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03/2020 Lautschrift

VIVA LA BERNIE

Der Hof in der Bernstorffstraße 117 hat mittlerweile stadtweite Bekanntheit erlangt. Seitdem er 2017 verkauft wurde setzen die Bewohner alles daran, dort bleiben zu können – und wurden zum Symbol für Widerstand gegen den Ausverkauf der Stadt! Im Interview erzählt uns Ralf Gauger, der seit Jahrzehnten auf dem Hof arbeitet, wie der Kampf bisher aussah und was die Perspektiven sind.

Wer wohnt & arbeitet auf dem Hof in der Bernstorffstraße und wie ist die Geschichte des Hofes?

Auf dem Hof sind 110 Leute, Angestellte, Arbeiter und Wohnende und der Mix ist ungefähr ein Drittel Wohnende, ein Drittel Handwerker und ein Drittel Künstler. Der Hof war früher der Unterstand für die Pferde, die damals die Straßenbahn gezogen haben, deswegen sind auch alle Böden schief, weil die Pferde ja auch ab und zu mal mussten. Zwischendurch war das dann mal ein Lager, kurz eine Zwischenunterkunft für die Opfer von der Flutkatastrophe Ende der 60er Jahre und seitdem eigentlich Lager – bis wir jetzt verkauft worden sind am 1. Juli vor zweieinhalb Jahren. Bis dahin war der Vermieter ein Typ, der das mal für 270.000 DM gekauft hat und dem war eigentlich alles egal, solange die Miete bezahlt wurde war alles okay, deswegen konnten wir uns da völlig frei entwickeln. Wir konnten tun und lassen, was wir wollten. Das war super, deswegen hat sich der Hof so gut gemacht. Da entwickelt sich die ganze Kreativität, wenn du tun und lassen kannst was du willst. Das sind die Orte von Hamburg, die man braucht, um so eine Kreativität auch loslassen zu können.

Wie schätzt du die Bedeutung des Hofes für die Straße und die ganze Nachbarschaft ein?

Dadurch, dass wir viel Handwerk da haben und fast jeden in der Straße kennen, der mal zu uns kommt um sich ein Auto reparieren zu lassen, zum Heilpraktiker oder zum Tischler zu gehen, sind wir natürlich weit vernetzt. Und jetzt, durch die Auseinandersetzung, hat das noch mal eine neue Dimension gefunden, weil wir ein Beispiel sind von so dermaßen vielen in den großen Städten, wo Investoren A und B kommen und plötzlich ist alles anders: Miete höher, Leute raus, Gruppe kaputt. Das ist ja das Schicksal, was uns geblüht hat. Nun haben wir es ja aber auch positiv umdrehen können, weil wir als Gruppe zusammengewachsen sind und es geschafft haben durch eine breite Öffentlichkeit in Verhandlung zu kommen. Dabei muss man immer sagen, dass unsere juristische Ausgangslage eigentlich aussichtslos war. Von so einer Lage darf man nicht in die Frustration kommen, was ja die meisten Mieter machen, die sich nicht organisieren. Die ziehen vielleicht schon aus bevor was passiert, wenn sie in so eine Lage kommen, weil sie einfach den Druck nicht aushalten. Das haben wir umgewandelt in Organisierung, wir haben erstmal als Gruppe geguckt: was können wir denn machen? Also politisch und gesellschaftlich gesehen, weil wenn du juristisch schlecht dastehst musst du eben Weg B oder C beschreiten. Und ich glaube, dass das mittlerweile nicht nur in der Gegend sondern in der ganzen Stadt ziemlich große Aufmerksamkeit gefunden hat, weil wir in einer Situation sind, in der ganz viele sind, und weil wir uns wehren.

Wie habt ihr von dem Verkauf überhaupt erfahren?

Das ist jetzt der Fehler, wo ich jeder Wohngruppe empfehlen würde, ihn nicht zu machen. Wir haben uns viel zu spät als Gruppe zusammengefunden und gesagt: das kann immer so weitergehen. Wir sind viel zu spät auf den Vermieter zugegangen und haben gesagt: du, wir sind hier ne Gruppe und wir wollen den Hof kaufen. Das ist immer so eine Sache, meistens organisieren sich Leute immer dann, wenn es zu spät ist. Und das war in unserem Fall auch so. Wir haben davon mitgekriegt, weil immer mehr Leute in Anzügen und mit Storyboards bei uns im Hof rumliefen. Dann habe ich mal den Eigentümer angerufen und gefragt, ob er verkaufen will, und erst dann hat er gesagt, dass er sich mit dem Gedanken beschäftigt. Das war aber schon zu spät. Ich habe in zwei Mal angerufen und ganz klar gesagt, dass wir den Hof auch kaufen wollen, und je konkreter ich geworden bin, desto ausweichender wurde er. Und nach einem Monat kam dann auch schon der Brief, dass der Verkauf schon vorbei ist.

Und was gibt es jetzt für Möglichkeiten – Rückkauf?

Unser Wunsch ist eigentlich, dass die Investoren abhauen und wir zurückkaufen können. Enteignen können wir nicht, aber wir wollen sagen: die Investoren haben sich hier an der Tür geirrt! Wir sind hier schon ne Gruppe, wir sind seit 35 Jahren hier, wir brauchen niemanden, der hier aus Berlin mit seinen Millionen herkommt! Die können wieder gehen und die Tür hinter sich zumachen. Dafür haben wir denen ja eine Million Euro mehr geboten, als sie bezahlt haben. Wir fanden das eigentlich immer sehr fair, eine Million Euro für nichts tun, auch wenn du die Steuern abziehst ist das viel Geld. Leider sind das Immobilienprofis, die es gewohnt sind, solche Projekte immer mit dem Maximumgewinn zu verlassen. Das heißt das Angebot war ihnen einfach zu wenig. Trotzdem sind wir weiter in Verhandlung, obwohl das am Anfang anders aussah. Die erste Aktion, die von denen kam, war ne Mieterhöhung, diejenige, bei denen die Verträge ausgelaufen sind wurde eine maximale Verlängerung von zwei Jahren angeboten. Außerdem haben sie Leute in Frage gestellt, die da wohnen, obwohl es eigentlich Gewerbefläche ist – das hat sich aber nun mal über die Jahre so entwickelt. Diese drei Angriffe, ich sage mal das übliche, liefen. In dem Moment aber, wo wir stark in die Öffentlichkeit gegangen sind und gesagt haben: wir werden euch demnächst namentlich in die Öffentlichkeit stellen, in dem Moment sind sie mit uns in Verhandlung getreten. Das ist nämlich das, was Investoren gar nicht mögen, wenn sie in die Öffentlichkeit gebracht werden mit ihren Finanzkram, weil sie ja eigentlich auch kein Argument haben, das sie der Gesellschaft vortragen können. Ihr Argument ist ja eigentlich nur, mehr Geld haben zu wollen, und unser Argument ist ja immer, Leben und Arbeiten sind Grundbedürfnisse, die sind anders zu behandeln als irgendeine Ware. Wohnen ist das größte Grundbedürfnis neben medizinischer Versorgung! Deswegen kann man nicht einfach sagen: wir kaufen da so einen Hof und holen da den maximalen Profit raus. Dazwischen stehen noch Menschen, und deswegen ist das was anderes als wenn du zum Beispiel ein Auto verkaufst.

Du hast es ja schon gesagt, ihr habt viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht und auch ein Sommerfest, das sehr gut besucht war. Vielleicht magst du davon ja mal erzählen: wie sah der Kampf bisher aus, was habt ihr sonst so gemacht?

Wir hatten drei Phasen. Die erste war, dass wir auf uns aufmerksam gemacht haben. Glücklicherweise haben wir viele Prominente auf dem Hof: die Fetten Brote, Rocko Schamoni, Fatih Akin lässt seine Filme da ein bisschen bearbeiten. Ich weiß nicht, wie viele Filme da schon gedreht worden sind, aber der Hof ist eben relativ bekannt bei kreativen Leuten. Das war Glück für uns, dadurch haben wir natürlich auch mehr Aufmerksamkeit bekommen und damit auch gespielt: wenn du einen politischen Inhalt rüberbringen willst, hören das 100 Leute, wenn Fatih Akin das sagt, interessiert das 50.000 Leute. Die Hauptsache war es für uns, dass wir es schaffen, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen und der Hamburger Gesellschaft zu zeigen, was hier passiert und dass wir nicht gewillt sind, wegzuziehen. Das war die erste Phase, die zweite Phase war dann, dass wir ganz konkret wurden. Wir haben uns überall blicken lassen, in der Lokalpolitik, in vielen Gruppen, selbst bei der Handwerkskammer. Wir sind ja Mitglieder der Handwerkskammer als Baubetrieb, die haben uns auch geholfen, weil das für die mittlerweile auch ein Thema ist: die Verdärngung des Handwerks aus der Innenstadt. Wir haben auch ganz viel im Bezirksamt gesprochen, haben witzigerweise die Unterstützung von den Lokalgruppen der CDU und der FDP, aber auch von der SPD und den Grünen, und von der Linken sowieso. Wir haben einfach mit allen gesprochen. Die Situation hat sich ja auch ein bisschen verändert: vor 35 Jahren musstest du ein Haus besetzen und dann gab es gleich eine Straßenschlacht, heute hast du Leute in der Stadt die zuhören und auch wissen, dass wir wichtig sind für die Stadt. Dass wir eine Kreativität schaffen, die diese Viertel überhaupt erst so interessant gemacht hat. Investoren haben ja nie einen Beitrag geleistet für die Attraktivität unserer Innenstadt, die kommen ja immer nur daher und schöpfen ab. Und das wissen auch ein paar Lokalpolitiker, aber einige muss man natürlich öfters mal daran erinnern. Das war auf jeden Fall die zweite Phase: uns so breit aufzustellen wie möglich. Wir reden einfach mit jedem, außer natürlich mit Rechtsradikalen, wir nehmen jeden mit ins Boot und schließen auch niemanden aus, keine Gruppe, keine Aktionsform, wir arbeiten zusammen uns sagen: wir wollen gesellschaftlich gefälligst anerkannt haben, dass das Recht auf Wohnen und sicheres Wohnen mehr wiegt als das Recht Rendite zu machen! Und die dritte Phase war dann, dass wir ein Angebot gemacht haben, um den Hof zurück zu kaufen. Da gibt es ja mehrere Möglichkeiten, wir hätten auch besetzen können, aber das ist schwierig, weil alle unsere Firmen da sind – wir sind leicht angreifbar. Also haben wir eine Finanzierung auf die Beine gestellt, innerhalb von drei Monaten, 7 Millionen Euro, mit Nebenkosten wären das 8,2 Millionen. Das haben wir hinbekommen über die Umweltbank, es gibt ja die Umweltbank und die GLS Bank, die zumindest inhaltlich auf unserer Seite sind, und durch Kredite von Freunden, politischen Freunden, Genossen und so weiter. Als wir das geschafft haben haben wir direkt eine riesige Party gemacht unter der Überschrift „7 Millionen – das Geld ist im Sack“. Das war ne schöne Party mit Samy Deluxe, Jan Delay, den Fetten Broten, D-Flame und so weiter. Wir haben das versucht so fett wie möglich zu machen, mit Live-Stream auf Facebook und Drohnen. Und das ist jetzt so der Stand, wir sind weiter in Verhandlung, das zieht sich aber jetzt seit anderthalb Jahren hin und ist sehr zähflüssig. Durch die Öffentlichkeitsarbeit hat der Gegner aber bis jetzt alle juristischen Angriffe eingestellt, das ist natürlich schon mal positiv.

Vielen Dank an Ralf Gauger für das Interview!

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Das Interview führte Hanna / Aus der Lautschrift 3/2020 – Wem gehört die Stadt?