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03/2020 Lautschrift

MIETSHÄUSERSYNDIKAT

Das Mietshäusersyndikat ist ein Zusammenschluss von verschiedensten Projekten, die solidarisch und selbstorganisiert wohnen und arbeiten möchten. Über das nicht-profitorientierte Finanzierungsmodell hat sich ein bundesweites Netzwerk gebildet, welches dafür sorgt, dass Wohnungen dem freien Markt entzogen werden und Menschen hilft, ihr eigenes Wohnprojekt umzusetzen. Hans von Bülow erzählt uns mehr über das Projekt:

Was ist das Mietshäusersyndikat überhaupt, woher kam die Idee und seit wann gibt es das?

Das Mietshäusersyndikat ist ein bundesweiter Zusammenschluss von zurzeit ca. 150 Projekten, die vornehmlich im Wohnungsbau aktiv sind. Das Syndikat gibt es seit Ende der 80er Jahre, es ist in Freiburg entstanden aus einem ehemalig besetzten Industriegelände, bis es dann legalisiert wurde und die Leute sich dann irgendwann gefragt haben: „Was passiert eigentlich mit den Mieteinnahmen, wenn ein Projekt nicht mehr abzahlen, also die Bank nicht mehr bedienen muss?“. Daraus ist dann diese Idee entstanden, die Rechtsform GmbH auszuwählen.

Das Grundprinzip ist immer Flächen und Häuser vom Markt zu nehmen, also zu kaufen, und das ganze unter der Maxime des Ewigkeitsgedanken – also dafür zu sorgen, dass das nie wieder auf den Markt kommen kann und niemand damit Geld verdient, dass sich der Wert von der Fläche oder dem Haus steigert. Diese GmbH hat dann immer zwei „Gesellschafter“, einmal das Syndikat und eben jeweils der Hausverein. Im Hausverein sind alle organisiert, die in dem Haus wohnen oder arbeiten. Die können auch alle alltäglichen Belange selbst bestimmen, das Syndikat hat nur Vetorecht bei Zukauf, Verkauf und Erbpacht. Alles das, was in die Richtung von Individualisierung von Eigentum geht, soll damit unterbunden werden.

Das Syndikat ist aber nichts Übergestülptes, sondern jedes Projekt ist mit Stimmrecht im Kauf vertreten, sodass also der Gesamtverbund dann über die Zukunft entscheidet und wenn  irgendwelche Fragen auftauchen gemeinsam entschieden wird.

Die nächste Frage ist ein bisschen plump vielleicht, aber was ist der Unterschied zu einer Genossenschaft? Weil es erstmal so ein bisschen ähnlich klingt…

Ja, wird auch oft mit einer Genossenschaft verglichen, das ist auch gar nicht so weit auseinander, aber der Vorteil ist für uns klar: Wir haben uns an dem freien Markt orientiert und deswegen ist das eine GmbH.

Die GmbH kann also in dem Verbund auch Gelder wandern lassen, ne Genossenschaft ist immer ihren Genossen verpflichtet, muss das Geld in der Genossenschaft halten, kann also nichts verleihen. Die einzelnen Projekte bei uns schaffen aber jährlich Rücklagen, indem sie dafür sorgen, dass das eine Instandhaltungsrücklage für irgendwann anstehende Retour gibt und es gibt ein sogenanntes Mietausfallwagnis – wenn mal irgendwer die Miete nicht zahlen kann, muss sie ja trotzdem da sein. Das sind Rücklagen die jedes Jahr weggepackt werden. Hier im Handwerkerhof in Ottensen sind das zum Beispiel 15.000 Euro im Jahr. Aber die geben wir natürlich nicht an die Bank, die schieben wir als Kleinkredite an andere Projekte, die Geld brauchen. Und das ist ein idealer Ringtausch, der wunderbar funktioniert und eine wichtige Stütze ist in diesem ganzen Konstrukt. Und diese Kleinkredite unterliegen eben nicht der Prüfung des Genossenschaftsverbandes, die gucken normalerweise auf die Genossenschaften drauf, das kostet auch Geld. Wir bilanzieren auch, genau wie die Genossenschaft, es gibt also eine transparente Buchführung. Aber wir sind natürlich wesentlich freier, autonomer, kein Verband kann da reinreden. Insgesamt sind wir lebendiger im Verbund als eine Genossenschaft, weil dort gibt es immer eine Verwaltung und halt die Nutzenden. Und wir haben halt diesen bundesweiten Verband, der fördert einen enormen Wissensaustausch. Wir treffen uns mindestens viermal im Jahr auf irgendwelchen Hauptversammlungen in wechselnden Städten, damit die Projekte sich auch gegenseitig kennenlernen können. Das ist schon ein sehr lebendiger Verbund, der aus meiner Sicht viel mehr Spaß macht.

Was sind die Vorteile für Mitglieder des Syndikats und für die Bewohner von den Wohnungen oder Häusern? Vielleicht kannst du auch noch kurz dazu sagen, was die Vorraussetzung für die Aufnahme ist. Muss man Geld investieren?

Ja, das ist ein weites Feld. Also, der Vorteil für alle hier im Handwerkerhof und für alle Mieter ist, dass du unkündbar bist. Du kannst also eigentlich nur mit den Füßen zuerst rausgetragen werden. Es kann natürlich auch zu Konflikten kommen, wie in jeder anderen Gemeinschaft auch, dann wird aber immer eine Lösung gesucht. Da gibt es Begleitung und Betreuung, die lassen sich auch coachen.

Das ist schon einmal ein großer Unterschied zu dem, was auf dem normalen Mietenmarkt da draußen so passiert. Die Mieten werden in der Regel auch nicht erhöht, sondern das Finanzierungskonzept sieht eigentlich so aus, dass die Mieten immer gleich bleiben – aber eben auch nicht sinken. Die sollen aber auch nicht auf Null sinken, weil zum einen darfst du eh nicht umsonst wohnen, das macht das Finanzamt nicht mit, und zum anderen führen wir alle ein Solidarbeitrag im Monat ab, das sind immer 10 Cent pro Quadratmeter pro Monat. Das geht in einen sogenannten Solidarfond. Und aus dem werden das wiederum Beteiligungen an neuen Projekten finanziert. Also wir haben den Solidarbeitrag, die Projektautonomie und wir haben die Unverkäuflichkeit, das sind so die wichtigsten Säulen in dem ganzen Gebilde. Und wie gesagt, das gibt den einzelnen Mietenden da eine hohe Sicherheit, was das Wohnen und das Arbeiten angeht.

Wie viele Menschen wohnen und arbeiten in Häusern des Syndikats? Also bundesweit oder auch in Hamburg?

Ungefähr viereinhalb bis fünftausend Leute. Es gibt auch unterschiedliche Projektgrößen. Die kleinsten bestehen aus drei Personen, es gibt aber auch welche in Karlsruhe, die haben 250 Leute, das ist sehr unterschiedlich. Und auch die Finanzierungsgrößen sind unterschiedlich. Von 15.000 Euro für einen kleinen Bahnhof, den wir mal im Osten gekauft haben, für so ein cooles linkes Projekt in einer relativ rechten Gegend, bis zu einem Komplex in Heidelberg, der 10 Millionen gekostet hat. Die ganze Bandbreite ist vertreten.

Und wie funktioniert die Finanzierung für die Mieter?

Da die meisten die dort wohnen nicht viel Geld haben gibt es diese Sonderkonstruktion. Du brauchst natürlich immer Geld von der Bank. Die Bank sagt dann, wie viel dein Gebäude wert ist. Die wollen aber, dass du auch ein Eigenkapital einbringst, das ist in der Regel so bei 30%. Das Geld hat niemand, also muss das anders besorgt werden. Das passiert im Syndikat regelhaft so, dass im sozialen Umfeld direkt rumgefragt wird und versucht wird solche kleinen, sogenannten „Kleinkredite“ einzuwerben. Und die stellen dann der Bank gegenüber das Eigenkapital dar. Und das funktioniert. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Projekt das nicht auf die Kette gekriegt hat, dieses Eigenkapital einzutreiben. Das wichtigste ist, erstmal im eigenen Dunstkreis anzufangen. Das kann sehr schwierig sein, aber es funktioniert und dann kann natürlich irgendwann aus dem Verbund noch was zusammengebracht werden. So funktioniert das alles und das ist auch notwendig, denn über den normalen Finanzierungsweg über die Bank würde das alles gar nicht klappen.

Vielen Dank an Hans von Bülow für das Interview!

Mehr Informationen unter www.syndikat.org/de/

Das interview führte Hanna / Aus der Lautschrift 3/2020 – Wem gehört die Stadt?