarte sich bereits während des Ersten Weltkrieges, wobei die Unterstützung für diesen durch die SPD (zum Beispiel durch Zustimmung zu den Kriegskrediten und die Burgfriedenpolitik) Gegenstand der Streitigkeiten waren, welche letztlich zur Spaltung der SPD in MSPD und USPD führten. Maßgeblich vorangebracht durch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht entstand in dieser Zeit der Spartakusbund, welcher durch das Hochhalten der revolutionär-sozialistischen Ideale einen konsequenten Antiimperialismus und Antikapitalismus zu seinen Grundprinzipien zählte. Damit standen die Spartakisten den bürgerlichen Auswüchsen der Sozialdemokratie gegenüber, welche sich durch Burgfriedenpolitik, Stinnes-Legien-Abkommen und Ebert-Groener-Pakt vollends als arbeiterfeindliche Antirevolutionäre entpuppten. Beide Gruppen versuchten eine Antwort auf die Frage zu geben, welche Richtung ein zukünftiger deutscher Staat, nach dem Ende des Krieges und nach Abschaffung der Monarchie, einschlagen würde. Einen blutigen Höhepunkt erlangte diese Auseinandersetzung mit der rücksichtlosen Niederschlagung des Spartakusaufstandes in Berlin im Frühjahr 1919. Dieser Aufstand entstand aufgrund der Entlassung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn. Eichhorn weigerte sich während der sogenannten Weihnachtsunruhen von 1918, einen Schießbefehl gegen die Volksmarinedivision zu erteilen und wurde anschließend auf Initiative von Friedrich Ebert entlassen. Eichhorn war Mitglied der USPD, welcher sich auch der Spartakusbund angeschlossen hatte. Infolge dessen kam es zum Generalstreik und zu bewaffneten Kämpfen. Um der Lage Herr zu werden, beauftragte die MSPD-geführte, provisorische Reichsregierung selbst geschaffene, faschistische Freikorps, um den Aufstand mit Waffengewalt zu beenden. Dabei kam es am 15. Januar 1919 zu der Verschleppung, Misshandlung und Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch eben jene MSPD-geleiteten Truppen. Die Erschießung geschah mit ausdrücklichem Einverständnis des MSPDlers Gustav Noske. Mit dem Tod der beiden Schlüsselpersonen Luxemburg und Liebknecht erfuhr die revolutionäre Bewegung eine enorme Schwächung. Trotz Repressalien und gewaltiger Militärpräsenz nahmen über einhunderttausend Menschen an der Beisetzung Karl Liebknechts und 31 weiterer Opfer des Aufstandes teil. Rosa Luxemburgs Leiche wurde nach ihrer Ermordung in den Landwehrkanal in Berlin geworfen, wodurch diese erst Ende Mai geborgen und Mitte Juni beigesetzt wurde. Gewissheit über ihren Tod herrschte jedoch von Anfang an, weswegen sie zusammen mit Liebknecht symbolisch beigesetzt wurde. Die beiden Morde hatten wiederum starke Unruhen in ganz Deutschland zur Folge, die teilweise bürgerkriegsähnliche Dimensionen annahmen und ebenfalls tausende Tote forderten. Im Verlauf das Jahres 1919 wurden noch zwei weitere Gründungsmitglieder des Spartakusbundes, Franz Mehring und Leo Jogiches, ermordet.

Der Tod und die Umstände der Ermordung dieser zwei bedeutsamen Persönlichkeiten machen sichtbar, welch hemmungsloser und offener Gewalt eine radikale, revolutionäre Opposition ausgesetzt ist, sobald sie gegen Krieg, Ausbeutung und Faschismus rüttelt. Auch die Verstrickungen zwischen Sozialdemokratie, Kapital und Faschismus sollten uns ein mahnendes Beispiel dafür sein, zu welchen Mitteln die Machthabenden greifen, wenn sie ihre Position bedroht sehen. Gewalt ist dabei elementar und keines Wegs das äußerste Mittel. Gewalt ist Teil des politischen Kampfes. Und das nicht, weil Gewalt ein favorisiertes Mittel sozialistischer Opposition ist, sondern weil das System diese Gewalt auf die Karte setzt und an jeden heranträgt, der unter revolutionären Gesichtspunkten einen gesellschaftlichen und systematischen Wandel anstrebt. Jedes Jahr erinnern sich Revolutionäre, Sozialisten, Kriegsgegner und Antifaschisten auf der ganzen Welt an die Ermordung Liebknechts und Luxemburgs. Es ist ein Gedenken daran, wie wichtig Prinzipientreue und konsequente Analyse der Bedingungen ist. Wie wichtig aufrichtiger Antimilitarismus, Antikapitalismus und Antiimperialismus sind. Und wie wichtig die Befreiung des Proletariats – „der ungeheuren Mehrzahl der Gesellschaft“ – ist und dass diese das oberste Ziel ist. Ein Gedenken an zwei verdienstreiche Vordenker der revolutionären Bewegung, deren Verlust bis heute nachhallt und uns mahnend aufzeigt, dass Klassenkampf Realität ist.