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01/2020 Lautschrift

EL PUEBLO UNIDO JAMAS SERA VENCIDO!

Anfang Oktober 2019 wurden die Ticketpreise für den öffentlichen Nahverkehr in Santiago de Chile erhöht. Dieser Tropfen brachte ein lange gefülltes Fass zum Überlaufen: Seit Wochen laufen nun Massenproteste in Chile, die sich gegen die neoliberale Politik des Präsidenten Sebastián Piñera richten.

Ende November rief das Bündnis „Soziale Einheit“ zum Generalstreik auf. Nolberto Díaz, der Generalsekretär des Gewerkschaftsverbundes CUT, erklärte den Streik als Antwort auf die Regierung, die nicht auf die Forderungen der sozialen Bewegungen eingehe – diese beinhalten unter anderem eine neue Verfassung und den Rücktritt des Präsidenten. Für diesen wird es im Moment eng: Seine Umfragewerte sind auf unter 10% gefallen und ein Gericht in Santiago hat eine Klage wegen Verstößen gegen die Menschenrechte gegen ihn zugelassen. Demnach waren zahlreiche Demonstranten Gewalt und Folter ausgesetzt.

Viele Chilenen fühlen sich an die Militärdiktatur erinnert, die nach dem Putsch gegen den damaligen Präsidenten Salvador Allende 1973 von August Pinochet eingesetzt wurde und mehrere Jahrzehnte andauerte.
Erinnerungen an diese Zeit Ereignis finden sich auch am Campus der Uni Hamburg – der Allende-Platz ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit des sogenannten Chile-Solidaritäts-Kommitees. Dieses gründete sich in der Zeit nach dem Putsch und organisierte Demos, klärte auf über die Verbrechen der Militärregierung und unterstützte Menschen, die aus Chile fliehen mussten. Seine Ursprünge hatte das Chi-le- Solidaritäts-Kommitee an der Universität. Auch die Pro-teste in Chile zurzeit begannen dort, die ersten Proteste gegen die Ticketpreiserhöhung gingen von Studierenden aus. Studie-rendenbewegungen haben in Chile lange Tradition, vor allem 2012-2011 ging eine Protest-welle von Schüler*innen und Studierenden aus. Was diese Proteste so fruchtbar macht ist die Tatsache, dass sie einerseits größtenteils soziale Forderungen stelle, die anschlussfähig für die breite Bevölkerung sind, aber auch dass die Gewerkschaften sich daran beteiligen. Die Studierendenproteste schaffen also dort häufiger als anderswo den Übergang zur Massenbewegung.

Etwas historisches: aus Salvador Allendes letzter Rede, gehalten übers Radio während des Putsches am 11. September 1973

„(…) Ich wende mich vor allem an die einfache Frau unserer Erde, an die Bäuerin, die an uns glaubte, an die Arbeiterin, die mehr schuf, an die Mutter, die unsere Fürsorge für die Kinder kannte. Ich wende mich an die Angehörigen der freien Berufe, die eine patriotische Verhaltensweise zeigten, an diejenigen, die vor einigen Tagen gegen den Aufstand kämpften, der von den Berufsvereinigungen, den Klassenvereinigungen angeführt wurde. Auch hierbei ging es darum, die Vorteile zu verteidigen, die die kapitalistische Gesellschaft einer kleinen Anzahl der Ihrigen bietet.
Ich wende mich an die Jugend, an diejenigen, die gesungen haben, die ihre Freude und ihren Kampfgeist zum Ausdruck brachten. Ich wende mich an den chilenischen Mann, an den Arbeiter, an den Bauern, an den Intellektuellen, an diejenigen, die verfolgt werden, denn der Faschismus zeigt sich bereits seit vielen Stunden in unserem Land: in den Terrorattentaten, in den Sprengungen von Brücken und Eisenbahnen, in der Zerstörung von Öl- und Gasleitungen. Angesichts des Schweigens … [von Bombendetonationen übertönt] … dem sie unterworfen waren. Die Geschichte wird über sie richten.
Radio Magallanes wird sicherlich zum Schweigen gebracht werden, und der ruhige Klang meiner Stimme wird euch nicht mehr erreichen. Das macht nichts. Ihr werdet sie weiter hören. Ich werde immer unter euch sein. Zumindest wird die Erinnerung an mich die an einen würdigen Menschen sein, der loyal war zum Vaterland.
Das Volk muss sich verteidigen, aber nicht opfern. Das Volk darf sich nicht unterkriegen oder vernichten lassen, es darf sich nicht demütigen lassen.
Arbeiter meines Vaterlandes! Ich glaube an Chile und sein Schicksal. Es werden andere Chilenen kommen. In diesen düsteren und bitteren Augenblicken, in denen sich der Verrat durchsetzt, sollt ihr wissen, dass sich früher oder später, sehr bald, erneut die breiten Alleen auftun werden, auf denen der würdige Mensch dem Aufbau einer besseren Gesellschaft entgegengeht. Es lebe Chile! Es lebe das Volk! Es leben die Arbeiter! Das sind meine letzten Worte, und ich habe die Gewissheit, dass mein Opfer nicht vergeblich sein wird. Ich habe die Gewissheit, dass es zumindest eine moralische Lektion sein wird, die den Treuebruch, die Feigheit und den Verrat verurteilt.“

Artikel von Hanna / Aus der Lautschrift Ausgabe 1/2020 – Krieg & Frieden