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5/2020

Die Da Oben

Diejenigen, die auf den sogenannten „Hygiene-Demos“ in den letzten Monaten waren, haben wahrscheinlich schon mal von Bill Gates und seinem mörderischen Plan, die Weltbevölkerung zu impfen, gehört. In Gesprächen mit Demonstranten haben wir viele verschiedene Erzählungen gehört, die jedoch alle in dasselbe Bild eingespielt haben: „die da oben“ führen nichts Gutes im Schilde. Aber was ist eigentlich dran an den Geschichten, die wir immer als „Verschwörungstheorien“ bezeichnen? Warum überzeugen sie so viele Menschen? Und wie viel Einfluss hat Bill Gates wirklich?

Hinter den Kulissen: wer finanziert unsere Gesundheit?

Die meisten der Geschichten, die auf den „Hygiene-Demos“ und in der Zeitung der Bewegung „Demokratischer Widerstand“ erzählt werden, haben in ihrem Ausgangspunkt einen wahren Kern. Einer der größten Gründe für die Demonstranten, Corona zu relativieren und den offiziellen Angaben keinen Glauben zu schenken ist der Gedanke, dass die offiziellen Stellen wie das Robert-Koch-Institut (RKI) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) korrumpiert sind. Als Beweis nehmen sie die tatsächlich unverhältnismäßig hohen Spenden von Bill Gates an die WHO.
Um die Relevanz der Einflussnahme von Bill Gates auf die WHO zu verstehen, muss zunächst die WHO als Institution verstanden werden. Die WHO ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen für das internationale öffentliche Gesundheitswesen. Zu ihren Aufgaben gehören die Erhebung und Analyse von weltweiten Daten zu Gesundheit und Krankheiten sowie die Empfehlung präventiver Maßnahmen, Pandemieschutz und Unterstützung beim Aufbau effektiver Gesundheitssysteme in „Entwicklungsländern“.
Die WHO soll sich aus den Beiträgen der einzelnen Mitgliedsstaaten finanzieren – diese legen sich nach Wohlstand und Bevölkerungszahl fest. Seit Jahren gibt es hier jedoch ein Problem: diese Beiträge werden immer geringer und machen heute nur noch ein Viertel der Einkünfte der WHO aus. Der Rest kommt durch Spendengelder zustande, sowohl von privaten Geldgebern als auch von Staaten. Die Spenden der Bill und Melinda Gates Stiftung machten in den Jahren 2018 und 2019 10 Prozent der Einkünfte der WHO aus. Die Bill und Melinda Gates Stiftung ist eine von Bill Gates gegründete Stiftung, in die er selbst, aber zum Beispiel auch Warren Buffett, einer der reichsten Männer der Welt, investiert. Es sitzt also nicht allein Bill Gates, sondern eine ganze Gruppe von Menschen und Interessen hinter den Entscheidungen dieser Stiftung.
Die privaten Spenden an die WHO sind häufig zweckgebunden, bestimmen aber auch den allgemeinen Kurs der Organisation, zum Beispiel in der Frage, wie groß die Rolle von Impfstoffen und Medikamenten sein soll: Die Ottawa-Charta der WHO von 1986 legt das Prinzip der Gesundheitsförderung fest, welches impliziert, dass Krankheiten weltweit verhindert werden sollen, indem die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbessert werden. Dies beinhaltet unter anderem Hygiene, Bildung und Ernährung sowie Partizipation am sozialen und politischen Le-ben – anhand dieser Prinzipien sollen die Länder ohne Bevormundung den bestmöglichen Gesundheitszustand der Bevölkerung erreichen.
Dieser Kurs wird jedoch seit vielen Jahren vernachlässigt. Statt auf nachhaltige Förderung der Gesundheitssysteme und Mündigkeit der Bevölkerung zu setzen wird vermehrt auf Medikamente und Impfungen gesetzt. Dies wird beispielsweise von Medico International oder dem Ärzteblatt kritisiert:
„Problematisch ist, dass Bill Gates durch seine Stiftung seine Vorstellung von Gesundheitsförderung durchsetzt. So investiert die Gates Stiftung vor allem in technische Maßnahmen gegen Infektionskrankheiten, zum Beispiel in Impfkampagnen und die Verteilung von Medikamenten.“
-SWR2, „Die WHO am Bettelstab: was gesund ist bestimmt Bill Gates“, 22.1.2019

Mikrochips, Kastration und Bevölkerungsreduzierung?

Es steht also außer Frage, dass die Melinda und Bill Gates Stiftung sowie andere private Spender einen eklatanten Einfluss auf die WHO haben. Dieser Einfluss lässt natürlich viel Raum für Spekulationen: was will Bill Gates erreichen? Möchte er uns Mikrochips einbauen? Kastrieren? Die Bevölkerung reduzieren?
Obwohl wir keine Gegenbeweise für diese Theorien haben, scheint uns eine andere Option sehr viel naheliegender: Bill Gates ist ein klassischer Kapitalist, der gewinnorientiert sein Geld investiert. Der Multimilliardär hält über die Stiftung Aktien von großen Nahrungsmittel-, Alkohol- und Pharmaunternehmen. Wo Bill Gates sein Geld investiert, hängt davon ab, wo am meisten Profit gemacht werden kann – nicht vom allgemeinen Wohl. Viele der Unternehmen, deren Aktien er hält, arbeiten somit explizit gegen die Gesundheit – mit Pestiziden in den Lebensmitteln, ungesunden Inhaltsstoffen, aber besonders auch mit direkter und brutaler Ausbeutung der Arbeiter in den Produktionsländern.
Warum investiert Bill Gates dann überhaupt in die WHO? Weil seine Stiftung eben neben Aktien an Coca-Cola, Unilever und UPS auch welche von Bayer, Norvatis und weiteren Pharmakonzernen hält. Die Politik der WHO im Sinne dieser Pharmakonzerne zu beeinflussen, liegt also in seinem Interesse – denn an gesunden Menschen, die keine Impfungen oder Medikamente brauchen, verdienen diese eben nichts. Solange Gesundheit eine Ware ist, an der Konzerne sich Profite erwirtschaften können ist klar, dass das Wohlergehen der Menschen in den Hintergrund rückt. Das Handeln von Personen wie Bill Gates ergibt sich nicht aus reiner Bosheit, sondern aus Klassen- und Profitinteresse – in einem Wirtschaftssystem, das auf Profit ausgerichtet ist, kann nie etwas anderes im Vordergrund stehen.

Was machen Verschwörungstheorien mit unserer Gesellschaft?

Aus diesem Beispiel wird deutlich, wie die Grenzen von Verschwörungstheorien und realer Kapitalismuskritik verschwimmen. Hierbei füllen Verschwörungstheorien den Spekulationsfreiraum, der aus den Fakten deutlich wird, mit vereinfachten Argumentationsketten über eine Verschwörung einzelner Personen, die grundsätzlich böse Pläne verfolgen. Dadurch wird gerechtfertigte Kritik an der Einflussnahme der herrschenden Klasse auf krude Theorien reduziert. Die Theorie stützt teilweise indirekt die herrschende Ordnung, indem sie wie ein Blitzableiter die Zweifel an Strukturen in Schuld einzelner Personen oder kleinen Gruppen begründet.
Dies ist auch einer der Gründe, weshalb rechte Organisationen, Parteien und Personen in Bewegungen wie dem Demokratischen Widerstand so eine große Rolle spielen können – dies sieht man beispielsweise an der Teilnahme von NPD-Funktionären an der Demo in Hamburg am 16.5.2020. Genau wie die Verschwörungstheoretiker nehmen auch Rechte Probleme und Fakten auf und bieten eine verkürzte Argumentationskette als Lösung an, die häufig Rassismus und Antisemitismus beinhaltet. Beispielsweise nehmen sich „rechte Kapitalismuskritiker“ häufig allein jüdische Kapitalisten heraus und lenken damit von der herrschenden Klasse als ganzes ab, indem sie die religiöse Zugehörigkeit oder Herkunft als Grund für deren Handeln darstellen. Diese Theorien führen somit zu Spaltung und lenken vom gemeinsamen Kampf gegen die tatsächliche herrschende Klasse ab.
Als fortschrittliche Gruppen und Personen müssen wir hier gegenhalten: wir sehen die Probleme, die Verschwörungstheorien häufig ansprechen. An Beispielen wie dem Cum-Ex-Skandal oder den Panama-Papers werden nur kleinste Teile der Einflussnahme der herrschenden Klasse auf unsere Gesellschaft deutlich. Die Aufgabe muss sein, tatsächliche Kapitalismuskritik zu formulieren, die Antworten auf die Fragen bereitstellen, die Zeiten wie unsere aufwerfen. Die drohende Ausweitung der Wirtschaftskrise und damit einhergehende Unsicherheit, wachsende Kriegsgefahr und Spaltung der Gesellschaft lassen viele Menschen an diesem System zweifeln. Das Vertrauen in Medien und staatliche Institutionen ist geschwächt, und das nicht ohne Grund. Die Menschen sprechen nicht umsonst von „denen da oben“ – wir müssen aufzeigen, dass diese eben weder Einzelpersonen wie Bill Gates sind, noch eine bestimmte ethnische oder religiöse Gruppe oder ein kleiner Kreis von bösen Menschen. Dass es überhaupt eine Gruppe von Menschen geben kann, die solch einen Einfluss auf Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Medien haben – das ist das Problem. Und dieses Problem hat einen Namen: Kapitalismus.
In Zeiten der Krise, in denen ein großer Teil der Menschen auf Risse, Widersprüche und Probleme in unserem System aufmerksam wird, liegt es an uns, Protest von unten zu organisieren, der solidarische Lösungen aufzeigt – und keinen Raum für rechte und faschistische oder verkürzte Antworten zulässt.

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