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03/2020 Lautschrift

DIE INSEL DES SOZIALISMUS

Die Wohnungsbaupolitik zur Zeit des Roten Wiens, also während der sozialdemokratischen Regierung von 1919 bis 1934, gilt oft als Paradebeispiel für vorbildlichen, für die Menschen geschaffenen Wohnungsbau. Außer Wohnraum wurden auch Gemeinschaftsküchen, Waschsalons, Kindergärten und Erholungsräume in die Bauten integriert. Was damals so besonders war und was heute noch von der damaligen Wohnungspolitik übrig ist erzählt und Jakob von der Jungen Linken im Interview.

Wodurch hat sich der Wohnungsbau zur Zeit des Roten Wiens ausgezeichnet? Wie wurde gebaut und was wurde anders gemacht als vorher?

Der Wohnungsbau zur Zeit des Roten Wiens hat sich vor allem dadurch ausgezeichnet, dass er in einer unglaublichen Not entstanden ist. 1919 war das schlimmste Jahr der Wohnungsnot und es war auch das Jahr in dem die Sozialdemokratie erstmals die Macht in der Stadt übernommen hat, weil es das erste Mal auch für Arbeiter möglich war zu wählen. Also es war 1917 so, dass Wien die Hauptstadt der Donaumonarchie war, die langsam kollabierte und die Leute sind vor dem Krieg nach Wien geflohen – es waren aber viel zu wenig Wohnungen da. Es gab schon vorher wie in vielen Städten Bettgeher, die sich nur für eine Schicht ein Bett geteilt haben. Dann haben Leute teilweise zu 15. oder mehr auf zehn Quadratmetern gelebt, ganze Familien zusammen. Und dann kam das Rote Wien als Reaktion darauf. Der große Vorteil war, dass privater Wohnungsbau schon nicht mehr so rentabel war, denn der Kaiser hatte schon ein extrem starkes Mietrechtsgesetz erlassen um die revolutionäre Stimmung zu drücken. Das hat dafür gesorgt, dass man nur sehr schwer seine Wohnung verlieren und auch keine höheren Mieten für Neubau verlangen konnte. Und was die Stadt 1919 dann gemacht hat war, dass sie das Gesetz noch mehr verschärft hat sodass niemand mehr privat bauen wollte. Das hat dann die Bodenpreise extrem nach unten gebracht und dann hat die Stadt darauf gebaut. Dadurch hat sie es geschafft innerhalb von 12 Jahren 60.000 Wohnungen zu bauen – in einer Zeit, wo es an allem gefehlt hat, Österreich hatte ja 1918 den Großteil seiner Industrieregionen verloren.

Das Besondere war, dass man in Wien, anders als in Berlin zum Beispiel, eine neue Gesellschaft aufbauen wollte. Es war ein fundamentaler Versuch in Wien eine „Insel des Sozialismus“, wie sie es selbst genannt haben, bauen zu wollen. Und dadurch, über diese Propaganda, wollte man genug Leute in Österreich davon überzeugen, dass der Sozialismus, die Sozialdemokratie, der richtige Weg ist und damit eine Mehrheit im Nationalrat erlangen um auf demokratischem Wege den Sozialismus aufzubauen.

Interessant ist vielleicht noch, dass man extrem wenig technisch gebaut hat, obwohl es schon Stahlbeton gab, was viel schneller ging. In Wien hat man aber auf Handarbeit gesetzt, weil es viel mehr Leute braucht und Arbeitsplätze schafft – das war also gleichzeitig Teil des Arbeitsprogramms. Und man hat auch versucht, gewisse Regeln durchzusetzen. Beispielsweise wenn es um die Wohnungseinrichtung ging – man durfte keine klassizistischen Holzmöbel nehmen. Man musste zur Wohnberatungsstelle gehen und fragen, welche Möbel okay sind und welche nicht. Auch die Waschräume und so weiter, die haben auch sehr viel widergespiegelt.

Das passt auch dazu: Wie waren die Wohnhäuser damals aufgebaut? Auf was wurde besonders viel Wert gelegt?

Wert gelegt wurde darauf, es ganz anders zu machen als es in den Gründerzeithäusern in Wien gemacht wurde – also alles was bis 1914 entstanden ist. Da wurde meistens über 90% der Grundfläche verbaut. Das hatte zur Folge, dass vor allem in den Arbeiterbezirken extreme Elendsquartiere entstanden. Es gab kein WC, wenn überhaupt auf dem Hof, kein Wasseranschluss und kein Licht, weil so viel verbaut war. Die Leute haben mit Kohle geheizt und gekocht, die Fenster gingen nur auf den Gang, es war stickig – es müssen miserable Zustände gewesen sein. Die Stadt Wien hat dann auf Luft, Licht und Platz gesetzt. Das Berühmteste, der Karl-Marx-Hof, zeichnet sich dadurch aus, dass nur 24% der Fläche verbaut sind, der Rest ist Hof, also offen. Deswegen wollten Leute auch dahin ziehen, und das war auch der große Unterschied zu allem, was danach kam, also nach dem Zweiten Weltkrieg. Man wollte mit den Leuten gemeinsam etwas schaffen und auch Möglichkeit bieten, sich zu verbessern. Eine Sache die man versucht hat war die Arbeiter vor allem aus den Wirtshäusern rauszubekommen: wenn die Wohnung schrecklich ist, ist das Wirtshaus der Zufluchtsort, wenn die Wohnung gut ist, dann muss ich nicht mehr ins Wirtshaus gehen und meinen Lohn versaufen. Und man hat damit auch versucht, die Kollektivität zu stärken, es gab überall Waschküchen, Kindergärten, Kinderärzte, Schulen und Bibliotheken, man hat also versucht, eine Gemeinschaft herzustellen. Spannend finde ich dabei immer: man hat im Gegensatz zur sowjetischen Avantgarde ist recht wenig versucht mit der Architektur etwas zu bewirken. Die ist in Wien nicht so einheitlich und sie ist in der Form auch sehr traditionell und konservativ – das war auch später der Vorwurf, dass sie Schlösser gebaut haben. Die Avantgarde in der Sowjetunion hat versucht, ganze Städte zu bauen, wo es beispielsweise keine Küchenblocks mehr gibt, damit Reproduktionsarbeit zu Lasten der Frauen nicht mehr passieren kann, weil es nur noch Kantine gibt. In Wien gab es das nicht, und auch bewusst nicht, weil man sagte: Die Leute wollen das nicht. Und da ist auch der Fehler in dem Avantgarde-Anspruch. Man sagt man will die Leute erziehen…

…aber wenn die nicht wollen, dann nicht.

Genau. Also das war so ein bisschen so ein hin und her. Aber viel Wert wurde darauf gelegt, die Partei zu inkludieren. Es hab überall Parteilokale in jedem Gemeindebau. Weil Regierung und Partei eins waren, war das auch leichter. Also hat man schon ein politisches Projekt daraus gemacht, was aber nicht so radikal war wie andere.

Wurde auch nach 1934 eine ähnliche Politik verfolgt?

1934, im austrofaschistischen Ständestaat, war erst mal die Umbenennung der ganzen Gemeindebauten angesagt – der Karl-Marx-Hof wurde beispielsweise der Heiligenstätterhof. Außerdem war die Vertreibung von Jüdinnen und Juden eines der ersten Dinge, die passiert sind.  Der Wohnungsbau ist in der Kriegszeit zum Erliegen gekommen, da ist nichts passiert und 1955, nachdem der Staatsvertrag in Österreich abgeschlossen wurde, wurde sofort wieder mit dem Wohnungsbau begonnen, denn es gab auch starke Wohnungsnot. Und dann wurde eine ähnliche Politik verfolgt, die Stadt hat dann unglaublich viele Gemeindebauten gebaut, wieder unter schwierigen Umständen und ohne Material und Geld. Ganz anders als vorher jedoch wurden hier einfach Blocks hochgezogen – ohne den Anspruch auf gesellschaftliche Veränderung. Es war weniger hochwertig als zur Zeit des Roten Wiens, wo den Arbeitern eben ein kleines bisschen Luxus ermöglicht wurde, und wenn es nur die gemeinschaftliche elektrische Waschmaschine ist. Später hat dieser Anspruch gefehlt, das war komplett weg und die Partei war auch nicht mehr präsent. Das Problem war einfach, dass es keinen sozialen Zusammenhalt mehr gab. Das merkt man auch jetzt, denn wenn man Leute fragt, die in einem Gemeindebau wohnen, ob sie gerne dort leben, dann kommt immer öfter ein „Nein!“. Es gibt viele Probleme dort, weil das soziale Kit auseinandergegangen ist. Die Partei hat auch aufgehört zum Beispiel an Türen zu klopfen und Mitgliedsbeiträge einzusammeln – der Hausmeister war nämlich meistens der Parteisekretär. Und durch dieses Fehlen ist dann auch die Verbindung verloren gegangen, es gibt zwar riesige Wohnanlagen, wo alle Nachbarn sind, aber die Leute kennen sich nicht mehr und haben keine Verbindung mehr zueinander. Da gibt es auch viel Streit jetzt. Die Politik der Stadt zur Zeit verschlimmert das – ein Beispiel: die Leute laden irgendwo ihren Sperrmüll ab, weil sie kein Auto haben. Die Reaktion sind keine gratis Sperrmüllabholungen auf Anfrage wie in anderen Städten, sondern man setzt Leute ein, die Strafen verhängen, sogenannte Waste Watchers. Das ist die krasseste Veränderung – anstatt zu versuchen, Leute zu verändern und durch Bildung irgendwo hinzubringen setzt man jetzt auf Strafe.

Und was haben die Wiener heute dann überhaupt noch von dem Gemeindebau? Was ist noch übrig?

Das Spannende ist, dass eigentlich alle etwas davon haben, nicht nur die ca. 500.000 Menschen, die in Gemeindebauten leben – es drückt nämlich massiv die Mieten. Und es ist klar, wenn die Stadt einen Mietzins vorgibt, der nicht zu hoch ist, dann ist es schwer möglich, das Doppelte zu verlangen. Der Gemeindebau macht ein Viertel des Wohnungsbestandes aus, ein weiteres Viertel ist der soziale Wohnbau, der zwar ein bis zwei Euro teurer ist pro Quadratmeter, wo aber auch klar ist: es dürfen keine Profite damit gemacht werden. Das heißt, für alle anderen bringt der Gemeindebau auch niedrige Mieten, auch wenn das sich langsam ändert, denn es wird immer mehr dazugebaut und mietzinsbegrenzt sind nur Bauten vor 1953. Das heißt, es wird prozentual immer weniger und die Stadt hat 2004 den Gemeindebau eingestellt – auch wenn sie vor der Wahl immer mal wieder ein bis zwei Gemeindebauten errichtet, das ist dann aber Wahlkampf und kein Programm.

“Jakob ist Mitglied der Jungen Linken in Österreich. Junge Linke sind eine bundesweite Jugendorganisation zum Aufbau einer starken linken Partei in Österreich. Junge Linke wurde vor 2 Jahren gegründet und ist inzwischen in 24 Bezirksgruppen in fast ganz Österreich vertreten. Die Mitglieder und 600 Aktiven der Jungen Linken organisieren wöchentlich lokale Bildungsveranstaltungen, Diskussionen und bundesweit Aktionen. Mit dem klaren Ziel den Aufbau einer starken linken Partei in Österreich mit voranzubringen gegründet, waren die Jungen Linken 2019 bereits das erste mal erfolgreich. Bei der Gemeinderatswahl in Salzburg 2019 haben sie es geschafft erstmals nach 60 Jahren wieder einen linken Gemeinderat in Salzburg zu haben. Mehrere Monate kamen über hundert Junge Linke aus allen Teilen Österreichs nach Salzburg, um Kay-Michael Dankl, einem Mitglied der Jungen Linken und Spitzenkandidat der Liste KPÖ Plus in den Gemeinderat zu bekommen.

Die Jungen Linken konzentrieren sich sehr stark auf den lokalen Aufbau vor Ort und legen dabei auch einen starken Fokus darauf auch außerhalb der großen Städte vertreten zu sein.”

Das Interview führte Hanna / Aus der Lautschrift 3/2020 – Wem gehört die Stadt?