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“Chinese Virus” Rassismus in Zeiten von Corona

Das neuartige Virus SARS-CoV-2, auch Coronavirus genannt, wurde zum Jahreswechsel 2019/2020 in China das erste Mal festgestellt. Vermutlich wurde es auf einem Markt in Wuhan, in der chinesischen Provinz Hubei, erstmals vom Tier auf den Menschen übertragen. In Wuhan, wo Forscher*innen das Virus erst erkennen und einordnen mussten, brach die erste große Epidemie aus. Bilder von leeren Straßen und überfüllten Krankenhäusern schwemmten die Medien weltweit. In den ersten Wochen wurden nur vereinzelte Fälle außerhalb von China verzeichnet und die Weltgesundheitsorganisation rief erst Ende Januar eine „gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite“ aus. Die Welt begann sich auf eine Pandemie vorzubereiten – und anscheinend gehört zu dieser Vorbereitung auch eine gehörige Portion antichinesischer Rassismus.

Wer die Berichterstattung im Januar und Februar verfolgt hat, dem wird vielleicht aufgefallen sein, dass das Virus zuerst als „chinesisches Problem“ behandelt wurde. Die mögliche Ausbreitung im Rest der Welt, besonders in den westlichen Ländern, wurde nur am Rande beleuchtet. Stattdessen begannen Zeitungen, Titelseiten wie die des „Spiegels“ von Mitte Februar rauszubringen. Auf diesem ist ein Mensch in Schutzkleidung und Atemmaske zu sehen, der ein iPhone in der Hand hält. In fetter gelber Schrift steht darunter: „Made in China“. Die platte und inhaltslose Anspielung, dass das Handy sowie der Virus „Made in China“ seien, spielen hierbei eine untergeordnete Rolle. Das Titelblatt hätte alle möglichen Fragen aufwerfen können, zum Beispiel ob unser Gesundheitssystem auf eine Pandemie vorbereitet sei oder wie Wuhan gegen die Epidemie kämpft. Stattdessen wurde sich auf den plumpen Fakt konzentriert, dass das Virus das erste mal in China ausgebrochen ist – „hergestellt“ in China ist hier keine objektive Feststellung, sondern unterstellt eher eine absichtliche Ausbreitung des Virus. Die „BILD“ bringt am 29.01.2020 die Schlagzeile „Bisher 132 Coronavirus-Tote – Können wir den Chinesen vertrauen?“. Ob man der chinesischen Regierung mit den Infos über das Coronavirus vertrauen könne, hätte man sicherlich auch anders fragen können (und falls man eine Antwort auf diese Frage sucht: ja, kann man. Die Weltgesundheitsorganisation hat mittlerweile einen Bericht veröffentlicht der Chinas Umgang mit dem Ausbruch lobt – ganz entgegen der Berichterstattung westlicher Medien). Stattdessen wird „den Chinesen“ misstraut. Kein Wunder, dass viele asiatische Restaurants schon im Februar meldeten, dass ihre Besucherzahlen zurückgehen würden und sie immer mehr von rassistischen Vorurteilen betroffen seien. Außerhalb von Deutschland sieht es nicht besser aus. Donald Trump nannte das Virus von Anfang an nur „Chinese Virus“. Dem US-Präsidenten passt diese Rhetorik gut in den Kram, macht er doch schon seit Jahren Stimmung gegen China. Wenig später brach Panik in den USA aus, die sich in einer spätkapitalistischen Gesellschaft, wo jeder gegen jeden kämpft darin ausdrückt, dass Mensch, um Hund und Haus zu schützen, nicht Nudeln, sondern Waffen hamstert. Die ersten, die sich mit Waffen eindeckten, waren laut „tagesschau“ am 18.3.2020 besonders Menschen asiatischer Abstammung, die Angst vor Übergriffen hatten – also weniger Schutz des Eigentums als Schutz des eigenen Wohlergehens. Diese Angst scheint berechtigt, denn die Stimmungsmache hat Folgen. In den USA wie auch in Deutschland oder Großbritannien werden immer mehr Fälle bekannt, in denen asiatisch-stämmige Menschen bedroht, beleidigt, mit Desinfektionsspray attackiert oder sogar geschlagen wurden. In den sozialen Medien teilen Menschen ihre Erfahrungen unter dem Hashtag #IAmNotAVirus. Von dem anitchinesischen Rassismus sind viele Menschen, die asiatisch-stämmig aussehen betroffen – dass äußerliche Merkmale oder Herkunft keine Rolle darin spielen, wie wahrscheinlich jemand infi ziert ist, scheint im Bewusstsein vieler Menschen noch nicht angekommen zu sein. Den größten Anteil daran haben Medien, die diese Stimmung mit einschlägigen Titelseiten und Schlagzeilen befeuern sowie Regierungen, die im Sinne ihrer wirtschaftspolitischen Interessen Rassismus und Spaltung im eigenen Land fördern. Als Menschen, die alle gleichermaßen von dem Virus betroffen sind müssen wir gerade in Zeiten der Krise zusammenstehen und durch solidarisches Handeln und gegenseitige Unterstützung der Spaltung etwas entgegensetzen.