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09/2020 Lautschrift

Überproduktionskrisen und woher der Wert kommt

Wir befinden uns momentan in einer Wirtschaftskrise. Der Ursprung der sogenannten Corona-Krise soll in der Pandemie liegen, so wie beispielsweise die Krise 2008 aus dem Immobilien- und Finanzmarkt entstanden sein soll. In diesem Artikel möchten wir zeigen, warum der Ursprung von Wirtschaftskrisen tatsächlich in der Natur des bestehenden Wirtschaftssystems liegt, warum diese Krisen als Überproduktionskrisen aufzufassen sind und warum sie notwendig aus dem Kapitalismus hervorgehen.

Was ist eine Überproduktionskrise?

Wichtig bei Überproduktionskrisen ist, dass nicht immer tatsächlich zu viel produziert wird – es kann beispielsweise eine Überproduktion an Lebensmitteln stattfinden während tausende Menschen auf der Welt Hunger leiden. Bei einer Überproduktionskrise wird nicht in Bezug auf die Bedürfnisse der Menschen, sondern nur in Bezug auf die kaufkräftige Nachfrage, zu viel produziert. Es wird also nicht mehr produziert als konsumiert werden kann, sondern mehr als gekauft werden kann. Um die Herkunft dieser Krisen zu klären, müssen also zwei Fragen beantwortet werden: Warum wird im Kapitalismus immer mehr und mehr produziert? Woher kommt dieser Drang nach Expansion? Und zweitens, warum steigt mit der Expansion nicht auch die kaufkräftige Nachfrage?

Woher kommen diese Krisen? Die Grundlagen unserer Wirtschaft

Um Wirtschaftskrisen zu verstehen, müssen wir auch die Grundlagen unseres Wirtschaftssystems begreifen. Im Kapitalismus beruht die Wirtschaft hauptsächlich auf der Warenproduktion, also werden Produkte hergestellt, die in erster Linie zum Verkauf gedacht sind. Beginnen wir deswegen damit, wie der Wert von Waren überhaupt entsteht: Der Wert einer Ware definiert sich über die gesellschaftlich durchschnittlich benötigte Arbeitszeit. Je mehr Aufwand aufgebracht werden muss, um die Ware zu produzieren, desto mehr ist sie auch wert. Der Preis der Ware schwankt um ihren Wert. Er wird durch Marktdynamiken wie Angebot und Nachfrage bestimmt, verhält sich jedoch nie losgelöst vom Wert.

Menschliche Arbeitskraft schafft also Wert. Um die Arbeitskraft wiederherzustellen, also einen Menschen am Leben zu halten, benötigt es weniger Arbeit als von diesem Menschen dann geleistet werden kann. Um Wert für seinen Lebensunterhalt zu produzieren, braucht der Arbeitende nicht seine ganze Arbeitskraft, daher produziert er über seine bezahlte Arbeitszeit hinaus einen Mehrwert für den Kapitalisten. Der Kapitalist besitzt die Produktionsmittel, also Maschinen und Werkzeuge, und kann damit diesen Mehrwert, der von dem Arbeitenden geschaffen wird, abschöpfen. Das reine Abschöpfen des Mehrwerts ist notwendig, um zum Beispiel den Handel, Transport oder organisatorische Tätigkeiten zu finanzieren, bei denen kein Mehrwert entsteht. Doch weil der abgeschöpfte Mehrwert nicht im Sinne des Arbeitenden verwendet wird, nicht gesellschaftlich, sondern vom Kapitalisten verwendet wird, um sein eigenes Kapital zu vermehren, wird das Aneignen des Mehrwerts Ausbeutung genannt. Kapital ist der Begriff für Geld, das dafür gebraucht wird, einen Mehrwert abzuschöpfen – also Geld, welches nicht einfach so herumliegt, sondern investiert wird, um Profit zu erwirtschaften.

Der Kapitalist muss dafür in zwei Bereiche investieren. Einerseits hat er konstante Ausgaben für Rohstoffe und Maschinen. Diese kauft er von anderen Produzent*innen und ihr Wert überträgt sich direkt auf das Produkt. Im Preis des Produkts kann der Kapitalist den gesamten Preis der verwendeten Rohstoffe verlangen und über die Laufzeit der Maschinen kann er auch ihren Preis aus den verkauften Produkten zurückgewinnen. Die Rohstoffe übertragen ihren Wert sofort an die Ware, die benötigten Maschinen Schritt für Schritt, über ihre Laufzeit verteilt. Andererseits investiert der Kapitalist auch in Arbeitslohn. Im Gegensatz zu den konstanten Ausgaben für Rohstoffe und Maschinen ist dieser Kostenfaktor variabel – der Kapitalist kann den Arbeitenden schlechter oder besser bezahlen. Die Obergrenze für den Arbeitslohn ist die Entlohnung für den tatsächlich geschaffenen Wert, doch um einen Mehrwert abzuschöpfen, wird der Kapitalist dem Arbeitenden stets weniger auszahlen. Für Maschinen hingegen muss der Kapitalist für ihre volle Produktivität aufkommen.

Neben diesen beiden Ausgaben schafft der Arbeitende im Produktionsprozess also noch einen dritten Wert – den Mehrwert. Denn das Produkt kostet am Ende mehr als nur die Rohstoffe, Maschinen und der Arbeitslohn zusammengerechnet. Sein Wert hat sich gesteigert, weil der Arbeitende durch seine Arbeit einen Mehrwert geschaffen hat. Der Kapitalist erhält also einen Wert, der höher ist als der, den er investiert hat – er macht Profit. Diesen Profit macht er aber nur, wenn er auch alle Waren verkauft – also wenn er den gesamten Wert realisiert. Mit diesem Profit kann er beim nächsten Mal mehr investieren.

Die Profitrate einer Produktion ist das Verhältnis des Gewinnes, den der Kapitalist macht, entsprechend dem Mehrwert, zu seinen Investitionen.

Die Profitrate ist von zwei Faktoren abhängig. Zum einen von der Mehrwertsrate, die besagt, wie viel Mehrwert in Verhältnis zum Arbeitslohn abgeschöpft wird. Sie ist dadurch auch ein Gradmesser der Ausbeutung, je höher die Mehrwertrate, desto weniger wird der Arbeitende dafür bezahlt, was er tatsächlich schafft. Zum anderen ist das Verhältnis von dem Geld, welches in Maschinen und Rohstoffe investiert wird zu dem, was in Arbeitslohn investiert wird, entscheidend. Je mehr Kapital in Maschinen fließt, aus denen kein Mehrwert geschlagen werden kann, desto weniger Mehrwert kann abgeschöpft werden, da nur Arbeit Mehrwert schafft. Warum kann aus Maschinen kein Mehrwert geschlagen werden? Wert definiert sich, wie oben genannt, aus der gesellschaftlich durchschnittlich benötigten Arbeitszeit. Wert ist etwas, das sich aus menschlicher Arbeit bildet. Die Maschinen, gedacht als Werkzeuge, erlauben es dem Arbeitende nur, mehr Mehrwert zu schaffen als andere Arbeitende, einen sogenannten Extramehrwert. Der Kapitalist kann also, solange er die neuesten und besten Maschinen hat, besser und schneller und somit günstiger produzieren als andere – dies aber nur, bis andere Produzent*innen nachgezogen sind und dieselben Maschinen besitzen. Heutzutage erlauben Monopolstellungen einzelnen Betrieben, diesen Extramehrwert für längere Zeit zu halten, weil sie die am weitesten entwickelte Technik beanspruchen können.

Diese Gesetzmäßig-keiten des Kapitalismus sind Grundgesetze, die heutzutage von neuartigen Dynamiken, zum Beispiel die des Finanzmarktes, verdeckt werden. Doch sie wirken nach wie vor. Losgelöst betrachtet wirken diese Mechanismen, ohne dass sie uns als schlecht oder zerstörerisch vorkommen, doch aus ihnen lässt sich die Notwendigkeit einer Krise logisch herleiten. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse lassen sich die beiden Fragen des Anfangs beantworten.

Der Zwang zur Expansion

Der Zwang zur Expansion ergibt sich aus dem Konkurrenzkampf zwischen den Kapitalisten am Markt. Wenn andere Betriebe ihre Produktivkräfte, also ihre Maschinen und die Produktivität ihrer Arbeiter, weiterentwickeln, können sie schneller und effektiver Produkte herstellen. Dadurch sinkt der Produktionspreis der Ware, der Wert der Ware. Die Ware kann am Markt nicht mehr für den gleichen Preis realisiert werden, jeder Betrieb muss seine Produkte günstiger anbieten.

Eine Expansion macht also nur Sinn, wenn man dadurch günstiger als andere produzieren kann. Mit dieser Expansion wächst der Anteil der Investitionen in Maschinen und Technik. Wer günstiger produzieren möchte, wird niemals neue Angestellte suchen, ohne vorher neue Maschinen zu kaufen. Viel eher wird man Angestellten kündigen oder den bestehenden Angestellten mehr Maschinen zum Betreiben geben. Mit dieser Erhöhung vom konstanten Kapital im Verhältnis zum Variablen geht, ein Sinken der Profitrate einher. Und wer seine Profitmasse aufrechterhalten will, sich aber einer sinkenden Profitrate ausgesetzt sieht, wird die Erhöhung der Produktmasse als einzigen Ausweg sehen. Wenn man aus einem einzigen Produkt nur noch halb so viel Gewinn schlagen kann wie vorher, produziert man eben doppelt so viel.

Die Verarmung der Arbeitenden

Wieso endet diese Expansion aber in der Überproduktion? Wäre es nicht auch vorstellbar, dass einfach weiter expandiert wird und der Wohlstand aller Menschen zunimmt?

Wie wir gesehen haben versuchen Kapitalisten der fallenden Profitrate entgegenzuwirken, indem sie mehr herstellen. Dass kann durch den Kauf von weiteren Produktionsmitteln passieren, die es dem einzelnen Arbeitenden erlauben, mehr in weniger Zeit zu produzieren. Aber wie wir gesehen haben sinkt dadurch die Profitrate eher, als dass sie steigt. Der Kauf von Produktionsmitteln kann kurzzeitig die Profitmasse erhöhen oder einen Marktvorteil bringen, eine Erhöhung der Profitrate geht damit nicht einher.

Deswegen versuchen viele Kapitalisten, eher an anderen Stellschrauben zu drehen. Dass heißt ganz konkret an dem Verhältnis von Lohn zu Produktivität der Arbeiter, von bezahlter Arbeit zu tatsächlich geleisteter Arbeit. Der Kapitalist will den Mehrwert im Vergleich zum Arbeitslohn erhöhen. Das geht zum Beispiel durch Arbeitsintensivierung, Lohnkürzungen, Arbeitszeitverlängerung oder unbezahlte Überstunden, also einfach mehr Arbeit oder weniger Lohn. Bei all diesen Maßnahmen ist aber die Folge, dass die Arbeiterklasse als Ganzes zwar mehr produzieren, aber denselben oder weniger Lohn bekommen, die Ausbeutung verschärft sich.

Gleichzeitig kündigt das Unternehmen Angestellten, die durch effektivere Maschinen nicht mehr von Nutzen für ihn sind. Die allgemeine Nachfrage an Arbeitskraft sinkt, während jedoch das Angebot mit wachsender Bevölkerung steigt. Arbeitslosigkeit steigt tendenziell, gleichzeitig intensiviert sich die Arbeit für die Arbeitenden.

Weil aber die Arbeitenden auch die Konsumenten der Waren sind, die sie selber herstellen, fehlt auf einmal dass Geld, um diese Waren zu kaufen. Die Arbeitenden werden ja nicht besser bezahlt, nur weil sie mehr produzieren. Der Kapitalismus kommt in eine Überproduktionskrise. In Reaktion auf die verringerte Nachfrage werden Taktiken zur Profitsteigerung noch verschärft, da es für jedes einzelne Unternehmen von Vorteil ist. In der Gesamtheit aber verschärft sich dadurch die Krise nur weiter und die ersten Unternehmen gehen pleite, weil sie von der fortschreitenden Technik abgehängt werden.

Der Kapitalist wird zur Expansion gezwungen, jedoch verarmt der Arbeitende und dadurch kommt es zur Krise.

Die Verschleierung

Grundlegend funktionieren so die meisten kapitalistischen Krisen. Wenn man aber bürgerliche Meinungen, beispielsweise zu der Finanzkrise 2008, einholt, werden einem andere Geschichten erzählt. Einzelne Banken hätten sich schlicht verzockt, wird einem dann gerne erklärt. Um darauf zu antworten müssen wir ein bisschen ausholen.

Der Kapitalismus kann einer Krise auf verschiedenen Wegen versuchen entgegenzuwirken. Auf der einen Seite kann er versuchen, international neue Absatzmärkte für seine Produkte finden oder im Ausland Rohstoffe oder billige Arbeitskräfte erobern. Er kann Teile des menschlichen Lebens, die bisher von der Wirtschaft unangetastet geblieben sind, in Märkte verwandeln. Die heutzutage an Wichtigkeit gewinnende Taktik ist aber die Vergabe von Krediten, das Investieren am Finanzmarkt und die Spekulation.

Ursprünglich wurden Kredite vergeben, um eine schnellere und bessere Verteilung von Kapital zu gewährleisten. Das Finanzkapital zwackt sich dabei einen Teil des in der Realwirtschaft geschaffenen Mehrwerts in Form von Zinsen ab. In sich abzeichnenden Überproduktionskrisen wird der Zinssatz durch die Zentralbanken gesenkt. Geld wird quasi billiger. So hofft man der mangelnden Nachfrage von Konsumenten und der mangelnden Investitionslust von Kapitalisten auf die Sprünge zu helfen.

Heutzutage ist das Finanzkapital fest mit dem Industriekapital verschmolzen. Die Produktion ist vom Handel mit Geld abhängig und andersrum. Es haben sich neuartige Dynamiken herausgebildet, Werkzeuge, die es der gesamten kapitalistischen Klasse erlauben, die Überproduktionskrise zu verschleiern und zu verschieben. Durch den Handel mit nicht realisierten Werten, Spekulation und Wertpapieren, wo nichts hinter steckt, bilden sich Blasen. Das Platzen dieser Blasen, das Auffliegen des nicht existierenden Wertes, sind zwar der Auslöser für die Krise, aber nicht der Ursprung. Der Ursprung liegt weiterhin in der Überproduktion.

Die Finanzkrise 2008 zum Beispiel wurde dadurch ausgelöst, dass Kredite für Häuser in sogenannten “junk bonds” zusammengefasst und auf dem Finanzmarkt gehandelt wurden. Viele der Kreditnehmer, deren Kredite in so einem “junk bond” zusammengefasst waren, waren aber gar nicht zahlungsfähig. Als die Kredite dann platzten, kamen viele Banken und Versicherungen in Schwierigkeiten und weil die Finanzwelt sehr vernetzt ist wurden die Finanzinstitute reihenweise zahlungsunfähig und konnten dementsprechend auch keine Kredite mehr vergeben. Das industrielle Kapital war zu dieser Zeit schon abhängig von den billigen Krediten. Es war schon lange zur Überproduktion gekommen, durch die Blasenbildung wurde sogar noch weiter über die zahlungsfähige Nachfrage hinaus expandiert und produziert. Dadurch, dass mit nicht existierenden Werten gehandelt wurde, wurde die Expansion länger ermöglicht, die Krise wurde zwar aufgeschoben aber dafür umso mehr verschärft.

Das Ergebnis: viele große Banken wurden gerettet, die größten Unternehmen überlebten den Crash und profitierten sogar davon, dass kleinere Konkurrenten bankrott gingen. Nur die Arbeitenden verloren ihren Job, ihre Ersparnisse und teilweise ihre Wohnung oder mehr.

Allerdings ist die Überproduktionskrise, die sich in der Finanzkrise 2008 gezeigt hat, noch lang nicht vorbei. Die Blase ist noch nicht geplatzt. Man könnte eher sagen, es wurde ein bisschen Luft abgelassen.Bei der sogenannten Corona Krise sieht man den Zusammenhang noch deutlicher.

Während Corona wurde, auf Grund des Lockdowns, sowieso schon weniger konsumiert. Dazu kommt natürlich noch, dass die Kapitalisten wie oben genannt, mit Kündigungen, Lohnsenkungen und Arbeitsintensivierung darauf reagierten. So kamen viele Arbeitende in finanzielle Schwierigkeiten. Trotz starkem Fall der Aktienkurse stehen wir speziell in Deutschland noch recht weit am Anfang der Krise. Aber die Abwärtsspirale ist in Gang gesetzt. (Zu einer detaillierten Analyse zu Corona und Wirtschaftskrise empfehlen wir „Hat Corona die Wirtschaft infiziert?“ aus der Sonderausgabe “Corona”, auch zu finden auf unserer Website)

Diesmal könnte es sogar noch härter kommen: Allein in der Eurozone gibt es ca. 13.000 sogenannter “Zombie-Unternehmen” mit einem Gesamtumsatz von ca. 500 Mrd., die sich seit Jahren durch die billige Kreditvergabe des Finanzkapitals über Wasser halten können, eigentlich aber schon lange nicht mehr genug Kund*innen für ihre Waren finden.

Sobald die Banken es sich nicht mehr leisten können, jedes Unternehmen mit billigem Geld zu versorgen, könnten alle diese Unternehmen untergehen. Die Krise, die daraus resultieren würde, könnte eine der härtesten seit der Wirtschaftskrise 1927 werden.

Der Ursprung von Wirtschaftskrisen ist heutzutage oft nicht mehr offensichtlich zu erkennen. Durch Blasenbildung im Finanzmarkt und weitere Werkzeuge des Kapitals wird die Krise herausgezögert und dessen Ursprung verdeckt. Doch die Überproduktionskrisen sind im Kapitalismus durch grundlegende Mechanismen wie dem Konkurrenzkampf und Expansionsdrang verwurzelt. Die leidtragende Klasse bleibt jedoch immer die Arbeiterklasse – sie verarmt durch die Krise, wird entlassen und stärker ausgebeutet als zuvor.

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