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01/2021

Musikalische Gegengewalt

Vielen ist Rage against the Machine (RATM) ein Begriff. Wer einmal in die Musiklandschaft der 1990er Jahre getaucht ist, ist früher oder später auf diese Crossover-Band aus Kalifornien gestoßen. Ihr gleichnamiges erstes Studioalbum aus dem Jahr 1992 ist ein musikalischer Meilenstein. Ob die mit Wut bis zum Anschlag rappende Stimme des Frontmanns Zach de la Rocha oder der mit allen möglichen Effekten gezeichnete Klang von Tom Morellos Gitarre: Dieses Crossover-Album als Zusammenfassung von genialen und detailreichen Tracks war ein Sprung in eine neue Musik. Crossover meint dabei eine Mischung aus Musikgenres, die man kaum für kompatibel halten würde oder deren Mixtur man zuvor noch nicht erprobt hat. RATM treibt es da bis auf die Spitze der Musikchemie. Funk, Blues Rock, Metal und Rap mit einer gehörigen Portion dissonanter Klänge und Sozialkritik.

Doch neu war das Ganze nicht. Ein großes Vorbild RATMs hat das schon in den 1980ern vorgemacht. Public Enemy als Conscious Rap-Gruppe waren Revoluzzer der damaligen Musiklandschaft. Alles wurde von ihnen gesampelt. Schräge piepsende Signale oder rockige Gitarrenriffs. Auf den Instrumentals hat dann die Baritonstimme von Chuck D den Kampf gegen das rassistische und ausbeuterische US-System angesagt. RATM führte dieses Erbe weiter und hob es auf eine neue Stufe.

Mit der Wut gegen die Maschine ist metaphorisch die Wut gegen unser gesellschaftliches System gemeint. Die Wut drückt RATM auch unverhohlen in Form einer musikalischen und inhaltlichen Kritik aus. Wenn de la Rocha in Bullet in the Head von Verdummung und Abstumpfung der Menschen zu Konsumsklaven rappt, ahmt Morello akustisch einen Roboter nach, der sich in einem dauerhaften Brainfuck befindet. Am Ende wütet die Band orchesterartig mit der Zeile “You gotta a bullet in your head”, wie ein Aufruf, sich endlich zu wehren und den jetzigen gesellschaftlichen Zustand nicht still zu akzeptieren.

Der berühmteste Track auf dem Debütalbum ist nicht zuletzt Killing in the Name. Eine Kampfansage gegen rassistische Polizeigewalt als strukturelles Problem. Der Track gipfelt in dem Ausspruch des la Rocha’s “Fuck you I won’t do what you tell me”. Klingt vielleicht nach dem ersten Hören etwas trotzig. Aber Tom Morello weist darauf hin, dass diese Zeile als Verweigerungshaltung eines Schwarzen gegenüber einem Polizisten während einer rassistischen Kontrolle ein erster Befreiungsakt ist. Musikalisch wirkt die Line mit dem funkigen Hendrix-Akkord im Hintergrund zusätzlich elektrisierend.

RATM schafft es, eine Gegenkultur zu artikulieren. Inhaltlich nehmen sie unser Gesellschaftssystem in so gut wie jeder Textzeile auseinander, verweisen auf die Doppelmoral der US-amerikanischen Außenpolitik und der bürgerlichen Gesellschaft generell, rufen nicht nur zur Verweigerung, sondern auch zur Aktion auf. Ihre Musik ist dabei nicht irgendein Kanal, den sie zur Untermalung oder Vereinfachung ihrer Gedanken und Sichtweisen verwenden. Darin liegt die hohe Kunst dieser alternden vier Kampfgefährten. Die Musik — Gitarre, Bass, Schlagzeug, Effektgeräte, Zusammenspiel, Stimmfarbe, Rhythmus, Harmonie — steht mit dem Text auf Augenhöhe. Text und Musik diskutieren, verstärken gegenseitig ihre Aussagen und sprechen jeweils den Teil der Wahrheit, den ihr Gegenpart alleine nie kundtun könnte. Diese Wechselwirkung zwischen Text und Musik und die hohe Bedeutung, die ein Artist jedem Ton und jedem Wort in seinen Songs zuspricht, ist nur selten im Mainstream, in der populären Musik generell, anzutreffen.

Die Bedeutung der Musik von RATM kommt noch in einem weiteren Sinn zur Geltung. Hört man sich ein paar RATM-Songs nacheinander an, spürt man die Wut, die in einem hochkocht. Es ist eine Wut, die wir alle alltäglich in uns tragen, deren Herkunft uns oft verborgen bleibt oder wir oft in belanglosen Alltagserscheinungen zu finden glauben. Die Wut scheint etwas Bleibendes zu sein. Während wir Kunst — allen voran Musik — als Befriedigung und Ablenkung, als Illusion einer schöneren Welt betrachten, tut RATM genau das Gegenteil. Diese Band schafft es immer wieder, dieses Ideal als Illusion zu zerbrechen und ein unschönes Gefühl bei den Zuhörenden zu hinterlassen. Dieses Gefühl ist jedoch mit Mut und Motivation gepaart. Die Wut wird plötzlich etwas Konstruktives und erhält ihren Grund und ihr Ziel.

RATM ist ein Paradebeispiel einer Musik der Gegenkultur, die noch dazu in viele Ohren Zugang fand und immer noch findet. Sie beantwortet die tägliche gesellschaftliche Gewalt mit musikalischer Gegengewalt und ruft dazu auf, die Wut als kreatives Instrument einzusetzen. Da RATM seit letztem Jahr wiedervereint ist, wird Gegenkultur auch weiterhin diese bedeutende Unterstützerin als Band haben. Möge der musikalische Kampf fortgesetzt werden!

-Taylan