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03/2020 Lautschrift

Interview mit Ibrahim Arslan

/ˈla͜utʃrɪft/: Kannst du dich kurz vorstellen und erzählen, warum das Gedenken an Opfer von rassistischen und rechtsextremen Anschlägen so zentral in deinem Leben geworden ist?

Ibrahim: Mein Name ist Ibrahim Arslan. Ich bin Opfer und Überlebender der rassistischen Brandschläge vom 23. November 1992 in Mölln. Vor 28 Jahren verübten zwei Neonazis namens Lars Christiansen und Michael Peters einen rassistischen Brandschlag auf meine Familie. Sie zündeten feige, mitten in der Nacht, unser Haus an und verbrennten zwei Kinder und eine Erwachsene. Die Kinder waren meine Schwester Yeliz Arslan, 10 Jahre alt, und meine Cousine Ayse Yilmaz, 12 Jahre alt. Sie erstickten qualvoll in den Flammen. Meine Oma Bahide erlag schmerzvoll den Flammen. Sie verbrannte bei lebendigem Leibe. Mehrere Überlebende, darunter auch ich, wurden schwer verletzt und traumatisiert.

/ˈla͜utʃrɪft/: Wodurch wird Gedenkkultur praktiziert und warum ist sie so entscheidend?

Ibrahim: Neben der direkten Hilfe und Stabilisierung von Opfern und Angehörigen, der sozialen Wiedereingliederung, den Strafprozessen gegen die Täter, die Anerkennung und Benennung rechtsterroristischer Gewalt , gibt es die Dimension des Erinnern als politische Praxis. Die Erinnerung an das Geschehene zurück zu erkämpfen, an das Vergessene, an das Verschwiegene, an die Ursachen und die Folgen, an das Davor und das Danach. Diese Forderungen sind aktueller denn je. Es ist also auch wichtig, Räume des offenen Sprechens über rassistische Gewalterfahrungen, Gedenken und eine kritische Auseinandersetzung damit zu schaffen. Erst wenn Betroffene ihre Geschichten erzählen, ihnen zugehört wird und wir uns darüber austauschen, was Ungerechtigkeit ist und wie die Gerechtigkeit aussehen kann, können wir auch die Spielregeln dieser Gesellschaft und gegenwärtiger Erzählungen verändern.
Es gibt viele Erfahrungen und Geschichten, viele Verletzungen, viele Wünsche und Bedürfnisse, viele Perspektiven. Es gilt diese anzuhören, aus der Vereinzelung zusammenzubringen, zu vernetzen und so Erinnerungspolitiken herauszufordern, als Kollektiv in der Vielfalt. Ich sehe es als meine Pflicht an, mit meiner Arbeit der Gedenkpolitik gerecht zu werden. Ich arbeite eng mit Betroffenen zusammen, um diesen Zustand zu verändern. Die Betroffenen sollten daher nicht erst für ein respektvolles Gedenken kämpfen. Es ist die Pflicht eines Staates, einer Stadt und der Gesellschaft, Verantwortung zu tragen, denn wir gedenken ja nicht nur, um den Familien und Betroffenen einen Gefallen zu tun, sondern weil Rassismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, welches nicht unter den Teppich gekehrt werden darf und man immer und immer wieder daran erinnern muss.

/ˈla͜utʃrɪft/: Tust du selbst konkret etwas, um das Gedenken an die Opfer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen?

Ibrahim: Ich mache seit 2007 Betroffenen- beziehungsweise Opferarbeit. In diesen zwölf Jahren haben meine Familie und ich immer wieder betont, wie wichtig es ist, die Betroffenen an dem Gedenken, den Strafprozessen und der politischen Interventionen zu beteiligen. Denn sie sind Hauptzeug*innen des Geschehens und keine Statisten.

/ˈla͜utʃrɪft/: Beeinflusst oder politisiert deine Praxis andere Menschen?

Ibrahim: Erinnern bedeutet für mich kämpfen und natürlich die junge Generation zu sensibilisieren. Wenn es irgendwann mal keine Schoah-Überlebende mehr gibt und deren Familie sich möglicherweise nach Jahrzehnten nicht für das Gedenken interessieren, müssen wir trotzdem daran erinnern. Diese wichtige Arbeit, die meine Familie zuvor mit fünf solidarischen Menschen angefangen hat, führen wir nun mit mehreren Tausenden fort. Und wir werden mehr. Jeder von ihnen wird akzeptieren und respektieren müssen, dass die Gedenkkultur ohne die Betroffenen eine Inszenierung ist.

/ˈla͜utʃrɪft/: Denkst du, dass die Anschläge in Halle und in Hanau und der Mord an Walter Lübcke die Gedenkkultur nachhaltig beeinflusst haben?
Ibrahim: An dieser Stelle wird es Euch wundern, wenn ich sage, dass an dieser wichtigen Arbeit keine einzige etablierte staatliche Institution beteiligt ist, außer die vom Staat geförderten und unabhängigen Opferverbände. Im Gegenteil, die staatlichen Institutionen sehen unsere Arbeit und unser Gedenken als eine Art Respektlosigkeit gegenüber Politikerinnen und Politikern, die schon seit Jahrzehnten Gedenkpolitik ohne die Betroffenen über deren Köpfe hinweg machen. Es gibt einen sehr großen Unterschied zwischen solidarischem Gedenken und Gedenken für die Imagepolitik. Wir möchten nicht, dass irgendjemand, Politiker oder Einzelperson, aus unserem Leid einen Profit zieht. Wir sind die Hauptzeug*innen des Geschehens. Wir sind die Opfer und Betroffenen. Wir lassen das nicht zu.

/ˈla͜utʃrɪft/: Denkst du, dass Politik und Staat Konsequenzen aus den unzähligen rechtsextremen und rassistischen Anschlägen der letzten Jahrzehnte gezogen haben?

Ibrahim: : Es sind nur zwei Jahre nach dem verheerenden Urteil des Oberlandesgerichts in München im NSU-Prozess vergangen und obwohl die Bundeskanzlerin nach der Selbstenttarnung den Betroffenen eine lückenlose Aufklärung versprochen hatte, müssen wir heute, noch sehr viel lauter über Unteilbarkeit und Solidarität sprechen, weil das Urteil in München den NSU-Komplex weder aufgedeckt noch alle Täter verurteilt hat. Stattdessen hat das Urteil die Opfer des NSU und damit alle Opfer rechten, rassistischen und menschenverachtenden Hasses verhöhnt und alleine gelassen. Das Urteil, die Justiz, die Polizei, die Gerichte und die Politik haben den Betroffenen ihr letztes bisschen Vertrauen entrissen. Wir wissen, dass es als Betroffene rechter Gewalt kein Vertrauen in staatliche Instanzen geben kann, weil unsere Rechte als Migranteninnen auch hier keine Rolle spielen. Die Opfer wurden sogar ein weiteres Mal verurteilt. Deshalb müssen heute dringender denn je, aus der Politik, der Justiz, der Gesamtgesellschaft, allen Betroffenen rassistischer Gewalt erneut unteilbare Solidarität ausgesprochen werden. Erinnert ihr euch an die Worte der Nebenklage, die davor gewarnt hat, dass die milden Urteile, weiteren rechten Täterinnen und Tätern ein Signal senden werden, dass sie in diesem Land weiterhin Menschen bedrohen, schikanieren, verängstigen und sogar ermorden können, die ihnen aufgrund ihres nazistischen Weltbilds nicht in ihre Ideologie passen? Dieses Signal wurde erhört. Nur ein Jahr nach dem Urteil müssen wir heute weitere Opfer des rechten Terrors beklagen. Walter Lübcke ist erst im Juni 2019 von demselben Täterinnen-Netzwerk des NSU hingerichtet worden, das während des langjährigen Gerichtsprozesses in München nicht offengelegt worden ist. Lübcke musste sterben, weil er sich, wie viele andere hierzulande, für Menschenrechte und ein demokratisches Zusammenleben mit geflüchteten Menschen in Deutschland eingesetzt hat. Die rassistischen Anschläge in Halle sowie die Morde in Hanau sind ebenfalls vom gleichen Täternetzwerk des NSU verübt worden. Gleichzeitig möchte ich betonen, dass es Rassismus und Hass gegen Migranten*innen nicht erst seit dem NSU-Terror gibt und leider auch nicht erst seit dem Tod von Walter Lübcke. Rassismus gab es auch davor. Wir verstehen daraus, erstens, dass es eine akute lebensbedrohliche Gefahr durch den Rechtsterrorismus gibt, zweitens, dass verantwortliche staatliche Organe uns nicht schützen und drittens, dass Opfer und Betroffene weiter ignoriert werden.

/ˈla͜utʃrɪft/: Und sind deiner Meinung nach die richtigen Konsequenzen ausreichend genug gezogen worden?

Ibrahim: Definitiv nicht. Ganz im Gegenteil, wenn die Politik es schafft während einer Pandemie die Gesamtgesellschaft von unteilbarer Solidarität zu überzeugen, jedoch nach einem rassistischen Terrorakt diese Solidarität nicht einfordert, dann müssen alle potenziell von Rassismus betroffene Menschen sich Sorgen machen.

/ˈla͜utʃrɪft/:Was müsste deiner Meinung nach die Politik unbedingt nachholen?

Ibrahim: : Mir persönlich ist es sehr deutlich was es bedarf:
Wir brauchen Solidarität und vor allem das Sprechen über Rassismus.

Vielen Dank für das Interview!